Druckminderer haben die Aufgabe den Inhalt, zum Beispiel einer Gasflasche, dosiert abzugeben. Gäbe es sie nicht, würde so manches Gebäude nicht mehr stehen. Unsere Arbeitswelt ist einer gefüllten Gasflasche nicht unähnlich. Der Druck ist extrem hoch und immer mehr Mitarbeiter, insbesondere Führungskräfte, leiden darunter. Manche werden sogar krank. Da sich bei realistischer Betrachtung an dem Druck nichts ändern wird, müssen wir andere Wege einschlagen damit uns die Sachen nicht um die Ohren fliegen.  Ein Mittel könnte sein, die Einstellung zur Arbeit zu verändern.

Das Statistische Bundesamt nennt in seiner jüngsten Veröffentlichung zur Qualität der Arbeit besorgniserregende Zahlen. 54% aller Führungskräfte fühlen sich durch ein hohes Arbeitstempo und Termindruck belastet. Gut ein Drittel (34%) arbeitet gewöhnlich mehr als 48 Stunden. Bei Erwerbstätigen ohne Führungsaufgaben sind das nur 10%. Die Zahlen für den Anstieg der Abend- (18-23 Uhr) und Wochenendarbeit lassen ebenfalls aufhorchen. Zwischen 1992 und 2016 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen, die in den Abendstunden arbeiten um nahezu 10% erhöht. Bei Führungskräften, die hier enthalten sind, dürfte die Zahl erheblich höher sein.

Muss das so sein? Ist es okay, wenn die Arbeit uns so elend nervt, stresst und nach und nach die Stunden des Abends und der Wochenenden auffrisst? Um es gleich vorweg zu nehmen, natürlich ist es okay, aber nur solange jeder Einzelne sich damit wohlfühlt und es will. Selbstverständlich gibt es auch immer Zeiten, wir kennen sie alle, in denen wir genervt, übel gelaunt, den Laden, die Mitarbeiter, einfach alle zum Teufel wünschen. Solange das jedoch die Ausnahme bleibt, ist alles in Ordnung. Wenn hingegen das Gefühl überwiegt unter all dem zu leiden, dann muss eine Änderung her.

Es wäre blauäugig anzunehmen, dass die Änderung von jemand anderem kommen kann als von uns selbst. Die Firmen, für die wir arbeiten, werden es nicht tun. Ich kritisiere sie nicht dafür. Sie müssen ökonomisch bestehen um zu überleben. Dazu ist es notwendig, das Maximum aus Mensch und Maschine heraus zu holen. Und ehrlich gesagt geben sich unsere Unternehmen große Mühe dabei, uns die Arbeit schmackhaft zu machen. Unterschiedlichste Arbeitszeitmodelle, Sabbaticals, Gleitzeit, Homeoffice, Betriebskindergarten, bezahlte Fortbildungen und ordentliche Gehälter sollen dazu beitragen die Arbeit angenehm zu erleben. Gut so, dennoch ist es eine, zwar verdrängte, aber doch erlebte Tatsache, dass wir immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit immer effektiver erledigen müssen. Und genau daran wird keiner von uns etwas ändern können. Ernüchternd, aber hilfreich für den Blick auf den Umgang damit.  

Vor einiger Zeit berichtete mir mein Nachbar von seiner neuen Abteilungsleiterin. Sie sei sehr engagiert, exzellent ausgebildet und verhältnismäßig jung. Vom ersten Tag an kam sie morgens als Erste und ging als Letzte. In allen Belangen wollte sie auf dem Laufenden sein, über Details informiert sein und bei wichtigen Entscheidungen im Vorfeld eingebunden werden. Verständlich, sie wollte ihren Job schließlich perfekt machen. Ihr Mann und ihr kleines Kind trugen ihre langen Arbeitszeiten von zehn Stunden und mehr klaglos mit. Ein halbes Jahr ging das so, dann gab es die ersten Brüche. Nicht nur in der Abteilung, sondern auch Zuhause. Ihre Mitarbeiter beschwerten sich über die “Bevormundung” und ihre Tendenz, sich in alles einzumischen. Und der Ehemann fand die permanente Abwesenheit seiner Frau mittlerweile alles andere als prickelnd.

Praktisch von einem Tag auf den anderen wurde alles anders, wie mir mein Nachbar weiter berichtete. Sie kam nun täglich um 8.30 und verschwand um 16.30. Es kamen von ihr keine dienstlichen Mails mehr, die sie in der Nacht oder am Wochenende verfasst hatte. Fortan bat sie nur noch um kurze, nicht mehr als halbe Seiten lange Berichte, Sitzungen führte sie zügig zu Ende und Mitarbeiter bat sie nun, sie nicht mehr über Details zu informieren, sondern nur noch über die Ergebnisse. Mein Nachbar war begeistert. Die Stimmung in der Abteilung, die vorher am Boden war, habe sich deutlich gebessert und seine Vorgesetzte sei, wie er sagte, ausgeglichener und wirkte körperlich erholter. Und, meinte er weiter, die Abteilung laufe seither besser denn je.

Ja ja, ich höre Sie schon ausrufen, die Abteilungsleiterin hat die typischen Kardinalfehler einer „Neuen“ begangen und nachdem sie die abgestellt hat, lief es. Ich will Ihnen da gar nicht widersprechen, doch ich finde noch etwas anderes wird deutlich und drängt sich als Frage auf. Welchen Platz die Arbeit in unserem Leben haben soll? Und diese Frau hat das offensichtlich beantwortet, indem sie ihren Einsatz auf ein verträgliches Maß für sie, ihren Mann und ihr Kind heruntergeschraubt hat. Wohlgemerkt, ohne ihre Leistungsfähigkeit einzubüßen oder ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden.

Ich glaube vielen, die sich eine Änderung wünschen, könnte es gelingen Stress und Belastung zu reduzieren, wenn sie einige Ängste oder, vielleicht besser Glaubenssätze, über Bord werfen würden. Als da wären:

  • Nur wer viel arbeitet, arbeitet gut.
  • Nur wer noch vielmehr arbeitet, macht Karriere.
  • Nur wer für den Job/die Firma brennt, kann was bewegen.
  • Nur wer das Private hinten an stellt, kommt voran.
  • Nur wer denkt, er lebt um zu arbeiten, denkt richtig.

Es ist nicht meine Absicht, hier der Haltung „Dienst nach Vorschrift“ das Wort zu reden. Niemand muss Führungskräften erklären, dass sie sich über Maß engagieren müssen, dass Belastungsspitzen ebenso  zum Job gehören, wie einige lange Tage und gelegentliche, mit Workshops belegte Wochenenden. Im gleichen Atemzug gilt aber auch hier die alte Handwerkerregel „Nach fest kommt ab“.  Ein Leben ständig am Limit, in dem Dreiviertel der verfügbaren Zeit mit Arbeitsinhalten belegt sind, fordert unweigerlich einen Tribut, um den zu zahlen niemand herum kommen wird. Manche schaffen das ihr Leben lang, andere nicht und immer mehr wollen das nicht schaffen, unabhängig von der Frage, ob sie es könnten. Sie wollen es einfach nicht.  Ohne Arbeit ist das Leben nichts, aber ohne Leben ist die Arbeit nutzlos. Wofür gehen wir denn schließlich und endlich zur Arbeit, doch dafür, ein schönes Leben zu haben. Eines, das Kindern, Freizeit, Urlaub, Spaß, Familie, Freunden und anderen Interessen den ihnen gebührenden Platz einräumt und sie nicht in die Besenkammer des Lebens einsperrt, in die man am Samstag kurz reinschaut, ob noch alles an seinem Platz ist.