Jeder von uns kennt Gefühlsausbrüche und hat beide Seiten der Medaille schon erlebt. Auf der einen Seite als schreiendes Etwas und auf der anderen als angeschrienes Gegenüber. Beginnen wir mit der Seite, wo der Gefühlsausbruch von uns ausgeht. Was dabei in uns vorgeht ist schnell erzählt. Ein Gefühlsausbruch ähnelt einem Vulkanausbruch. Mach ein Loch rein und der ganze Kram kommt mit Macht raus. Gesellschaftliche Konventionen in Form von Regeln des Zusammenlebens und -arbeitens sorgen dafür, dass so ein Loch nicht entsteht und wir uns weiterhin in angemessener Form begegnen. Gewöhnlich achten wir darauf, andere freundlich und zuvorkommend zu behandeln. Sie nicht anzuschreien oder ihnen gar zu drohen. Das heißt natürlich nicht, dass alles das, was uns den ganzen Tag lang begegnet, wunderbar ist. Es gilt so manche Kröte zu schlucken. Der Nachbar erwidert unseren Gruß nicht, die Verkäuferin im Supermarkt ist freundlich wie eine Giftotter. Wir nehmen es mit Gelassenheit, Humor oder lösen es mit einer anderen Bewältigungsstrategie auf. Doch die Gefühle wie z.B. Kränkungen, Ohnmacht, Angst, Wut oder Trauer sind nicht weg, haben sich nicht in Luft aufgelöst. Sie sammeln sich in unserem Bewusstsein, um genau zu sein, in der Amygdala. Und das nicht erst seit gestern, sondern von Kindesbeinen an.

Gewöhnlich reichen die Speicher der Amygdala für ein ganzes Leben und es ist genug Platz, um all den Ärger, Frust etc. dort zu lagern. Selten, doch immer mal wieder wird der Druck im Speicher zu groß. Dann entsteht anfangs ein kleines Loch. „Gerade heute ist die Zahnpastatube leer. Wo doch nachher die wichtige Sitzung ansteht. Und ich sitze da und stinke wie ein Iltis. Wieso kann in diesem Haushalt nicht einmal jemand mitdenken. Muss ich denn alles allein machen?“ Wie gesagt, noch nichts Weltbewegendes. Als nächstes geht die Kaffeemaschine im Büro kaputt. Und zwar gerade als Sie davor stehen, platzt ein Schlauch und spritzt eine Kaffeeladung auf Ihre Hose. Zu allem Überfluss lässt sich auch noch die Datei mit der Präsentation nicht öffnen. „Irgend so ein Depp hat die Datei in einem Format erstellt, das seit der Steinzeit nicht mehr benutzt wird.“ Sie wissen, der Depp hat einen Namen, nennen wir ihn doch hier einfach Nils. Und er sitzt drei Türen weiter.

Ein Anruf und Nils steht vor Ihnen. Sie wissen es nicht, weil es zu lange zurück liegt. Aber dieser Nils hat verdammte Ähnlichkeit mit dem Jungen aus der Parallelklasse Ihrer Schule. Und der hat Ihnen nicht nur das Pausenbrot und das Geld fürs Eis geklaut, sondern allen anderen erzählt, dass Sie in Lisa verliebt sind. Er war eine miese, kleine Ratte. Sie erinnern sich? Er hätte ordentlich eines auf die Mütze kriegen sollen. Doch das war schwierig, Nils war nämlich stärker als Sie. Was ihm an intellektueller Brillanz fehlte, machte er jedoch durch körperliche Stärke mehr als wett. Ihm also eine zu verpassen wäre glatter Selbstmord gewesen. Und jetzt steht Nils wieder vor Ihnen.

Nach zwei Minuten ist das anfangs kleine Loch im Speicher Ihrer Amygdala groß wie das Scheunentor auf Omas Bauernhof. Und Nils stöhnt unter tausenden von Tonnen Ihres glühenden, flüssigen Gefühlsmagmas. Da spielt es jetzt auch keine Rolle mehr, dass nicht Nils das falsche Dateiformat genutzt hat, sondern Sie das falsche Programm. Geschenkt. Er hat es verdient. Punkt. Und wie der Vesuv sitzen Sie danach allein im Büro, die Speicher leer und irgendwie irritiert über diesen, sonst bei Ihnen doch ganz untypischen Ausbruch. Sie werden sich vornehmen, sich bei Nils auf die eine oder andere Art zu entschuldigen. Ach ja, das wissen Sie natürlich auch, Sie haben sich gerade einen Gegner für die nächsten Wochen, Monate oder gar Jahre gemacht.

So weit, so gut. Wir alle kennen solche oder ähnliche Vorfälle. Es besteht jedoch keinerlei Anlass, darüber jetzt mit Nonchalance hinweg  zu gehen. Denn der Preis ist zu hoch, als dass wir ihn stillschweigend zu zahlen bereit sein sollten.  Nummer eins. Sie haben bei Nils ine Schuld in Form einer Entschuldigung. Das ist eine Position der Schwäche. Nummer zwei. Sie erzeugen einen, möglicherweise erbitterten Gegner, der Ihnen schaden wird, wo immer es ihm ohne Gefahr möglich ist. Nummer drei. Sie wirken auf Andere schwach. Wer schreit ist am Ende seiner Möglichkeiten. Das wissen wir alle, weil wir alle selbst schon einmal jemanden angeschrien haben.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einmal davon ausgehen, dass Sie mir zustimmen. Es macht keinen Sinn zu explodieren oder nur in sehr begründeten Fällen und dort auch geplant und nur mit einem speziellen Ziel. Doch wie ist das zu verhindern? Hier sind vier Wege, das zu erreichen.

1.
Seien Sie sich darüber im Klaren, dass jeder, und damit auch Sie, gute Gründe in seinem bisherigen Leben angesammelt hat, um ein mittleres Erdbeben zu erzeugen. Also, seien Sie auf der Hut.

2.
Achten Sie auf kleine Anlässe (z.B. die leere Zahnpastatube am Morgen) die Sie ärgern und Ihnen zeigen, dass Sie heute schnell in Rage geraten. Denken Sie daher vor jeder Besprechung kurz an eine Zahnpastatube und führen sich vor Augen, das heute die Gefahr besteht, dass Sie schnell überkochen.

3.
Sie sind in einem Gespräch und es steht ein kritisches Thema an.  Achten Sie auf Ihre Sitzhaltung. Sobald sitzende Menschen unter Druck geraten, rutschen sie mit dem Po auf der Sitzfläche nach vorn. Es ist ein automatischer Fluchtreflex. Wenn der Feind kommt, ist man schneller weg oder besser angreifen. Sobald Sie sich also vorn auf der Sitzfläche wiederfinden, rutschen Sie nach hinten. Und zwar so stark, dass Sie den Druck der Rückenlehne deutlich wahrnehmen.

4.
Werden Sie von Ihrem Gegenüber angegriffen, führen Sie Punkt 3 durch. Zusätzlich schweigen Sie länger als Sie eigentlich wollen oder üblicherweise sonst tun und lassen sich Sätze wie diesen durch den Kopf gehen: „Du mein Lieber, du redest dich hier um Kopf und Kragen, du weißt noch gar nicht, dass dein Zenit weit überschritten ist.“ Entscheidend ist dabei, dass Ihre Sätze Ihnen ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern. Das hindert Sie am Ausrasten und Ihr Gegenüber ist irritiert und Sie im Vorteil.

Bei Machtspielen ist es geradezu unerlässlich, dass Sie Ihre Gefühle unter Kontrolle halten. Einerseits, weil sie Ihnen sonst schaden, andererseits, weil unkontrollierte Gefühle in Machtspielen von anderen instrumentalisiert werden können. Wer sich mit seinen eigenen Gefühlen auskennt, sie unter Kontrolle hat und mit ihnen, aber auch mit denen der Anderen umgehen kann, hat es wesentlich leichter sich durchzusetzen.