Deep fake

Jemanden etwas „anzudichten“ gehört zum schlechten Ton des beruflichen Alltags. Doch das war gestern. Heute gibt es „deep fake“, eine auf Basis künstlicher Intelligenz beruhende Technik Bilder und Videos zu erstellen, die jemanden oder etwas zeigen, das so nie stattgefunden hat. Die Wirkung auf und für die Betroffenen ist verheerend. Wie wollen wir damit umgehen?

Vor ein paar Jahren hatte ich es in einer Beratungssituation mit üblere Nachrede zu tun. Eine Geschäftsführerin sah sich der Behauptung gegenüber, sie hätte ein Verhältnis mit einem leitenden Mitarbeiter des gleichen Unternehmens. In Gestalt eines Gerüchtes waberte es durchs Unternehmen. Niemand hatte es behauptet, doch viele hatten es gehört. Einige glaubten es, andere nicht. Wie das eben so ist bei Gerüchten. Meine Klientin entschied sich, das Gerücht weder zu kommentieren noch die Urheber ausfindig zu machen. Nach einigen Wochen verschwand es von der Tagesordnung der Gerüchteküche.

Jetzt stellen Sie sich einmal folgendes Szenario vor. Auf yuotube taucht ein Video auf, dass diese Geschäftsführerin beim Sex mit dem leitenden Mitarbeiter zeigt. Und zwar explizit, weder verpixelt, noch unscharf oder als Fälschung erkennbar. Was denken Sie? Vermutlich sind Sie erschüttert, schockiert und mehr oder weniger angewidert. Doch mit einiger Sicherheit gehen Sie nicht davon aus, dass es sich um eine komplette Fälschung handelt. Dafür ist es zu echt, die dargestellten Personen zu authentisch. Doch das was Sie sehen, hat nie stattgefunden.

Wir erleben gerade eine neue Qualität der Lüge und Desinformation. Eine die in ihrer Wirkung viel tiefer und weiter reicht als alles was wir bisher kannten, nämlich die Macht der (lügenden) Bilder. Anders als das gesprochene oder geschriebene Wort trauen wir Bildern sehr viel stärker und nehmen sie meist für bare Münze. Beim Betrachten wird nicht mehr darüber gestritten ob es wahr ist, sondern nur noch, wie es sein kann, das so etwas auf youtube landen konnte. Der erste Impuls ist also nicht der Zweifel an der Authentizität, sondern der Glaube an die Echtheit der Bilder.

Nun die schlechte Nachricht. Wir werden derartiges nicht verhindern können. Digitale Fälschungen werden und sind bereits ein Baustein unserer Lebenswirklichkeit. Doch gerade weil wir es nicht verhindern können, müssen wir dagegen vorgehen. Meiner Ansicht nach auf zwei Wegen. Zum einen auf der rechtlich- gesellschaftlichen Ebene. Gefälschte/veränderte Bilder/Videos und Tonaufnahmen die ohne Einwilligung der Betroffenen entstanden sind, müssen unter Strafe gestellt werden. Zum anderen müssen wir unsere persönlichen Umgang mit den digitalen Medien verändern. Der Dreisatz zum Umgang mit deep fake könnte heißen: Überlasse das Denken nie anderen, nimm nichts für bare Münze und stelle erstmal alles infrage.

Ich bin mir sehr sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann wir als Individuen und gesamte Gesellschaft gelernt haben, das digital gilt: „Nichts muss so sein wie es scheint. Das völlige Gegenteil ist ebenso möglich.“

Kommentare sind geschlossen.