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Kategorie: 2006 (Seite 1 von 3)

Eine Übersicht aller Beiträge aus 2006

Etwas über (zu hohe) Preise

Bemerkenswert was die alten Engländer so alles über Preisgestaltung zu Papier bringen. So auch der Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph John Ruskin. Der 1900 verstorbene Ruskin lieferte nicht nur bedeutende Vorschläge zu Sozialreformen, wie z.B. Gartenstädte und Arbeiterhochschulen sondern auch eine kurze Abhandlung über den Preis.

Es gibt kaum etwas in der Welt, das nicht irgendjemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte.

Und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen.

Wenn Sie zuviel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas Geld zurücklegen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.

Gern in die Arbeit gehen

Das Ziel der Unternehmen ist es, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass die Mitarbeiter sich dort wohl fühlen. Doch welche Faktoren tragen dazu bei? Ulrich Winterfeld vom Berufsgenossenschaftlichen Institut Arbeit und Beruf in Dresden hat sich diesem Thema in einer Untersuchung angenommen. Er kam dabei zu einigen interessanten Ergebnissen.

An erster Stelle sieht er die Identifikation mit dem Unternehmen und der eigenen Tätigkeit. Ein wenig Stolz sollte schon mitschwingen, wenn der Mitarbeiter von „seiner“ Firma und Tätigkeit spricht. „Mir schaffe beim Daimler“ ist eine der bekannteren Ausdrucksweisen in Baden Württemberg, für eine solche Haltung.

Einen weiteren wichtigen Punkt sieht er in den Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräumen der Mitarbeiter. Wer permanent am Gängelband hängt und sich nur als ausführendes Organ betrachtet, wird auf Dauer lustlos. Innere Kündigung und Krankheiten sind nicht selten die Folge.

Es wurde schon viel über das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatem geschrieben. Auch Winterfeld sieht hier einen entscheidenden Ansatz um die Arbeitsfähigkeit über lange Zeit zu erhalten. Daher sollte es einen Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit geben. Ob es sich um eine freiwillige Tätigkeit in der Gemeinde handelt oder ein ausgiebig betriebenes Hobby, ist gleichgültig. Entscheidend ist der Abstand zur Arbeit. Wer seine Erfüllung ausschließlich in der Arbeit sucht, gleicht einem Menschen mit nur einem Bein. Bricht das Standbein der Arbeit weg, fällt er. Mit einem zweiten Bein wäre das nicht passiert.

Verkaufen ist verpönt

„Wenn ich verkaufen wollte, wäre ich Verkäufer geworden, nicht Arzt!“ so der leicht empörte Oberarzt einer mittelgroßen Klinik, auf die Frage, ob er glaubt seine Klinik hier auf dem Kongress gut verkauft zu haben. Dabei ist die Fähigkeit etwas „gut verkaufen zu können“ weder ehrenrührig noch entwertend, sondern durchaus hilfreich.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit. Schon während unserer Schulzeit haben wir mehr oder weniger erfolgreich versucht, uns so gut wie möglich zu verkaufen. Ziel war es, die Lehrer zu veranlassen uns gute Noten zu geben, insbesondere dann, wenn es „Ermessenspielraum“ gab. Dabei haben wir stets darauf geachtet, dass „der Verkaufsvorgang“ nicht zu plump vonstatten ging. „Herr Lehrer, wenn keiner das Referat schreiben will, ich kann es machen“, verbot sich von selbst. Es sei denn, man wollte von den Schulkameraden verlacht und veralbert werden, um fortan das Dasein eines einsamen Strebers zu leben.

Gleiche „Verkaufstechniken“ brachten uns auch im Umgang mit unseren Eltern mehr Vor- als Nachteile. „Ich bin spätestens um 22.00 zurück“. Mehr zufällig bemerkten wir die positive Reaktion unserer Eltern, wenn wir schon um 21.30 daheim waren. Ihre Bereitschaft uns beim nächsten Mal ohne die leidigen Diskussionen ziehen zu lassen, verdankten wir unserer „vernünftigen und verantwortlichen Einstellung“. Unbewusst beherrschten wir schon viele Techniken des Verkaufens: Überredungskunst, Verhandlungsgeschick, Zielverfolgung und das wichtige „niemals aufgeben“.

Als wir dann das Elternhaus hinter uns ließen, hatten wir bereits gelernt, wie wir bekamen was wir wollten, welche Hebel zu bedienen, welche Verhaltensweisen nützlich, welche hinderlich waren. Wir vermarkteten unsere Fähigkeiten und verkauften uns in Einstellungsgesprächen vorteilhaft um den angestrebten Arbeitsplatz zu erhalten.

Dennoch gibt es, besonders in den helfenden und heilenden Berufen, eine große Abwehr gegenüber dem Verkaufen. Man ist Arzt, Krankenschwester oder Altenpflegerin geworden um zu heilen, oder zu pflegen und für Menschen da zu sein. Mit Verkauf hat das nichts zu tun. Dementsprechend wird alles was damit zu tun hat, abgelehnt.

Das Problem ist nur – auch im medizinischen und sozialen Bereich, beginnen wir unterbewusst das zu tun, was wir seit Jugendtagen an, immer getan haben. – wir verkaufen uns und unsere Fähigkeiten. Wenn zu uns jemand kommt, der behandelt werden will, werden wir ihn nicht nur davon überzeugen wollen, dass wir das gut können, sondern auch noch davon, dass er bei uns als Person auch gut aufgehoben ist. Wenn zu uns ein alter Mensch kommt, mit dem Wunsch nach einem Heimplatz, werden wir uns ihm als kompetenten Gesprächspartner präsentieren, der das Ziel verfolgt einen angemessenen Heimplatz zu finden. Wir verfolgen in beiden Fällen auch unser persönliches Ziel erfolgreich in dem Sinne zu sein, dass man uns dafür mag, dass wir weiterempfohlen werden und das wir im Sinne unserer Organisation erfolgreich waren.

Insofern profitieren alle davon, wenn wir unsere Kenntnisse im „Verkauf“ nicht abwehren und dadurch unbewusst ablaufen lassen, sondern die über lange Jahre praktizierten Fähigkeiten bewusst anwenden.

Behandeln Sie die Zeit der Anderen sorgsam

Viel beschäftigte Chefs haben in der Regel nie Zeit. Unangemeldet bei ihnen einen Termin zu bekommen, ist meist unmöglich. Oft reagieren sie äußerst unwirsch darauf, wenn man „mal eben“ mit ihnen sprechen will. Aber denselben Leuten ist die Zeit plötzlich völlig gleichgültig, wenn es nicht ihre eigene ist.

Vor einiger Zeit hatte ich einen verabredeten Termin bei einem Geschäftsführer einer Sozialeinrichtung. Im Vorzimmer angekommen, begrüßte mich die Sekretärin genauso freundlich wie er selbst. „Er müsse nur noch eben ein kurzes Telefonat führen, dann können wir beginnen“. Mit dieser Aussage ging er in sein Büro zurück. Um zu demonstrieren, dass es wirklich schnell gehen würde, ließ er seine Zimmertür geöffnet. Nach 15 Minuten und vielen entschuldigenden Blicken seiner Sekretärin, bin ich gegangen.

Der schnellste und nachhaltigste Weg um einen schlechten Eindruck zu machen, und damit die Beziehung wesentlich zu belasten, ist der, die Zeit eines anderen zu vergeuden. Dies gilt in besonderem Maße dann, wenn es sich um die eigenen Mitarbeiter handelt. In einem solchen Fall kommt dann auch noch Herabsetzung dazu. Während der Chef einen Mitarbeiter zum Gespräch bestellt und wie selbstverständlich erwartet, dass der zum vereinbarten Termin pünktlich erscheint, nehmen sie sich heraus ihre Mitarbeiter warten zu lassen. Ist es dann soweit, erläutern sie mit einem kurzen charmanten Lächeln die Situation: „Tut mir leid dass Sie warten mussten, ich hatte noch ein sehr wichtiges Gespräch“. Da stellt sich schnell die Frage ob das Gespräch mit dem Mitarbeiter nicht wichtig ist und im gleichen Atemzug, weshalb es dann überhaupt stattfindet. Will man also vermeiden, dass derartige Enttäuschungen durch mangelnde Wertschätzung den Kontakt stören, könnte man folgende Kleinigkeiten beachten:

  • Während eines persönlichen Gesprächs nicht ans Telefon gehen. Man vermeidet damit die Notwendigkeit sich kurz zu fassen, sich zu rechtfertigen oder ähnliches. Wenn Sie keine Sekretärin haben, gehen Sie einfach nicht ans Telefon. Niemand arbeitet an einer solch exponierten Stelle, dass dieses Verhalten zum sofortigen Tode des Menschen am anderen Ende der Leitung führt.
  • Legen Sie die Zeit für das Gespräch fest. Ich habe einmal die Formulierung erlebt: „Herr Schröder schön dass Sie da sind. Wie viel Zeit wollten wir uns noch mal für das Gespräch nehmen? Ich dachte an eine halbe Stunde“. Klare Aussage, klarer Rahmen. Wenn Sie diese Zeit einhalten, so muss ihr nächster Gesprächspartner nicht warten und der Jetzige weiß wie viel Zeit er bei Ihnen hat.
  • Wollen Sie zudem noch etwas für die gute Stimmung in dem Gespräch tun, lassen Sie Ihr Gegenüber merken, dass er Ihre ganze Aufmerksamkeit besitzt. Dies schaffen Sie dadurch, dass Sie hektische und schnelle Begrüßungen, etwa mit folgendem Inhalt vermeiden: „Hallo Herr Schröder, tut mir wirklich leid, ich bin so im Stress und habe soviel um die Ohren, dass ich gar nicht weiß was ich zuerst und zuletzt machen soll“. Oder etwa wiederholtes auf die Uhr schauen, ob Sie noch in der Zeit liegen, begleitet von dem Gedanken, wie Sie die vielen Termine heute noch alle hinkriegen sollen. Halten Sie es wie das (gute) Servicepersonal in Fünfsterne-Hotels: Der Gast hat keinen Anspruch darauf unseren Druck und unsere Hektik zu erleben.
  • Überzeugende Kernbotschaften

    „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Diese oder ähnlich klingenden Botschaften nutzen viele Unternehmen im Gesundheitsmarkt um ihre zentrale Stärke zu verdeutlichen. So notwendig diese Haltung einem jedem Unternehmen ins Stammbuch zu schreiben wäre, so fraglich bleibt doch ihre Wirkung auf die künftigen Patienten und Bewohner z.B. eines Krankenhauses oder Altenheims.

    Stellen Sie sich doch einmal folgende Situation vor. Sie sitzen in der Küche und lesen gerade den Prospekt eines Altenheimes. Auf der ersten Seite steht in großen Lettern die Kernbotschaft „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt“. Würden Sie jetzt mit engagierter Stimme Ihrer Ehefrau, die gerade im Wohnzimmer sitzt, zurufen: Du Schatz hör mal, was dieses Heim hier Interessantes macht. Die stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Das wäre doch was, für Vater. Oder würden Sie eher still darüber Hinweglesen, weil es nichts ist, was Sie vom Hocker haut oder wenigstens Ihre Aufmerksamkeit erregt?

    Doch genau darum geht es, die Aufmerksamkeit der Zielgruppe, in diesem Fall Ihre, zu bekommen. Weil Ihr Vater in absehbarer Zeit einen Heimplatz benötigt und Sie ihn bei der Auswahl unterstützen wollen. Deshalb sind Sie neben Ihrem Vater die relevante Zielgruppe. Bei einer Kernbotschaft muss in besonderer Weise der Nutzen für Sie im Mittelpunkt stehen. Das der Mensch in den Altenheimen im Vordergrund steht, davon gehen Sie und jeder andere halbwegs vernünftige Mensch aus. Oder haben Sie jemals von einer Einrichtung gehört, die von sich sagt „Bei uns steht der Gewinn im Mittelpunkt, erst danach folgt der Mensch“? Gefragt ist demnach bei Kernbotschaften kein „Allerweltsgeplapper“ oder etwas was das Unternehmen gern über sich sagt, weil es so schön klingt, sondern ein einfach und nachvollziehbares Versprechen, das da lautet: Was nützt es mir, oder meinem Vater, wenn er in dieses Seniorenstift zieht? Oder noch plakativer: Warum in dieses Haus und nicht in ein anderes?

    Um eine Kernbotschaft zu entwickeln, sollten folgende Punkte beachtet werden:

    • Muss Zielpersonen einen Vorteil bieten, einen Nutzen versprechen, eine Lösung in Aussicht stellen, sie auf ein Erlebnis, etwas Besonderes hoffen lassen.
    • Muss sich möglichst auf eine zentrale Aussage beschränken.
    • Sollte so kurz und prägnant wie möglich sein, höchstens zwei bis drei kurze Sätze.
    • Sie ist keine Headline, muss also nicht flott getextet sein, allerdings sollte sie möglichst überzeugend sein.
    • Muss zu Angebots- und Kommunikationsplattform des Unternehmens passen und sollte „wahr“ sein, glaubwürdig, argumentierbar und einhaltbar sein.Beispiel einer Kernbotschaft für ein Altersheim das im Wettbewerb mit Anbietern steht, die eine günstigere Kostenstruktur haben und deshalb schlicht preiswerter sind.

    „Das Luisenstift ist nicht billig, aber dafür seinen Preis auch wirklich wert. Denn unsere zahlreichen und zufriedenen Mitarbeiter haben die Aufmerksamkeit und Muße für Sie, die es in der heutigen Zeit nur noch selten gibt“.

    Die Argumente die diese Kernbotschaft transportiert:

    In diesem Haus kümmern sich viele (zahlreiche) Pflegekräfte um den Bewohner, er ist von ausgeglichenen (zufriedenen) Pflegekräften umsorgt, die ihn z.B aus dem Bett holen (Aufmerksamkeit) und darüber hinaus die notwendige Muße (Zeit) aufbringen, ihn anzuregen.

    In der Umkehrung der Entscheidung heißt das: Gibt der Kunde mehr Geld aus, kann er sicher sein, kein Heim gewählt zu haben, dass

    • Wenige, schlecht bezahlte Mitarbeiter beschäftigt
    • Ständig einer überhöhten Arbeitsbelastung ausgesetzt sind
    • Keine Zeit haben, sich zu kümmern
    • Versogung mit der Stoppuhr betreiben

    Schweigen

    Solange alle schweigen, kann jeder Chef davon ausgehen, dass die Mitarbeiter mit seiner Entscheidung einverstanden sind. Anderenfalls würden die Mitarbeiter ihre Einwände vorbringen, heftig diskutieren oder im Extremfall gar mit der Einstellung der Zusammenarbeit drohen. Schön, wenn`s so wäre.

    Doch die Realität sieht vielfach anders aus. Es herrscht an vielen Besprechungstischen Ruhe. Gespenstische Ruhe wenn man so will. Der Chef erläutert, beschreibt und zeigt auf wohin die Reise gehen soll. Die Mitarbeiter hören zu. „Noch Fragen?“ Nachdem der Chef die eine oder andere, eher randständige Erläuterung geben hat, stehen alle auf. Die eigentliche Diskussion beginnt nun. Auf den Fluren, in den Zimmern, beim Frühstück. Innige, lang dauernde und mit liebevoller Hitzigkeit und emotionalem Engagement geführte Redeschlachten. Anschließend, nachdem die Luft raus ist, folgt der Übergang zur Tagesroutine. Ich kenne etliche Abteilungen unterschiedlicher Unternehmen, in denen viele darüber stöhnen – doch alle machen dieses Spiel weiter mit.

    Wieso eigentlich?
    Ein informierter Chef weiß in der Regel, dass dieses Schweigen von einer Zustimmung zu seiner Entscheidung ebenso weit entfernt ist, wie gutes Fleisch von bayrischen Kühlhäusern. Die schweigenden Mitarbeiter wissen natürlich auch warum sie es tun. Teils wollen sie ihre Meinung nicht sagen, weil sie unsicher sind, glauben ihre Meinung zähle nicht, „die ja sowieso machen was sie wollen“ oder ganz simpel weil sie Repressalien ihrer Kollegen oder Vorgesetzten erwarten. Der Preis für das Reden erscheint ihnen einfach zu hoch.

    Alles hat seinen Preis.
    So nachvollziehbar und verständlich diese Haltung auch manchmal anmuten mag, eines wird sie nicht verhindern können – die Übernahme der Verantwortung dafür. Verantwortlich sind wir nicht nur für das, was wir tun, sondern ebenso für das was wir nicht tun. Da hilft es auch nichts, im Anschluss einer solchen Besprechung in kleinen Gruppen das eben Besprochene zu diskutieren. „Also mal ehrlich, das was wir da machen sollen, wird hinten und vorn nicht funktionieren“, so eine Aussage eines Teilnehmers „und ich mache da auf keinen Fall mit – doch sagen werde ich nichts, kriegt man bloß Ärger“.

    Das ist nichts weiter als organisierte Verantwortungslosigkeit! Alle Beschlüsse sind mit den „Schweigern“ zustande gekommen. Die Konsequenzen ihres Schweigens haben sie in Kauf genommen. Es war einzig und allein ihre Entscheidung. Jene die tuschelnd beiseite stehen, die die bessere Lösung schon immer in ihrer eigenen Tasche wähnen, damit aber nicht hinterm Berg vorkommen, alles andere aber lächerlich machen oder für undurchführbar erklären: Das sind die wahren Totengräber einer lebendigen Entwicklung.

    Jeder hat eine Wahl.
    Hier ist nicht davon die Rede, wie klug es ist, einem Chef offen zu widersprechen oder in einer aufgeheizten Situation eine strittige Position zu beziehen. Hier ist die Rede von der Freiheit der Entscheidungsmöglichkeit eines jeden Einzelnen. Wenn wir bei Beschlüssen schweigen, und die Entscheidung eben so zustande kommt wie sie aussieht, dann war das auch unsere Entscheidung. Die daraus folgenden Konsequenzen haben wir mit gewählt und deshalb auch loyal mitzutragen. Späteres Nachtreten verbietet sich daher von selbst. Niemand zwingt uns zum Schweigen. Es steht uns frei, uns zu entscheiden. Doch Obacht, alles hat seinen Preis. Mund halten ebenso wie ihn aufmachen. Dennoch liegt die Wahl zwischen beiden bei uns.

    Rückbau

    Nicht jede Straßenecke braucht einen Briefkasten und nicht jedes Dorf ein Schwimmbad. Nicht jede Stadt braucht ein Krankenhaus und nicht jede Region unzählige Pflegeplätze. Schön wenn sie da sind. Doch nötig sind sie nicht mehr.

    Wir haben uns nach Ende des II Weltkrieges auf eine nicht enden wollende Wachstumsstory eingestellt. Alles wollten und konnten wir uns leisten. Waren in den Jahren um 1950 noch Schwimmbäder die regelrechte Ausnahme, so wetteiferten in den Folgejahren die Bürgermeister um die größten und schönsten. Uns sollte es an Freizeitvergnügen nicht mangeln. Und wenn wir dann mal ernsthaft krank werden sollten, dann sollte man uns nicht, wie in den Zeiten davor, ins 30 Kilometer entfernte Kreiskrankenhaus fahren, sondern ins nahe gelegene städtische Krankenhaus. Jede Stadt die etwas auf sich hielt, wollte ihren Bürgern diese wohnortnahe Versorgung garantieren. Einfach, schnell und hochwertig sollte die Gesundheit zu uns kommen.

    Ähnlich die Entwicklung in der Pflege. Der Aufbau von Kapazitäten wuchs beständig. Den alten Menschen sollte im Grünen und in einer ruhigen beschaulichen Umgebung ein würdiger Lebensabend ermöglicht werden. Die Alten zufrieden, die Kinder ohne schlechtes Gewissen und die Gesellschaft geeint. Zufriedene Gesichter überall.

    Um diesen Standard zu finanzieren sind Wachstumsraten von 3% notwendig, die allerdings so realistisch sind, wie die Leugnung der Schwerkraft. Dieses Wachstum gibt es nicht und jetzt wird es eng. Schließungen und Privatisierungen von Krankenhäusern, Schwimmbäder oder Altenheimen sind längst zu einem Ausweg aus dieser Sackgasse geworden. Dennoch wird er von weiten Teilen der Bevölkerung nicht mitgetragen. Sollen zum Beispiel von 4 Schwimmbäder 3 geschlossen werden, so kann man sicher sein, dass erhebliche Proteste ausbrechen. Oft mit dem Ergebnis das irgendwie alle Bäder erhalten werden, aber für keines ausreichend Geld zur Verfügung steht. Nicht anders stellt es sich bei den Krankenhäusern, oder den Altenheimen dar. Und bei allem wird die Schuld entweder dem jeweiligen Management, den Politikern oder anderen Verantwortlichen angelastet.

    Meiner Meinung nach liegt das Problem bei uns Bürgern. Wir haben völlig übersehen, dass die Bäume, nicht in den Himmel wachsen. Wir haben geglaubt dass alles so weiter geht wie bisher. Getreu dem Wahlspruch: Strompreise – Keine Ahnung, bei uns kommt der Strom aus der Steckdose. Wir müssen uns darüber klar werden, dass wir einmal erreichte Errungenschaften wieder hergeben müssen oder auch wie an Bäumen, Wildwuchs konsequent beschneiden müssen.. Konkret heißt das, wir werden zum Krankenhaus nicht mehr drei Kilometer fahren, sondern 12. Das Altenheim liegt nicht zwei Strassen weiter, sondern im anderen Stadtteil. Der Briefkasten ist nicht um die Ecke, sondern vier Strassen weiter. Und ich prognostiziere, dass unsere Sterblichkeitsrate nicht zunehmend wird, wir nicht von allen verlassen im Altenheim siechen werden und unsere Briefe ungelesen auf unserem Küchentisch vergilben. Uns wird es nicht schlechter gehen, wenn wir unsere Zukunft von den Lösungen der Vergangenheit befreien. Der Fortschritt sorgt dank Notarztwagen, ambulanter Pflege, Email und anderer segensreichen Entwicklungen dafür.

    Katzen hassen Halsbänder

    Für einen jungen Vogel ist die, ansonsten liebevolle und schmusige, Hauskatze ein nicht zu unterschätzendes Lebensrisiko. Ein Band mit Glöckchen am Hals der Katze verringert dieses Risiko erheblich. Doch welches Familienmitglied legt es der Katze an?

    Die Kinder wollen es spätestens dann nicht mehr machen, wenn sie den Widerwillen der Katze deutlich hören und schmerzhaft fühlen können. Lautes Fauchen und wenn das nicht hilft, kurze und präzise Schläge mit den Krallen verdeutlicht den Kindern die Unlust der Katze. In diesem Fall sind die Eltern gefragt. Spätestens jedoch beim Anblick der aufgestellten Nackenhaare taucht bei ihnen die Frage auf, ob man der Natur nicht ihren Lauf lassen sollte. Wenn Katze und Vogel in freier Wildbahn lebten, so ihre nicht ganz uneigennützige Argumentation, würde auch niemand regulierend in diesen Kreislauf von fressen und gefressen werden eingreifen. Und außerdem ist es schon spät und zu Abend gegessenen hat auch noch keiner.

    Vergleichsweise einfach wäre es gewesen, die Kinder würden die Katze streicheln, sie hochnehmen, die Mutter hielte das Band bereit und der Vater umklammert, mit Handschuhen wohlgemerkt, die vorderen und hinteren Beine der Katze und schon wäre „der Käs gegessen“. Die Frage ist doch nur, wie schafft es die Katze, dass sich niemand an sie rantraut. Obwohl die Menschen in der Überzahl sind und es ein leichtes wäre, der Katze Herr zu werden. Offensichtlich reicht es völlig aus, dass die Katze jedem das Gefühl vermittelt: „Der Erste der sich mir nähert, bekommt die volle Dröhnung“.

    Dieses Phänomen lässt sich auch in sehr viel schwerer wiegenden Situationen beobachten. Relativ kleinen Besatzungsarmeen gelingt es scheinbar mühelos, große Bevölkerungsgruppen unter Kontrolle zu halten. Und weshalb ist es einem einzelnen Entführer möglich, ein voll besetztes Flugzeug unter seine Kontrolle zu bringen. Beide Beispiele funktionieren nach dem gleichen Prinzip, nach dem die Katze arbeitet. Der Erste der sich dem Aggressor in den Weg stellt, wird einen sehr hohen Preis zahlen.

    Im betrieblichen Alltag spielt dieses Verhalten ebenfalls eine Rolle. Wer kennt es nicht, wenn auch vielleicht nicht aus eigenerer Erfahrung, so doch aus der Beobachtung. Ob in einer Besprechung oder einer Versammlung, wer das erste Wort gegen die Vertreter des Managements führt, läuft Gefahr seine berufliche Entwicklung aufs Spiel zu setzen oder nachhaltig zu verlangsamen. Daher rührt die weit verbreitete Haltung, Kritik nur so einzusetzen, dass sie dem Kritisierenden nicht schadet. Es greift zu kurz, hier vorschnell zu urteilen, indem man etwa mangelnden Mut bei diesen Mitarbeitern beklagt. Denn hier steht das Risiko des Einzelnen im krassen Gegensatz zum persönlichen Nutzen. „Was habe ich davon, wenn ich jetzt allein vorpresche? Nichts als Ärger! Die Anderen denken zwar das Gleiche, sagen aber nichts und sind aus dem Schneider“.

    Chruschtschow, ehemaliger russischer Parteichef verurteilte 1956, drei Jahre nach Stalins Tod in einer Rede vor der Kommunistischen Partei die Politik Stalins. Nach seiner Rede fragte jemand aus dem Publikum lauthals, wie er sich denn unter Stalin verhalten habe. Chruschtschow forderte den Fragesteller auf, er möge aufstehen und sich zu erkennen geben. Ruhe im Saal. Nichts geschah. Chruschtschow sagte: “Sehen Sie, genau das habe ich damals auch getan“.

    Als Einzelner ist das Leben voller Tücken. In Absprache und Koordination mit Mehreren zu handeln bringt oft bessere Ergebnisse. Es lebt sich darüber hinaus angenehmer und vor allem länger. Mit tiefen Kratz- und Bisswunden ist letztlich keinem gedient. Nicht einmal der Katze.

    Gute Leute sind wählerisch

    „Weit über hundert Bewerbungen schon sieben Tage nach Abdruck der Anzeige. Interessant waren jedoch allenfalls fünf, der Rest ist nicht zu gebrauchen“. Diese Aussage eines Geschäftsführers macht deutlich, wie schwer es zu sein scheint, gute Mitarbeiter zu finden. Möglicherweise gäbe es genügend gute Bewerber, nur nicht für dieses Unternehmen.

    Der Kreativität bei der Personalsuche sind wenig Grenzen gesetzt. Von der gestylten, nach neuesten Corporate Identity Vorlagen erstellten Anzeige bis zur Aktivierung des Old-Boys Network (man kennt sich und fragt schon mal, hast du oder kennst du nicht jemanden der die Stelle….) steht die ganze Bandbreite der Suchinstrumente zur Verfügung. Das die Ausbeute dennoch mehr als mager ist, wird in der Regel den gesellschaftlichen Umständen (alle kleben an ihren Jobs, niemand will diesen Job unter den jetzigen Bedingungen mehr machen) oder schlicht der finanziellen Unattraktivität (für das Gehalt würde keiner wechseln) des Angebotes zugeschrieben.

    Das möglicherweise der potenzielle Arbeitgeber unattraktiv ist, wird in den wenigsten Fällen in Betracht gezogen. Wenn man sich die an der Ausschreibung maßgeblich beteiligten Leute genauer anschaut, so kann man feststellen, dass es besonders ihnen schwer fällt, neutral und klar den eigenen Arbeitgeber zu analysieren. Die dauernden Querelen mit dem Betriebsrat, die öffentliche Berichterstattung in der Lokalzeitung darüber, die Ränkespiele über die Abteilungsgrenzen hinweg, das laute Entgleisen einzelner hochrangiger Vorgesetzte einfachen Mitarbeitern gegenüber sind Dinge die sie eher als den „täglichen Wahnsinn“ und damit als, wenn auch unschöne, Normalität wahrnehmen.

    Natürlich sind blinde Flecken dem eigenen Unternehmen gegenüber allzu menschlich und verständlich. Wenn das jedoch zu Verharmlosungen führt und die realen Probleme übersehen werden, erzeugt dies einen entscheidenden Wettbewerbsnachteil bei der Suche nach gutem Personal. Der Hinweis, dass es überall solche Querelen gibt, greift nicht wirklich. Denn genau wie es einen Arbeitgebermarkt gibt, gibt es auch einen Arbeitnehmermarkt. Und auf diesem informieren sich künftige Mitarbeiter genau. Sie lesen Zeitungen, sie hören auf Kongressen, sie kommen in überregionalen Arbeitsgruppen zusammen und sie vergleichen alles was sie wahrnehmen mit dem was sie erwarten.

    Man kann sich ziemlich sicher sein, dass die potentiellen Bewerber sehr schonungslos und offen, selten politisch korrekt und noch seltener ausgewogen zu einer Einschätzung kommen. Wenn sie hören, dass Chefärzte Krankenschwestern schon mal vor versammelter Mannschaft anschreien, Assistenzärzte Dienste nur machen, aus Angst ihr Vorgesetzter würde sie sonst nicht weiter fördern, Abteilungsleiter der Geschäftsführung nicht widersprechen, weil sie erlebt haben, was einem Anderem passiert ist, der das gewagt hat, dann werden sie nur dorthin wechseln, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Und den richtig guten Leuten steht das Wasser selten bis zum Hals. Wer solch ein Haus betritt um dort zu arbeiten, hat meist keine andere Wahl. Und genau das sind die Leute, die man eigentlich nicht einstellen will, aber oft gezwungen ist, es dennoch zu tun. „Was soll ich tun, bessere Leute gab es auf dem Markt nicht“.

    Schnelle Lösungen versprechen hierbei keine große Hilfe. Denn es handelt sich um ein Imageproblem. Und wie jedes Imageproblem benötigt es längere Zeit, um sich aufzulösen. Der effektivste Weg dies zu tun, ist die Bildung eines klaren Profils. Zentrale Fragestellungen:

    Für was steht unser Unternehmen?
    Warum sollten Menschen bei uns arbeiten wollen?
    Wie können wir unsere Attraktivität ihnen gegenüber erhöhen?
    Was erwarten unsere (künftigen) Mitarbeiter von uns?
    Leben wir was wir (in Broschüren) sagen?
    Ändern wir konsequent was wir nicht (mehr) an Verhalten haben wollen?

    Attraktiver Arbeitgeber zu sein hat den Vorteil, sich die Leute die bei einem arbeiten wollen aussuchen zu können. Unbezahlbar!

    Unangenehmes sagen – wider den Honig

    „Wir sind doch schon auf einem guten Weg“. Mit entwaffnender Offenheit versprüht hier ein leitender Angestellter Zuversicht über die Entwicklung seines Unternehmens. Und niemand widerspricht, obwohl durchaus Skepsis angebracht wäre. Stattdessen schmieren sich alle Honig um den Bart. Bloß wie lange noch?

    Verharmlosungen sind im Alltag eigentlich nichts Ungewöhnliches. „So schlimm wird es schon nicht kommen“ oder auch „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Diese Lebens- und Volksweisheiten reduzieren für uns Menschen das Bedrohungspotenzial einer Entwicklung meist beträchtlich. Und bis zu einem gewissen Umfang ist gegen sie auch gar nichts einzuwenden. Dennoch gibt es Grenzen. Und die sind erreicht, wenn notwenige Veränderungen nicht klar und deutlich, auch und vor allen Dingen mit den damit verbunden Konsequenzen, beim Namen genannt werden.

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