In unseren Unternehmen geht es nicht immer fair zu. Vorteile werden genutzt, Strippen gezogen, eigene Interessen in den Vordergrund gestellt und Machtspiele initiiert. Ist es daher notwendig, unseren Führungsnachwuchs mit diesen Praktiken vertraut zu machen? Oder sollten wir daran festhalten, dass sie sich diese Erkenntnis durch “learning by pain” über die Jahre irgendwie selbst beibringen?

Manche Sätze klingen so einfach, dass sie eigentlich gar nicht wahr sein können. Wie zum Beispiel dieser: “Menschen, die etwas bewegen wollen, müssen Einfluss nehmen.” Auf Mitarbeiter, Budgets, Investitionen, Strategien und Unternehmensziele und vieles mehr. So weit, so gut. Dabei ist die Stärke Ihrer Einflussnahme abhängig vom Grad der Macht, die Ihnen zur Verfügung steht. Je mächtiger eine Führungskraft, desto einflussreicher ist sie. Doch genau wie ein Baum nicht aus einer Wurzel, sondern aus einem Geflecht von Wurzeln besteht, gründet Macht sich auf viele unterschiedliche Ressourcen. Wie zum Beispiel Funktion, Reputation, Netzwerke, Erfahrung, Härte, Kommunikationsstärke und strategisches Geschick, um nur einige zu nennen.

Neben diesen Ressourcen steht noch eine weitere, verborgene, zur Verfügung, die Mikropolitik. Im Kern geht es darum, mit Hilfe anderer eigene Interessen zu verfolgen. Laut dem Wissenschaftler Oswald Neuberger betreibt Mikropolitik, “wer versucht auf unkonventionelle und eigenmächtige Weise legitime Organisationsziele zu erreichen, von denen sie sich auch persönlich etwas versprechen; zu diesem Zweck gehen sie verdeckt und informell vor und bauen Macht auf, um Problemlösungen zu erreichen, die ansonsten gefährdet wären. Sie setzen eine große Bandbreite gebilligten und missbilligten Mitteln ein.”

Wer einige Jahre Führungserfahrung hat wird nicht bestreiten, dass es Mikropolitik in jedem Unternehmen gibt und alle sie betreiben. Allerdings werden die meisten mit dem Namen Mikropolitik nichts anfangen können. Geläufiger dürfte das Wort Machtspiele sein. Dass Mikropolitik keinen akzeptierten Stellenwert hat, ist maßgeblich auf die damit einhergehenden Assoziationen und Handlungen zurückzuführen. Niemand, so scheint es, will damit etwas zu tun haben. Darüber spricht man nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand. Offiziell wird alles mit ihr in Zusammenhang Stehende von Firmenleitungen abgelehnt und als unangemessenes Verhalten Einzelner abgetan. Wer Mikropolitik betreibt ist unfair, hinterrücks und heimtückisch. Alle, die sie anwenden, sind daher schlechte Menschen. Vom Ideal des guten, offenen und ehrlichen Vorgesetzten Lichtjahre entfernt. Die naheliegende Schlussfolgerung wäre doch, alle lassen die Finger davon.

Doch so einfach ist die Sache dann doch nicht. Wenn sie so verwerflich ist, weshalb existiert Mikropolitik überhaupt noch in unseren Unternehmen? Die moralische Ächtung müsste doch ausreichen, um ihr den Garaus zu machen. Vorbei wäre es mit dem ganzen Arsenal mikropolitischen Verhaltens, wie verdeckte Koalitionen, Hinhaltetaktiken, Finten, Scheingefechten sowie der gesamten Bandbreite bekannter und weniger bekannter Spielzüge,deren Umfang vom harmlosen Machtgeplänkel bis zu Foulspielen mit extrem hohem Vernichtungspotenzial für Beteiligte und Unternehmen reicht. Die Antwort auf die Frage ist ebenso simpel wie einleuchtend, Mikropolitik hat einen enorm hohen Nutzen für die Einzelnen und die Unternehmen. Ohne mikropolitisches Verhalten lassen sich viele sinnvolle und wünschenswerte Dinge nicht durchsetzen. So bleiben zum Beispiel Ideen ungenutzt in der Schublade, weil der, der sie hatte, nicht über die nötigen Netzwerke, Seilschaften und Spielvarianten verfügte, um sie gegen konkurrierende und weitaus weniger nützliche Ideen durchzusetzen.

Dem Makel der Unredlichkeit und Hinterhältigkeit von Mikropolitik ist es mit zu verdanken, dass sie bis heute keinen Einzug in offizielle Aus-, Fort- und Weiterbildungen von Führungskräften gehalten hat. Dabei ist der Umgang mit ihr nicht weniger wichtig wie das Beherrschen von Kennzahlen, Personalbemessung, Exceltabellen oder Mitarbeiterführung. Damit nicht jede neue Führungskraft schmerzlich von Neuem erlernen muss, was alte Hasen bereits wissen, dass es nämlich nicht immer offen, direkt, fair und anständig zugeht in unseren Unternehmen, wäre folgendes denkbar:

  • Foulspiele (die bösartigste Form der Machtspiele) werden von der Unternehmensleitung rigoros unterbunden, indem ihre Anwender disziplinarisch belangt bzw. ihnen gekündigt wird.
  • Alle anderen Bereiche der Mikropolitik sind legitim, der Umgang mit ihnen wird geschult.

Dieses Vorgehen könnte neue Führungskräfte davor bewahren, ungeschützt in Fallen zu laufen, von denen sie nicht wissen, wie sie da rein geraten sind und wie sie sich daraus befreien können. Mit dem Wissen um Mikropolitik ersparen sie sich Frustrationen, Verletzungen und Versagensgefühle. Und es wird sie auf die, meist geleugnete, aber dennoch vorhandene Realität vorbereiten, dass dort wo Menschen Ziele verfolgen, sie versuchen werden, diese mit aller Macht und Finesse durchzusetzen. Wer das nicht vor Augen hat, wird es sehr schwer haben mit eigenen Ideen zu bestehen.