Auf die Ohren

Noch sind sie Kennzeichen der smarten Startup Szene, doch bald werden sie auch die Büros der traditionellen Unternehmen erobern. Die Rede ist von Kopfhörern. Dabei ist die entscheidende Frage nicht ob wir das Tragen während der Arbeitszeit erlauben, sondern welche Vorteile das hat.

In Bahn, Bus oder Flieger haben wir alle schon die Vorteile von Kopfhöhrern schätzen gelernt. Sie schotten uns vom Gerede und Lärm unserer Umwelt ab. Wir müssen nicht mehr ungefragt mitanhören was Tante Erna auf dem Geburtstag getan, der Sohn mal wieder nicht getan und Kollege*in Ovenstolz schon wieder verbockt hat. Stattdessen hören wir unsere Lieblingsmusik, ein spannendes Hörbuch oder den neuesten Spiegel Podcast. Die meisten von uns mögen das.

Diese Akzeptanz hört jedoch schlagartig auf, wenn es darum geht, während der Arbeitszeit so etwas zu erlauben oder gar zu fördern. „Wo kämen wir den da hin, wenn hier jeder Musik hören wollte, statt zu arbeiten“. Ja, wo kämen wir denn hin? Vielleicht zu einer konzentrierten Form des Arbeitens? Zu mehr Zufriedenheit?

Machen wir uns nichts vor, es wird über kurz oder lang völlig normal sein, dass Mitarbeiter*innen in Büros die keinen oder nur sehr sporadischen Kundenkontakt haben, Kopfhörer tragen werden. Schon allein deshalb weil es für die heutige Generation gang und gäbe ist und sie darauf auch während der Arbeit nicht verzichten wollen und werden. Statt es zu verteufeln oder zu behandeln wie in den Anfängen des Internets (nur Führungskräfte hatten Zugang oder konnten eMails empfangen, etc) sollten wir es aktiv forcieren.

In Büros mit mehreren Arbeitsplätzen und das ist zunehmend die Regel, herrscht ein konstanter Lärmpegel. Konzentriertes Arbeiten ist nur noch bedingt möglich. Kopfhörer ermöglichen, wie in Bus oder Bahn auch, sich davon abzukoppeln. Mitarbeiter*innen können sich so voll und ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Ob dies mit Musik oder ohne geschieht, bleibt der Vorliebe der Einzelnen überlassen. Ebenso wie die Auswahl der Kopfhöhrer. Ob groß und fett auf dem Kopf oder klein und unauffällig im Ohr versteckt. Was zählt ist was gefällt.

Der Einwand, damit sind Mitarbeiter*innen nicht mehr ansprechbar, sollte kritisch betrachtet werden. Denn genau genommen ist die permanente Ansprechbarkeit kein wünschenswerter Zustand. Er entstammt dem altem Denken, stets und dauernd für alle und alles verfügbar zu sein. In Zeiten von Einzelbüros, mit nur einem Telefon und einer Tür war das vertretbar, in Zeiten von Multichannel Kommunikation in Großraumbüros, ist das jedoch ein Anachronismus der aufgegeben werde sollte. Wir werden bombadiert und herausgefordert von einer Vielzahl an Störungen. Ein Kopfhörer bietet hier Abhilfe und erlaubt schnell und einfach die Nutzung musikalischer Escaperäume.

Hinzu kommt, und das darf keinesfalls übersehen werden, gezielt und punktuell in eine selbst gewählte, angenehme Atmosphäre zu entschwinden, kommt nicht nur dem Output (bessere Arbeitsleistung) zugute, sondern erhöht auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen. Sie können sich so eine angenehme Atmosphäre mit ihrer Lieblingsmusik schaffen. Daher empfehle ich das Tragen von Kopfhörern ausdrücklich zu erlauben und als willkommene Arbeitshilfe zu begrüßen.

Alles hat seinen Preis

Für viele ist es eine ausgemachte Sache, die Digitalisierung wird uns auffressen und zerstören was uns lieb und teuer ist. Der Geist ist endgültig aus der Flasche und nichts und niemand bringt ihn dahin zurück. Gleichgültig was wir davon halten, das ist die Realität. Die Frage ist nicht ob wir es wollen, sondern ob wir bereit sind den Preis dafür zu zahlen.

Wir lieben unser Smartphone und alles was sich damit machen läßt. Was machen die Freunde gerade auf Facebook, welcher Film läuft heute im UFA Palast und ist jetzt endlich die neue Serie auf Netflix angelaufen? Oh, warte kurz, ich muß schnell schauen, ob Caro was auf Instagram gepostet hat. Wann ging gleich die Bahn? Egal, ich nehme Uber, ist ohnehin schneller und auch noch billiger. Das Smartphone aus der Hand zu legen, es gar nicht bei sich zu haben, es wäre so als würde ein Herzkranker die lebenssichernden Medikamente nicht nehmen. Und das hat bekanntlich seinen Preis.

Dem Herzkranken droht der leibhaftige Tod, denjenigen die ihr Handy weglegen der soziale. Und es ist nicht ganz klar was am Ende schlimmer ist. Denn wer will schon abgeschnitten sein von all dem Facebook, Instagram, Twitter und dem vielen schönen anderen? Da könnten wir ja gleich auf den Mond ziehen und dort eine preiswerte Mansarde mieten. Doch es gibt natürlich auch die kritischen Geister, die vor dem warnen was das Digitale alles mit uns anstellt. Dabei sind es keine Wurzelzwerge, mit selbstgestrickter Kleidung hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen leben, sondern oft die die diese schönen Geräte und ihre Inhalte produzieren. Die Frauen und Männer von Google und Co., die ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken und davor warnen ihnen nicht zu früh die Dinge in die Hand zu geben, die ihre Eltern erfunden haben.

Was also tun mit Handy und allem was damit zusammen hängt? Gar nicht nutzen scheint ebensowenig eine Lösung, wie sich dem ganzen hemmungslos hinzugeben. Der Mittelweg könnte Digital Detox sein. Eine Art digitaler Entgiftung. Ähnlich einem Junkie der auf die Droge verzichtet, wird das Handy für eine bestimmte Zeit ausgeschaltet. Je nach Schwere der Abhängigkeit für ein paar Minuten (Heavy User) bis zu mehreren Tagen (Light User). Damit sollen wieder die Vorzüge eines abstinenten, drogenfreien Digitalleben spürbar und erlebbar gemacht werden. Einige finden das ganz toll. Sie haben es geschafft ihr Handy einen ganzen Tag auszuschalten. Und sind stolz auf sich. Ich kann das verstehen. Dennoch scheint mir, dass dem eigentlichen Konflikt damit aus dem Weg gegangen wird.

Wenn ich mein Handy ausschalte hat das einen Preis. Den muss ich bereit sein zu zahlen. Ohne wenn und aber. Ich krige dann nicht mehr stündlich mit was die Welt, meine Freunde, die Familie oder wer sonst auch immer so treibt. Ich bin uniformiert. Je länger das Handy aus ist, desto stärker. Wenn ich das nicht will, dann bleibt nur das Handy an zu lassen. Dann darf ich aber nicht darüber jammern, dass mich das Handy auffrißt und ich den ganzen Kram eigentlich gar nicht will. Den Versuch die eigenen Verantwortung für das Tun und Handeln dem Medium oder dem Gerät auszuhalsen ist zwar verständlich, aber eine Flucht. Niemand außer uns trägt die Verantwortung für das was wir tun. Niemand hat uns eine Pistole vorgehalten damit wir das das Handy stets und ständig nutzen und uns im Fall einer Zuwiderhandlung mit Erschießen gedroht.

Das gilt übrigens nicht nur für das soziale digitale sondern für das berufliche Leben. Wer jemals versucht hat nicht ständig ins Emailpostfach zu sehen und sich dem Zwang zur sofortigen Reaktion zu entziehen, weiß welche Konsequenzen das haben kann und meist auch wird. Ermahnungen bitte sich zu melden, leise bis recht laute Kritik wo man denn sei, oder ob man einen Autounfall habe sind nur einige Reaktionen. Doch seine wir ehrlich, welche Email muss schon innerhalb eines Tages beantwortet werden? Wer stirbt daran oder welches Unternehmen geht in Konkurs wenn eine Antwort länger braucht? Doch wie immer hat ein solches Verhalten seinen Preis. Und der kann durchaus hoch sein. Zum Beispiel bei der nächsten Beförderung nicht dabei zu sein. Es hat eben alles immer seinen Preis. Aber wir haben auch immer die Wahl. Wir sollten uns also entscheiden und bereit sein den jeweiligen Preis zu bezahlen. Meinetwegen auch unter Murren. Aber lasten wir es nicht irgendwelchen Geräten oder Techniken auf. Die Lösung liegt bei uns. Wie so oft.

Resümee – 3 Monate Bali 12/12

Mir war wichtig Menschen kennen zu lernen, die ein (Arbeits) Leben als Digitale Nomaden führen. Verstehen was sie bewegt, was sie erleben und welche Auswirkungen es auf ihr Leben hat. Darüber hinaus wollte ich wissen wie es mir ergeht, fern der Heimat zu arbeiten.

Für die meisten die ich kennen lernen durfte, war die Frage danach ob sie sich dieses Leben dauerhaft vorstellen könnten, keine wirkliche Frage. „Erstmal mache ich das, was dann kommt werde ich sehen“, so ihre Haltung.  Da ausnahmslos alle unter 35 waren erstaunt das nicht wirklich. Es hängt schließlich von vielen Faktoren ab, ob ein solches Leben dauerhaft ist. Dieses „schaun wir mal“, gepaart mit einer glaubwürdigen Unbekümmertheit hat mich sehr beeindruckt.

Die Frage ob diese Zeit, dieses Leben sie verändert hat, bejahten sie. „Es macht dich unabhängig, du bekommst ein Gefühl dein Leben selbst zu gestalten und in der Hand zu haben.  Das kann dir niemand mehr nehmen.“ Mir scheint das ein wesentlicher Aspekt zu sein und es wird Auswirkungen haben, sollten diese Leute jemals in etablierte Strukturen von Unternehmen zurück kehren. Sie sind selbstbewusst, lassen sich wenig vormachen und sind bereit Strukturen zu verlassen, die ihnen nicht die nötige Freiheit geben. Gerade die Freiheit, sein Leben selbstbestimmt führen zu können ist ein wesentlicher Aspekt den wir beachten sollten, wenn wir diese Menschen für unsere Unternehmen gewinnen gewinnen wollen.

Für mich selbst war die Erfahrung zutiefst beeindruckend. Nicht nur die Arbeit hat die Digitalisierung vollständig verändert, sondern das Leben generell. Mir ist aufgefallen, dass fast alles was getan werden mußte, genauso gut von Bali aus erledigt werden konnte, wie vom heimischen Büro in Bremen. Seien es Überweisungen, Bestellungen, oder Gespräche führen, Unterlagen erhalten und verteilen oder Arbeitsinhalte abstimmen und erledigen, alles ist nur einen Klick entfernt. Einzig, das für meine Tätigkeit unerlässliche persönliche Gespräch, face to face, lässt sich nur schwer realisieren. Skype ist eine mögliche aber keine befriedigende Lösung. Für drei Monate geht das, länger nicht.

Daher glaube ich, das ein dauerhaftes Leben als Digitaler Nomade für einige wenige möglich und sinnvoll ist. Für die meisten Tätigkeiten ist eine Mischung meines Erachtens besser. Mir fällt kein besserer Begriff als „fluid work“ ein. Also die Mischung aus Büro, Homeoffice und Workspace. Je nach Notwendigkeit und Nutzen ist der Kontakt zu Kolleginnen, Teilnahme an Besprechungen etc. im Büro zielführend. Dann wiederum, um konzentriert und ungestört etwas zu erledigen, kann das Homeoffice der richtige Platz sein. Und Schlussendlich kann das Workspace, um übergreifend mit Kunden, Lieferanten etc. zu arbeiten,  der beste Ort sein. Nicht die Struktur oder das entweder oder steht im Vordergrund, sondern der Nutzen, der daraus resultiert, wo was am besten erledigt werden kann. Die Entscheidung darüber wo gearbeitet wird sollte bei denjenigen liegen die die Arbeit erledigen müssen. Und nicht bei den Chefs oder gar bei den meist überkommenen Strukturen.

Um meine Erfahrung hier in einem Satz zusammen zu fassen. „Geben wir unseren Mitarbeitern die Freiheit zu arbeiten wie, wann und wo sie es für richtig halten. “ Dann werden wir in der Regel die besseren Ergebnisse erzielen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung am ehesten gerecht. Denn die Freiheit ist es, die in erster Linie zählt. So viel davon wie möglich, so wenig Einschränkung wie nötig.  Dann werden unserer Unternehmen auch für die hoch qualifizierten Digitalen Nomaden, oder noch besser, für die vielen jungen Talente, die wir für die Gestaltung der Zukunft so dringend benötigen, attraktiv sein.

Ihnen liebe Leserinnen und Leser, danke ganz herzlich, dass Sie mich bei meiner kleinen Reise in die Welt der Digitalen Nomaden begleitet haben. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und viel Erfolg bei allem was Sie vorhaben.

Ihr Rolf Schröder

Alles anders? – 3 Monate Bali 11/12

Die Antwort auf diese Frage scheint ziemlich einfach, ja es ist völlig anders und doch nicht so wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Alles was die Umgebung angeht ist anders, doch die Routinen sind es nicht.

Nichts hier ist wie bei mir Zuhause, vielleicht außer der sommerlichen Wärme in Deutschland. In Bremen wachsen keine Palmen vor Haustür. Hinter unserem Haus befindet sich (zum Leidwesen meiner Frau) kein Pool. Es gibt wenige Balinesische Restaurants und frische Kokosnüsse für den kleinen Durst zwischendurch werden auch nicht angeboten. Scooter in großer Zahl fehlen fast völlig, auf Bali sind sie die Regel. Während ich mir in Deutschland gut überlege (Wetter, Temperatur, Entfernung) ob ich zum Schwimmen ans Meer fahre, ist Strand und blaues, klares Wasser hier nur einen Katzensprung entfernt. Soweit, so verständlich. Bali ist ein Ort an den die meisten Menschen fahren um Urlaub zu machen.

Da es sich bei meinem Aufenthalt nicht um einen klassischen Urlaub handelt ensteht fast von selbst etwas anderes, eine berufliche Routine. Ich gehe regelmäßig ins Workspace um zu arbeiten. Treffe dort mittlerweile auf einen Kern von Menschen die zur gleichen Zeit wie ich hier sind. Es ensteht eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl. Wie Zuhause arbeite ich hier meine eMail ab, plane und stimme Termine mit Kunden ab.  Persönliche Gespräche führe ich per Skype für die es hier eine Art Skype Kabine gibt. Damit die Gespräche vertraulich geführt werden können. Mein Arbeitsalltag hier ist zwar nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen, hat aber Ähnlichkeit. Es fehlt der Kern meiner Arbeit, das persönliche Gespräch das in der Beratung unerlässlich ist. Und Skype ersetzt das in keinem Falle.

Hätte ich einen Beruf der nicht zwingend darauf angewiesen wäre, ginge das, so aber ist es nur für eine begrenzte Zeit sinnvoll. Doch für andere Berufe, IT, Marketing oder Journalismus ist diese Form der Arbeit sehr gut vorstellbar. Was ich auch von den anderen hier bestätigt bekommen habe.  Sie kommen alle aus diesen Feldern.

PS
Heute habe ich den ersten Mann in meinen Alter hier gesehen. Es geht voran. 🙂

Sicherheit -3 Monate Bali 10/12

Unter den Digitalen Nomaden hat es Umfragen gegeben, warum sie sich für einen bestimmten Ort in der Welt entscheiden. Neben schnellem Internet und guter Infrastruktur (Workspaces etc.) ist ein wesentlicher Aspekt die Sicherheit. Die gefühlte wie die reale.

Vermutlich bin ich einfach nur eine ängstliche Person. In wuseligen Bahnhöfen, wo tausende Menschen sich drängen, sehe ich mich ständig als bevorzugtes Opfer. Der Bauer aus der Norddeutschen Provinz als Weihnachtsgans auf die sich alle Kriminelle zugleich stürzen. Ich weiß, darin liegt eine ordentliche Portion Größenwahn, schließlich gebe es ja auch noch andere die ausgenommen werden könnten. Doch sie meinen mich. Nur mich.  Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Zum Beispiel Rom. Den dortigen Hauptbahnhof würde ich nur nackt betreten. Wo nichts ist, kann auch nichts geklaut werden. Nicht das Italien oder Rom eine unsichere Gegend wären, doch was man so hört…  Ganz anders hier in Canggu. Bisher hatte ich noch keine Situation in der ich mich unsicher oder ängstlich fühlte. Nie hatte ich das Gefühl es würde mich jemand bestehlen und mir mit schlanken Fingern das Portemonnaie aus der Hosentasche ziehen. Selbst im dunkeln am Strand kommt bei mir kein Gefühl von Sorge auf. Das macht den Aufenthalt sehr, sehr angenehm.

Wunderbar, sagte der Fuchs zur Gans, leg dich nur schlafen, dir kann nichts passieren. Schlauen Menschen hier ist es gelungen an meine Kreditkartendaten zu gelangen. Ich beschrieb schon anderer Stelle meine Probleme mit den hiesigen Geldautomaten. Bei einem dieser vergeblichen Versuche an Bargeld zu kommen, konnte, wer auch immer, die Daten auslesen. Nur der guten Überwachungstechnik des Kreditkartenunternehmens habe ich es zu verdanken, dass die Versuche, Geld von meinem Konto zu erbeuten, abgeblockt wurden.

Liebe Füchse, die Weihnachtsgans wurde noch nicht ausgenommen!

Nachhaltigkeit – 3 Monate Bali 9/12

Es ist nicht so, dass das Thema Nachhaltigkeit unter den Digitalen Nomaden hier keine Bedeutung hat.  Es wird wird darüber gesprochen. Durchaus auch kritisch. Ist es noch richtig im Flugzeug um die Welt zu fliegen, wo es doch eigentlich nicht nötig wäre. Da die Arbeit ebenso gut vom heimischen Garten oder Balkon aus,  erfolgen könnte. Doch wer will das schon? Gerade die Ferne ist es, das Reisen, die fremdem Kulturen, die neuen Eindrücke die diese Art der Arbeit so verlockend machen. Wie immer ist das Leben nicht frei von Stolperdrähten.  Auch im wunderbaren Bali nicht.

Bei genauer Betrachtung unterscheide ich mich hier nur geringfügig von normalen Urlaubern. Ich fliege mit einem Langzeit Touristenvisum hierher. Habe ein kleines Haus mit einem Roller davor. Gehe in Restaurants und verzichte aufs selber kochen, weil die Balinesische Küche unvergleichlich ist. Nutze den Pool hinter dem Haus, sitze am Strand und lasse manchen Abend in einer Bar ausklingen. Der zentrale Unterschied zu „Nur-Urlaubern“ besteht einzig und allein darin, dass ich ein Büro nutze und dort regelmäßig arbeite. Andere gehen nur surfen, ich gehe ins Büro (und versuche vielleicht auch einmal auf so einem Brett zu stehen).

Vor diesem Hintergrund muss ich mir den Schuh anziehen, dass ich, obwohl meine Intention eine andere ist, doch nur ein Fernreisetourist bin. Mit allem was das an negativen Auswirkungen für Klima, Umwelt und Ressourcen mit sich bringt. Dennoch fühle ich mich anders. Es macht Spaß hier in diesem Workspace zu sein. Mit anderen, die das gleiche machen, gemeinsam diese Form zu nutzen. Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Das Leben ist halt widersprüchlich.

Das liebe Geld – 3 Monate Bali 8/12

Habe gerade auf Spiegel Online gelesen, dass Bali ein zunehmendes Problem mit bettelnden Touristen hat. Sie reisen hierher, setzen sich an die Straße oder den Strand, breiten ein kleines Schild vor sich aus, auf dem so oder ähnlich steht: „Bin auf Reisen, brauche Geld.“ Bemerkenswert. Und wie der Zufall es so will, werde ich in einigen Tagen, wenn mein Bargeld zur Neige geht, mich dazu setzen.

Bisher habe ich mich aus den Geldautomaten mit Bargeld versorgt. Das war nicht immer einfach, ich berichtete an anderer Stelle darüber, aber es ging. Vorgestern wollte ich nun meinen Bestand auffüllen. Gesagt getan, reihte ich mich in die Schlange vor dem Automaten ein. Immer mit der Befürchtung, wenn ich dran bin ist der Kasten leer. Mal sehen. Karte in den Schlitz, dann durch die selbsterklärende Beschreibung und warten, dass sich das Fach mit dem Bargeld öffnet. „Wir können den Prozess leider nicht beenden. Bitte versuchen sie es erneut.“ Hahaa, eine neue Variante balinesischen Humors, dachte ich noch voller Zuversicht. Geld gibt es erst nach dem dritten Versuch.

Mein vierter Versuch. Die Schlange an Menschen hinter mir war ziemlich angewachsen. Sie stieß bedrohliche Laute aus, die sich anhörten als würde man einem Tiger das frisch erlegte Gnu rauben. Egal, ich gehe hier nicht ohne Geld weg. Dabei nahm ich den Automaten mit beiden Händen fest in den Griff. Dann schüttelte ich ihn wie einen Flipper. Sie wissen, dass sind die Spielgeräte die früher in jeder Kneipe standen. Und die man durch gezielte Stöße zur Arbeit anhalten musste. Wie in meiner Jugendzeit gilt, wer gut ist flippert nicht laut- und vor allem nicht emotionslos. „Du kleines Miststück, Geld her und ich schüttel dir das Leben  aus deinen mechanischen Eingeweiden.“ Doch weder Flipper noch Geldautomat lassen sich von so etwas nachhaltig beeindrucken. Das Ergebnis meiner Bemühungen, kein Bargeld. Stattdessen stand eine freundliche Bankmitarbeiterin hinter mir. Diskret verstärkt durch einen Wachbeamten mit Maschinenpistole. „Sir, can I help you“?“

Es stellte sich heraus, dass meine Kreditkarte gesperrt wurde wegen unklarer Transaktionen. Bloß wegen dem bißchen schütteln? Die Technik hält auch gar nichts mehr aus. Falls Sie mich suchen, ich setze am Strand mit einem Schild…..

Zusammenhalt stärken – 3 Monate Bali 7/12

In regelmäßigen Abständen finden im Workspace Veranstaltungen statt. Zu Themen, die im großen und ganzen mit dem Leben der Digitalen Nomaden von Bedeutung sind. Es sind Vorträge mit anschließenden Diskussionen. Mal geht es um Technik, dann wieder um Psychologie und oft um Marketing. Dennoch liegt der Vorteil dieser Veranstaltungen aus meiner Sicht nicht in der Vermittlung von Wissen, sondern im Verbinden und Herstellen eines Gemeinschaftsgefühls. Im Kern nichts anderes als eine andere Form der Teambildung. Nur zielt sie hier weniger darauf ab ein Team zu stärken, sondern die Isolation aufzuheben. Man kennt sich und kann den Einen oder die Andere um Rat, Hilfe und Unterstützung fragen. Das ist gut gemacht, finde ich.

Leider gibt es Essen und Trinken nicht umsonst :-). Doch ist das bei den Preisen hier auf Bali alles andere als schlimm.

Das Alter – 3 Monate Bali 6/12

An einen gut besuchten Tag bietet das Workspace im Hauptraum an die 40 offenen Arbeitsplätze. Hinzu kommen die geschlossenen Meetingräume, und die Plätze im offenen Bereich, sprich im Garten. Wenn alle Plätze belegt sind, mögen es zwischen 50 und 60 sein, wohlgemerkt Stühle und andere Sitzgelegenheiten. Ansonsten ist die Kapazität unbegrenzt, wenn man bereit ist, sich auf den Rasen zu setzen.

An anderer Stelle habe ich es schon beschrieben, das Durchschnittsalter der DN (Digitalen Nomaden): Es ist niedrig. Und das hat seine Gründe. In den gesamten Tagen, die ich hier verbrachte habe, hat es nicht einen gegeben, der die magische Grenze von 40 Jahren auch nur annähernd berührte. Vielmehr waren die allermeisten zwischen 20-30 (geschätzt), was sich im Gespräch bestätigte. Also, die Frage lautet, weshalb ist diese Form der Arbeit nichts für, ja was, Mittelalte? Zuallererst scheint mir von Bedeutung, dass es im Kern ein isoliertes Leben ist. Die physischen Kontakte, wenn man an einem Ort keine Wurzeln schlägt, sind vorübergehend. Natürlich, es gibt Skype, Twitter oder Facebook mit denen der Kontakt zu anderen weiter aufrecht erhalten werden kann. Doch das Persönliche fehlt, da die meisten hier nur vorübergehend sind. Hat man jemanden kennen gelernt, zieht derjenige vielleicht schon morgen weiter. Man muss also die relative Isolation mögen, sonst wird es schwierig.

Was passiert in vielen Leben zwischen Ende dreißig und Mitte vierzig? Meist taucht in irgendeiner Form der Wunsch nach Familienbildung auf und vielleicht auch ein Kinderwunsch. Umherziehen mit kleinen Kindern ist natürlich möglich, aber meist nur bis zur Schulzeit. Daher bleibt für diese Form der Arbeit eigentlich nur die Zeit vorher. Es ist nicht auszuschließen, dass einige der hier Arbeitenden Kinder haben, ehrlich gesagt halte ich das aber für wenig wahrscheinlich. Bei meinen Streifzügen durch Canggu habe ich in den vergangenen Wochen drei junge Paare mit Kleinkindern gesehen. Das beweist wenig, spricht aber dennoch eine deutliche Sprache.

Eine Frage geht mir hierbei immer wieder durch den Kopf. Weshalb nehmen nicht mehr Menschen in meinem Alter dieses Angebot -arbeite doch wo du willst- an? Die Kinder sind aus dem Haus, die Karriere gefestigt. Es würde gehen. Dass das nicht geschieht, hat auch seine Gründe. Dazu an anderer Stelle mehr.

Wer arbeitet hier? – 3 Monate Bali 5/12

Es ist schwer zu sagen was im Einzelnen die Menschen hier im Coworking Space beruflich treiben. Laut Auskunft der Managerin kommen sie aus allen Berufen. Vorherrschend sind jedoch die Bereiche Marketing, Programmierung, Blogging. Dann das weite Feld der Beratung. Von der Finanzberatung über die IT-Beratung bis zum Coaching scheint alles vertreten. Dann gibt es noch diejenigen, die einen Online-Shop betreiben. Auch sie finden sich hier.

Im Space selbst herrscht eine konzentrierte Form des Arbeitens. Und den offenen Laptop-Bildschirmen nach zu urteilen, zumindestens denen, die ich nach einem Rundgang sehen konnte, ist auf keinem Facebook, Instagram, Twitter oder ähnliches geöffnet. Alle beschäftigen sich mit dem, was sie vor sich auf dem Bildschirm sehen. Von kurzen Gesprächen mit den Nachbarn abgesehen. Es bedarf offensichtlich doch einiger Anstrengung sein Geschäft aufrecht zu erhalten, bzw. die Kunden zufrieden zu stellen.

Für mich stellt sich sofort die Frage der Selbstausbeutung. Die Devise der hier Arbeitenden muss ja sein, produziere ich nichts wofür jemand anderes mir Geld gibt, bin ich über kurz oder lang bankrott. Doch vielleicht ist Selbstausbeutung nicht der richtige Begriff, wenn man Dinge tut, die man gern macht und an Orten, an denen man sich wohlfühlt. Ist das das Modell, warum Google und Co. soviel Wert darauf legen ihren Mitarbeitern wahre Wohlfühloasen in den Firmenzentralen zu bieten? Vielleicht.

Ach ja, bevor ich es vergesse, hier gibt es statt eines Bürohundes eine Bürokatze. Mal was anderes. Vor allem weil Katzen diese Haltung ausstrahlen „Was willst du von mir? Mich streicheln? Mal sehen, vielleicht lasse ich es zu.“ Diese hier ist genauso.