Man kann die Regalmeter an Führungsliteratur gar nicht mehr zählen, in denen rauf und runter gepredigt wird, “das Vertrauen eines Chefs hängt im höchsten Maße von seiner Glaubwürdigkeit ab”. Logisch eigentlich. Wie soll man einem Menschen denn auch vertrauen, wenn man ihm nicht glaubt? Das ist allgemein so, doch besonders wir Männer reagieren auf Vertrauensbrüche ausgesprochen sensibel.

Das waren noch Zeiten

Erinnern Sie sich noch, als Ihre Frau in der wundervollen Anfangszeit ihrer Beziehung sagte: “Schatz, ich liebe wie Du gehst. So geschmeidig, elegant und kraftvoll wie ein Tiger.” Natürlich erinnern Sie sich noch. Weil es verdammt noch mal stimmte. Sie sind ein Tiger! Der letzte seiner Art. Doch vergangene Woche, Sie waren mit Ihrer Frau, der selben wie damals übrigens, auf dem Weg ins Museum. Irgendeine wichtige Ausstellung. Sie haben den Namen des Künstlers gerade nicht parat. Das ist doch auch verständlich. Gibt ja so viele. Während Ihre Frau vergnügt und zügig dem Museumseingang zustrebt, schlendern Sie zwanzig Meter hinter ihr. Jede Minute vor der Tür ist eine Minute weniger drinnen, denken Sie sich und sind gerade dabei weiter zu verlangsamen. Doch dann dreht sich Ihre Frau um und sagt: “Werner, kommst du? Gegen dich sind Faultiere ja richtige Raketen. Vom Tiger zum Faultier. In nur zwanzig Jahren. Da kann das Vertrauen eines Mannes in die Liebe der Gattin schon mal leiden.

No-Gos

Für viele Mitarbeiter und Führungskräfte ist das Wort Problem ein No-go. Weniger, weil sie selbst es so wollen, vielmehr weil es ein mehr oder weniger deutlich ausgesprochenes Verbot im Unternehmen für dieses Unwort gibt. Der Hintergrund ist simpel. Es ist der negative Klang des Wortes “Problem”, der verhindert werden soll. Ein Problem sagt schließlich, dass etwas nicht stimmt, nicht richtig läuft oder total in die falsche Richtung geht. Wer das Wort trotzdem gebraucht, erweckt den Eindruck, die Sache nicht im Griff zu haben. Und wer es dennoch nutzt, war bestimmt noch nicht im einschlägigen Seminar: “Herausforderungen sind dein Leben – Du schaffst das.” Wer da durch ist, für den ist der Teufel (auch wenn er Prada trägt) kein Problem mehr, sondern nur noch eine Herausforderung, um mit dem Leibhaftigen fertig zu werden.

Damit ja niemand auf die wahnwitzige Idee kommt, dass ein, die Firma gefährdender Betrug ein verdammt großes, um nicht zu sagen, beschissen großes Problem ist, greift man zum Begriff der Herausforderung. Das klingt auch gleich nicht mehr so gefährlich. Dem ganzen Vorgang wird die Dringlichkeit genommen. Ja, es muss was getan werden. Ja, die Herausforderung ist vorhanden. Aber mein Gott, das wird schon. Undenkbar, dass ein Rettungssanitäter, während ihm das Blut aus der Hauptschlagader des verunglückten Autofahrers ins Gesicht spritzt von einer Herausforderung spricht. Wenn er überhaupt spricht, dann von einem Desaster, einer Sauerei oder von einem riesigen Problem, die Blutung zu stoppen.

Nebelbomben

Ein Euphemismus ist laut Wikipedia die Absicht, einen Sachverhalt zu beschönigen, zu verschleiern oder zu mildern. Eine Worthülse ein “seines Inhalts, des eigentlichen Sinngehaltes entleertes Wort.” Eine beliebte Worthülse in der Berufswelt ist neben der Herausforderung das Wort “Thema”. Ist neutral, klingt nicht besonders schlimm und jagt die Meute nicht gleich in die Erdhöhlen. Wenn es ein Restrukturierungsthema gibt, dann ist das eben so. Na und? Pustekuchen, so einfach ist die Sache allerdings nicht erledigt. Das Thema versteckt einen bevorstehenden Umbau mit Stellenabbau. Letzteres auch bekannt als Freistellungsthema.

Die Tendenz alles zu verschleiern, beschränkt sich nicht nur auf einzelne Worte. Die Aussage: “Na Müller, ihre umfangreiche Bildung macht sie ja zu einem gesuchten Gesprächspartner bei uns im Unternehmen” meint keinesfalls, dass Müller ein gern gesehener Gesprächspartner ist und daher für das Unternehmen unverzichtbar. Nein, Müller ist geschwätzig und führt zu lange Privatgespräche. Das ist ein Problem. Und das sollte Müller wissen. Nicht mehr und nicht weniger.

Eindeutig

Warum also können wir nicht klar und unmissverständlich sein? Sagen, was wir wirklich meinen, ohne dass unser Gegenüber ein Wörterbuch der geheimen Kommunikation nutzen muss, um uns zu verstehen? Wenn wir überzeugt sind, dass Mitarbeiter nur Führungskräften ihr Vertrauen schenken und ihnen folgen, denen sie glauben, dann können wir keine rhetorischen Nebelbomben werfen. Statt dessen sollten wir sie wie erwachsene Menschen behandeln, die ein Recht auf Wahrheit, Klarheit und Ehrlichkeit haben und diese auch vertragen. Werden unsere Worte in wertschätzender Art und Weise verwendet ohne Herabsetzung der Person, ist das nämlich kein Problem. Auch dann nicht, wenn aus dem Tiger mit den Jahren ein Faultier wird.