Arbeiten, aber wo? – 3 Monate Bali 4/12

Jedes, gut, fast jedes Hotel, Restaurant, Bar oder Guesthouse hat Internet. Meist mit guter, heißt schneller Verbindung. Daher ist es im Prinzip möglich mit der Arbeit überall zu starten. Voraussetzung ist natürlich, dass sich diese Arbeit per Laptop, Handy und Skype erledigen lässt. Das engt den Kreis derjenigen, die das machen können natürlich erheblich ein. Niemand wird versuchen übers Internet Brötchen zu backen oder medizinische Eingriffe durchzuführen. Doch halt, die Herstellung und der Vertrieb von Brötchen lässt sich über Dienstleister vor Ort natürlich auch von Bali aus organisieren. Ebenfalls macht es Telemedizin möglich, von jedem Ort der Erde aus bei Operationen zu assistieren bzw. zu konsultieren. Das aber ist ein anderes Thema und ein weites Feld.

Doch bevor es losgehen kann, stellt sich die Frage, wo? Das Cafe eignet sich in der Regel nur für ein paar wenige Dinge. Email, WhatsApp etc. Für Arbeiten, die mehr Aufmerksamkeit fordern, ist die Atmosphäre zu unruhig, die Geräuschkulisse zu hoch. Als nächstes dann das Homeoffice, also die Unterkunft. Da kommt es darauf an, wie viele Rückzugsmöglichkeiten sie bietet. Ist es ruhig dort, die Atmosphäre freundlich, dann geht das. Die dritte Möglichkeit zu arbeiten, sind sogenannte Coworking Spaces. Sie bieten alles was das Büro in der Firma auch bietet. Technik, Mobiliar, Versorgung, Essen und Trinken. Im Grunde sind es Großraumbüros, wie sie heutzutage bei vielen Startups zu finden sind. Nur eben, wie hier auf Bali, an schönen Orten. Die Coworking Spaces sind in der Regel und aus vielerlei Gründe die geeignetsten Orte dafür. Doch dazu später mehr.

Es gibt einige hier in Canggu. So heißt der Ort, in dem ich die drei Monate verbringen werde. Da wäre zuvorderst der Platzhirsch Dojo Bali mit vielen Nutzer und gelegentlicher Enge an den Tischen. Weitere sind das Tropical Nomad, Connco Work Hub oder Tribe Theory Bali. Die Entscheidung für das eine oder das andere hängt von den persönlichen Vorlieben ab. Ich habe mich für das Tropical entschieden. Ja, es ist nett, die Ausstattung der Räume gefällt mir, doch in erster Linie war es die Lage. Das Tropical liegt nahe meiner Unterkunft. Und da der Verkehr in Canggu mörderisch ist, ist jede Minute, die nicht auf der Straße zugebracht werden muss, Gold wert.

So, die Basis ist gelegt. Schauen wir mal wie es weiter geht.

Wo ist die Expatriateabteilung? – 3 Monate Bali 3/12

Bei größeren und vor allem den ganz großen Unternehmen gibt es interne Dienstleister für alles. Sie buchen Flüge, kümmern sich um die Unterkunft, besorgen Wohnungen, mieten Autos, kontaktieren Ärzte, regeln Behördenkram und sorgen dafür, dass der Auslandsaufschlag aufs Gehalt pünktlich kommt. Ich will ja nicht meckern, aber wo sind die jetzt?

Dem Taxifahrer sollte ich schon erklären, wo mein Hotel denn nun genau liegt. Nein, kein Hotel, es ist ein kleines Haus. Ob es dieses hier ist? Nein ist es nicht. Oder doch jenes? Kein Ding, gemeinsam haben wir es hingekriegt.  Da gestaltete sich die Beschaffung von Bargeld schon komplizierter. Es soll an jeder Ecke ATMs geben. In Deutschland besser bekannt unter dem Namen Bargeldautomat. Es gibt genügend hier, sie tarnen sich zwar gelegentlich und sind mitunter so schwer zu erkennen wie Rehe im Wald, aber sei es drum, sie sind da.

Von außen betrachtet wirken sie unscheinbar. Sie haben allerdings ein Eigenleben, das sich erst offenbart, wenn sie die Kreditkarte im Schlund haben. Einige lassen dann alles mit sich machen, wie bewusstlose Kaninchen. Also sollte ich die Geheimnummer eingeben, Betrag  und jede Menge Fragen nach dem Prozedere bestätigen, um ganz am Schluss den Satz auf dem Bildschirm zu lesen : „Tut uns leid, aber der Prozess kann nicht ausgeführt werden“ Einige andere ATMs geben Pfeifgeräusche von sich, als wären sie kochende Wasserkessel oder strecken gleich alle viere von sich. Leise, dunkel und still wie  ein Hochgebirgssee stehen sie vor mir.  Doch wie immer im Leben, am Ende klappt es doch. Der sechste ATM gab Geld raus. Wenig, aber ich will nicht kleinlich sein.

Die ATMs nerven, dennoch eines wird klar. Wer als Digital Nomad durch die Welt zieht, sollte sich keinen Illusionen hingeben. Es warten überall Dinge, die nicht oder nur mau funktionieren. Das kostet Zeit, Nerven und am Ende auch Geld. Aber gut, es fällt auch sofort etwas ab. Mir ist eine neue Geschäftsidee gekommen. Ich gründe das Unternehmen DINEF. DIGITAL NOMAD EXPATRIATE FACTORY Slogan: Mach dein Ding, wir machen den Rest. Ich wäre mein erster Kunde.

Überleben nicht inklusive – 3 Monate Bali 2/12

Die Anreise nach Bali gestaltet sich völlig problemlos. Rein in den Flieger, einmal umgestiegen (Singapur) und das war es dann auch schon. Dauert eigentlich auch nicht viel länger, als am Wochenende durch den Elbtunnel zu fahren. Der Unterschied liegt in dem was danach kommt. Nach dem Elbtunnel kommt meistens… nichts. Ein paar Kühe entlang der Autobahn vielleicht. Nach dem Verlassen des Flughafens auf Bali kommt immer… viel. Viele Menschen, viele Autos und vor allem viele, viele, viele Motorroller, hier auch gern liebevoll, harmlos, Scooter genannt. Als Kind habe ich versehentlich mal ein Wespennest aufgescheucht, war so ein ähnliches Gewusel, nur dass die Scooter hier niemanden stechen. Sie überfahren einen einfach, was ich mir am Ende auch nicht unbedingt angenehmer vorstelle. Tut mir leid, ich will hier jetzt keine schlechte Stimmung verbreiten, aber wer mit seinem Leben Schluss machen will, sollte nicht an Brücken denken oder nachts auf Schiffen über die Reling hoppen, ein beherzter Schritt auf eine der balinesischen Hauptstraßen reicht völlig aus.

Ankunft Flughafen Bali. Um dem Wahnsinn zu entgehen, habe ich mich durch einen gewagten Sprung in eine offene Taxitür gerettet. Was ich dann hörte, klang so verlockend, so sanft wie eine sonntägliche Predigt im Frühstücksradio. „Sir, where do you want to go?“ Ja, was weiß denn ich. Mir völlig egal. Irgendwohin. Hauptsache weg hier. All das sagte ich natürlich nicht, stattdessen zeigte ich sprachlos und so souverän wie es jemandem möglich ist, dessen Leben gerade auf der Kippe stand, auf meinem Handy die Adresse, zu der ich wollte. „Sir, please don`t walk. It is very dangerous.“ Aha, ist mir gar nicht aufgefallen. Ich dachte vielmehr, dass Scooter das probate Mittel gegen zu viele Fußgänger sind. Und sie scheinen außerordentlich erfolgreich damit zu sein. Denn außer mir war weit und breit kein Anderer auf die wahnwitzige Idee verfallen, zu Fuß zu gehen. Aber auch das behielt ich für mich.

Meine erste Lektion auf dem Weg zur Arbeit. Gehe nie, aber auch niemals zu Fuß. Denke gar nicht erst, weshalb denn nicht, es gibt doch Bürgersteige. Was du für Bürgersteige hältst, sind allerhöchstens Parkflächen für Scooter und Autos oder Hundeschlafpätze. Wer sich da aufhält, will entweder seinem Leben ein schnelles Ende bereiten oder aber von lustigen Vierbeinern für Lebendfutter gehalten werden. Doch das ist wieder ein anderes Thema.

Arbeite doch wo du willst – 3 Monate Bali 1/12

Jeden Morgen in dasselbe Gebäude, an denselben Schreibtisch und das meist auch noch zur immer gleichen Zeit, muss so der Arbeitsalltag aussehen? Vielleicht, aber es geht möglicherweise auch anders. Und wie dieses Andere aussieht, will ich die nächsten drei Monate ausprobieren. Dazu habe ich mich aufgemacht nach Bali. Diese Insel ist bekannt dafür Menschen anzuziehen, die im Prinzip überall auf der Welt arbeiten können.  Dank eines Jobs, der sich dafür eignet, und der digitalen Technik, die das ermöglicht.  Okay, dann mal los. Auf ins Getümmel der neuen Arbeitswelt.

Keine Angst vor freien Radikalen

Umbrüche entstehen durch neugierige, mutige Menschen mit einer hohen Respektlosigkeit gegenüber unmöglichen Dingen. Jetzt ist eine gute Zeit sie an Bord zu holen.

Sehen Sie ihn auch? Diesen kleinen, blauen Kobold der durch die Flure Ihrer Klinik rennt. Mit wirren Haaren, irrem Blick und dröhnender Stimme raunt er die immer gleichen Worte: “Geht nicht, will ich nicht, kann ich nicht, kein Geld, kriegen wir nie durch, habe andere Sorgen, das ist mir zuviel, nicht genug Personal, arrogante Ärzte, renitentes Pflegepersonal, stumpfe Verwaltung, inkompetenter Aufsichtsrat. Wird Zeit ein wenig Optimismus reinzubringen, oder?

Okay, fangen wir also an. Erste Lektion. Lassen Sie den Kobold einfach laufen. Denn obwohl er sein Unwesen treibt funktioniert Ihr Unternehmen. Mal etwas besser, mal etwas schlechter. Und auch die Stimmung in der Belegschaft folgt wie die Ertragslage einem wiederkehrendem Auf und Ab. Auch wenn sich die Lage, wie derzeit bei den Personalengpässen zuspitzt, so ist ist sie doch nie von Dauer. Das zu organisieren ist Tagesgeschäft und wenn Sie so wollen unser aller täglich Brot.

Zweite Lektion. Kümmern Sie sich um die Zukunft. Denn was heute gut funktioniert birgt nicht die Garantie auch morgen noch gut zu sein. Sehr viel wahrscheinlicher ist, das morgen ganz andere Spielregeln gelten als heute. Schon jetzt ist klar, wir leben in einer Zeit die unsicher, unbeständig, komplex und mehrdeutig ist. Und angetrieben wird diese Welt durch Digitalisierung. In ihrem Maschinenraum stehen keine Verbrennungsmotoren, sondern Computer. Ihr Treibstoff ist künstliche Intelligenz, nicht Öl. Um diese Welt zu erschließen  brauchen wir Menschen die bereit sind absolutes Neuland zu betreten. Die es nicht nur gewohnt sind in unsicheren, unbeständigen, komplexen und mehrdeutigen Arbeitswelten zu bestehen, sondern diese geradezu suchen. Wir brauchen mutige,neugierige, hungrige, junge Entdecker*innen.

Dritte Lektion. Schaffen Sie Räume. Versuchen Sie gar nicht erst ihren großen Tanker Unternehmen komplett umzukrempeln, Sie werden grandios scheitern. Sinnvoller ist es kleine Satelliten zu etablieren die fernab jeder Klinikroutine, sich und ihre Ideen ausprobieren können. Mit einem Budget zum Experimentieren und der Freiheit Wege zu gehen die kurzfristig mehr Geld kosten als sie einbringen. Die Regel könnte lauten: fail fast – fail cheap was so viel heißt wie scheitere schnell und scheitere billig. Denn nicht jede Idee ist es wert weiterverfolgt zu werden und durch eine solche Regel ist das finanzielle Risiko übersichtlich.

Was halten Sie von einem Satelliten, einer Station/Bereich in dem die Hälfte der Mitarbeiter aus dem Haus kommt und die andere junge, digital Erfahrene von Außen sind? In der Chefärzte Teammitglieder sind und nicht mehr Rechte haben als andere. Wo die Pflegekräfte deutlich höher bezahlt werden als jetzt. Prozesse vollständig digitalisiert, Patienten verlässliche Ansprechpartner und alle Mitarbeiter faire und planbare Arbeitszeiten haben um nur einige wenige Punkte zu nennen. Sehr gut denkbar, dass sich für ein solches Modell genügend Mitarbeiter*innen finden die mitmachen wollen. Was meinen Sie?

Das Dilemma des Mittelmanagement

80% Prozent von 12000 befragten Beschäftigten einer Studie wollen flache Hierarchien. Sie möchten zwar die Chefs nicht abschaffen, aber doch so wenig Vorgesetzte zwischen sich und der Geschäftsführung wie nur irgend möglich.

Damit liegen sie im Führungstrend der meisten Unternehmen. Ihr Ziel ist es Prozesse  zu beschleunigen und Entscheidungsstrukturen drastisch zu vereinfachen. Das spart Geld, ist aber nicht der Hauptgrund. Der besteht darin schnell zu sein um besser auf Veränderungen reagieren zu können. So will Daimler seine Entscheidungsstrukturen von derzeit sechs Ebenen auf zwei verkleinern.

Der Weg, um es vereinfacht auszudrücken, besteht darin, oben die Entscheidungen zu fällen, die dann unten umgesetzt werden. Wie ist dann Sache der Beschäftigten. Sollte es jetzt noch ein sogenanntes Mittelmanagement, besteht dessen Rolle meist darin beratend tätig zu sein.  Sie organisieren, kommunizieren, weisen Wege und Möglichkeiten, verzichten, bzw. besitzen kein Weisungsrecht.  Die Führungskraft als Coach der Mitarbeiter.

Für das Mittelmanagement wird der Job dadurch komplizierter. Angesiedelt zwischen oberen Management und den Fachkräften, sitzen sie eingeklemmt wie die Hackfleischscheibe zwischen zwei Brötchenhälften. Mit der Tendenz zwischen ihnen zerrieben zu werden, falls kein klarer und eindeutiger Handlungsspielraum eingeräumt wird. Dieser Gestaltungsraum muss, um wirksam zu sein, hart und darf keinesfalls beliebig sein. Grenzen und Möglichkeiten des Mittelmanagement müssen klar sein, ihre Durchsetzungskraft darf nicht durch Unklarheit in der Verantwortung geschwächt werden. Anderenfalls droht weitestgehende Wirkungslosigkeit den die Führungskräfte im Mittelmanagement Stress und ausbrennen bezahlen werden.

Als Erkenntnis aus dieser Analyse kann gelten, wer ins Mittelmanagement geht, muss darauf achten nicht zum Frühstücksdirektor mit Coachingfunktion zu degenerieren, sondern klare Verantwortungs- und Gestaltungsbereiche bei angemessen hoher Vergütung fordern. Ist das nicht durchsetzbar, Hände weg vom Job im Mittelmanagement.

 

Inkompetent? Ich, niemals.

Mit der Inkompetenz ist es wie mit dem Tod, es leiden darunter immer die Anderen. Man selbst kriegt es ja nicht mit. Allerdings hat das auch sein Gutes.

In jungen Jahren besaß ich einen R4. Das war ein Auto, an dem die geneigten Besitzer noch alles selbst reparieren konnten. Was ich mit großer Begeisterung und mäßigen Erfolg auch gemacht habe. Seit Autos jedoch die Komplexität ausgewachsener Mondraketen haben, ist das vorbei. Um meine Mechanikerhände dennoch geschmeidig zu erhalten, habe ich Wasserhähne für mich entdeckt. Sie sind übersichtlich, unterliegen nicht der Straßenverkehrsordnung und kennen nur zwei Aggregatzustände, tropfen oder tropfen nicht.

Und unser Badewannenhahn tropfte. Zeit etwas zu unternehmen. Endlich waren meinen Fähigkeiten wieder gefragt. Den ganzen Hahn einfach wechseln, kam natürlich nicht in Frage. Zu einfach und wenig prestigeträchtig. Zumal an dem Tag gerade unser Heizungsmonteur im Haus war und zögerlich nachfragte, ob ich mit der Aktion nicht bis Montag warten wollte. Es ist Freitag und er habe am Wochenende Notdienst… Diese kleine Ratte.

Also ab zum Baumarkt, zwei Innenventile gekauft und wie frisch erlegtes Großwild nach Hause getragen. Wasser abgestellt, Werkzeug angesetzt und raus mit dem alten Kram. Nun ja, es ging ein wenig schwerfällig. Die neuen Teile wollten nicht richtig reingehen. Kein Problem, wozu gibt es die Hebelwirkung. Knackte ein bisschen im Hahn, aber nach kurzer Zeit saßen die neuen Dinger bombenfest. Hauptwasserhahn wieder aufgedreht, anschließend 300 Liter Wasser aus dem Badezimmer geschaufelt, Wandfarbe erneuert, Badmöbel erneuert und drei Föhn tagelang laufen lassen.

David Dunning und Justin Kruger müssen Menschen wie mich vor Augen gehabt haben, als sie ihre Forschungsergebnisse so zusammen fassten:

„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. Die Fähigkeiten die er braucht, um eine richtige Lösung zu finden, sind genau jene Fähigkeiten, die er braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

Allerdings und das ist das Gute an einer schönen, prallen und von Selbstzweifeln verschonten Inkompetenz, sie steigert das Selbstvertrauen enorm, so Dunning-Kruger. Wir (die Inkompetenten) gehen erhobenen Hauptes durch die Welt, sind von unseren Fähigkeiten ebenso überzeugt, wie von den Unfähigkeiten der Menschen um uns herum. Manche, die uns unsere Fähigkeiten absprechen wollen, sagen, wir leiden unter Selbstüberschätzung. Das stimmt doch einfach nicht! Wann, wenn nicht an diesem Freitag, hätte ich die Grundrenovierung unseres Badezimmers denn sonst machen sollen?

 

Selbstbestimmung fördert Missbrauch

Wichtiger als Geld ist den meisten Menschen selbstbestimmtes Arbeiten, ohne großartige Regeln und Einschränkungen. Doch soviel Freiraum im Job öffnet, laut Wissenschaft, die Tür zur Unehrlichkeit. Ist also Kontrolle doch notwendig?

Arbeiten wann, wo und wie lange wir wollen. Ob im Cafe oder im Büroturm, ob auf Bali oder in Bochum, Hauptsache die Aufgabe wird erledigt. So oder ähnlich sieht die Arbeitswelt einiger jetzt schon aus und es werden sicher mehr werden, deren Alltag keine nennenswerten Einschränkungen mehr aufweist. Womit wir gleich bei der alles entscheidenden Frage sind: „Arbeiten die Leute wirklich oder liegen sie nicht eher faul in der Ecke rum und werden dafür auch noch bezahlt?

Wissenschaftler aus Israel und den USA sind dieser Frage nachgegangen. Sie fanden heraus, dass selbstbestimmtes Arbeiten unehrliches Verhalten begünstigt. So neigten die Versuchspersonen in der Feldstudie dazu die eigene Arbeitszeit höher anzugeben als tatsächlich und mehr private Telefonate zu führen als angegeben. Diese Verhalten war unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Führungsfunktion oder Größe des Unternehmens. Auch die Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz spielte keine nennenswerte Rolle. Lediglich MitarbeiterInnen mit einem hohen Bedürfnis nach selbstbestimmter Arbeit zeigen dieses Verhalten nicht. Sie neigten deutlich weniger als die Vergleichsgruppe, zu unehrlichem Verhalten.

Aus dem Ergebnis lässt sich unschwer ableiten, dass es sich für Unternehmen lohnt, Menschen einzustellen, die schon im Bewerbungsverfahren selbstbestimmten Arbeiten eine hohe Priorität einräumen. Wer hingegen viele Freiräume vorfindet ohne explizit darauf zu bestehen, könnte diese neue Freiheit ausnutzen.

Das Ergebnis will ich gar nicht infrage stellen, dennoch, es führt kein Weg daran vorbei MitarbeiterInnen und Führungskräften viel, viel mehr Freiräume und Gestaltungsfreiheiten einzuräumen, als bisher. Nur so entfalten sie ihr gesamtes Potenzial und weichen ab von der „Sag mir was ich tun soll, und ich tue es“ Haltung. Und zu diesen Freiräumen gehören eben auch private Telefonate, zwischendurch das checken der sozialen Medien oder auch die Besprechung mit einem Kunden im Cafe, wo das angebracht und dem geschäftlichen Zweck förderlich ist. Dazu gehört auch eine Kultur in der das Lügen nicht mehr notwendig ist, weil niemand danach fragt was man/frau so den ganzen Tag arbeitet. Es geht um das Ergebnis, dass mit dieser Form der Arbeit erreicht wird und nicht um den Weg der dorthin führt. Mitarbeiter die das als Freibrief zum Faul sein missverstehen, sind, wie wir längst wissen, die absolute Minderheit und sollten entlassen werden.

Es wäre fatal wenn wir die paar Hanseln, die die Freiheit missbrauchen, dadurch einfangen, dass wir der gesamten Mannschaft die Selbstbestimmung nehmen. Freiheit ist ein zentraler Schlüssel, die Dinge besser zu machen.

Selbstgespräche

Mit anderen reden ist immer eine gute Sache, die Königsdisziplin jedoch ist das Selbstgespräch. Nichts ist so erhellend wie sich selbst zuzuhören. Jedoch nicht überall.

Wenn ich jetzt behaupten würde das Selbstgespräche viele, sogar wissenschaftlich belegte Vorteile haben, würde es nichts an deren schlechter Reputation ändern. Wer mit sich selbst redet ist in den Augen anderer irgendwie komisch, schräg drauf oder leicht gestört. Das ist nach wie vor so, auch wenn es anders sein sollte. Daher die gute Nachricht vorweg, das ist eine Herausforderung, da müssen wir durch.

Wer die Vorteile der Selbstgespräche genießen will, muss die Nachteile in Kauf nehmen. Abzuraten ist jedoch von ausgiebigen Selbstgesprächen auf dem Büroflur. Außer dem Angebot eines fürsorgenden Kollegen „Ich kenne da einen guten Psychologen, bei dem war ich selbst schon, fähiger Mann, verschreibt auch Medikamente“ werden Sie nichts weiter ernten. Ebenfalls abzuraten ist von der Mittagspause mit einer Tüte Pommes in der Hand. Zu sehr könnte der Eindruck entstehen Sie sprechen mit den Pommes und hielten die Tüte für ein Mikro.

Wenn Sie jedoch allein und von anderen unbeobachtet sind, sieht die Sache schon ganz anders aus. Dann kann das Selbstgespräch seine unschätzbaren Vorteile voll ausspielen. Mit ihm lassen sich alle Formen von Szenarien durchspielen, bevorstehende wie vergangene gleichermaßen. Wie etwa ein Gespräch verlaufen ist, was man gesagt, gedacht oder geantwortet hat. Diese Form der Selbstgespräche nennt Thomas Brinthaupt „Soziale Einschätzung“.  Seiner Ansicht nach können wir dadurch Kritik an uns selbst richten oder uns Anweisungen geben was wir sagen und tun, oder lieber lassen sollten.

Brinthaupt hat eine Studie veröffentlicht in der er einige Szenarien beschreibt, in denen Selbstgespräche positiv wirken. So hilft das gebetsmühlenartige runterbeten von bestimmten Fakten oder Formulierungen sie sich besser einzuprägen. Lösungen  lassen sich besser finden, wenn wir uns Fragen stellen und die dann beantworten. Ähnliches gilt bei Entscheidungen. Auch hier werden im Selbstgespräch Pros und Contras einer Entscheidung gegenüber gestellt und abgewogen. Ganz besonders hilfreich sind Selbstgespräche wenn es um Wut oder Enttäuschungen geht. Hier wirken Selbstgespräche als Ventil und sind ein wertvoller Aspekt der Psychohygiene.

Mit der Bohrmaschine kurz mal zwei Löcher bohren um den Badezimmerspiegel aufzuhängen ist die eine Sache. Dabei festzustellen, dass in der Wand Stromleitungen verborgen sind und diese wenig erfreut reagieren wenn sie mit Bohrern in Berührung kommen, eine völlig andere.  Mein Selbstgespräch war bis zu den Nachbarn zu hören. „Verdammte Idioten. Welcher verblödete Elektriker hat genau hier Leitungen verlegt? Hat den hier keiner mit gedacht? Und wozu mein lieber Schröder hast du ein Leitungssuchgerät gekauft? Damit lassen sich Stromleitungen finden. Man muss es aber auch benutzen, alter Möchtegernhandwerker.“ Wie Sie sehen können, duze ich mich. Nur in heiklen Fragen gehe ich zum sie über. Das schafft die nötige Distanz. Das wußte schon Heinz Erhard.

Ach ja, wenn Ihnen das alles hier bekannt vorkommt, kein Wunder. Wir haben es als Kinder gelernt. Für Zweijährige ist es ein normaler Entwicklungsschritt mit sich selbst zu reden. Jedes zweite Kind im Alter von drei bis fünf Jahren reflektiert im Dialog die Erlebnisse des Tages vor dem Schlafengehen, so der Psychologe Adam Winsler in einer Studie

Lieber mal was falsch machen

 

Fehler bringen uns weiter. So oder ähnlich werben Unternehmen und meinen es doch ganz anders. Die wahre Information lautet nämlich: Mach bloß keinen Fehler, sonst bist du weg vom Fenster. Das ist schade, denn die Hirnforschung legt nahe, dass wir viel aus den Fehlern anderer Menschen lernen. Also sollten wir den Chef doch auffordern weiter Fehler zu machen?  „Lieber mal was falsch machen“ weiterlesen