Was sehen wir wenn wir in den Spiegel schauen? Klar, die Hautfalten, Augenringe und andere Attribute körperlicher Zugeständnisse an fortschreitendes Alter. Aber was sonst noch? Nun, wir sehen unsere inneren Bilder. Das wofür wir als Persönlichkeit stehen und stehen wollen. Wir sehen unsere Haltungen, Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen. Unsere Ängste, Kümmernisse, gelebte und nicht gelebte Träume, verpasste Chancen, gute wie schlechte Entscheidungen. Der Spiegel zeigt uns unsere äußere Realität wie Haut, Haare etc., aber vor allem zeigt er uns unser inneres Selbstbild. Nahezu allen von uns, gefällt was wir da sehen. Wir mögen uns, unsere Ehrlichkeit, unsere Aufrichtigkeit, unsere Wertschätzung die wir anderen gegenüber erbringen, die Liebe die wir geben, das Vertrauen das wir in andere setzen.

Es wäre sicher ein wenig zu hoch gegriffen und würde unserer Scham und der Angst vor Selbstüberschätzung widersprechen wenn wir ,wie der griechische Jüngling Narziß sagen würden, wir sind in den tollen Kerl, die wunderbare Frau die uns da aus dem Spiegel anschaut, bis über beide Ohren verliebt. Und doch ist es so. Auch wenn wir es anders nennen, wir lieben unser Selbstbild und das was wir sind. Und genau das können Menschen nutzen, die uns in ihrem Sinne und für ihre Zwecke beeinflussen wollen.

Der schon erwähnte griechische Jüngling Narziss schaute in das Wasser eines Teiches (nein, es war kein Norddeutsches Brackwasser mit dieser charmanten Braunfärbung, sondern ein klarer, azurblauer See in den Griechischen Bergen) und erblickte darin einen wunderbaren jungen Mann in den er sich schlagartig bis über beide Ohren verliebte. Dieser Jüngling im Wasser war wie Narziss, sah aus wie er, bewegte sich wie er, lächelte wie er. Der Jüngling im Wasser hatte nur einen Nachteil, er erwiderte die Liebe zu Narziss nicht, was diesen in eine tiefe Krise stürzte. Er überwand sie nicht und ertränkte sich. Okay, meine Selbstliebe würde jetzt nicht soweit gehen, dass ich mich im Waschbecken ertränken würde wenn mein Spiegelbild nicht in den höchsten Tönen von mir schwärmen würde. Aber ein bisschen enttäuscht wäre ich schon. So ein toller Typ wie ich, hätte das total verdient, finden Sie nicht auch?

Und nun stellen Sie sich vor, Ihnen säße jemand gegenüber der Ihre Werte, Ihre Haltungen, Ihre Ideale, kurz all das was Ihnen wichtig ist und was Sie gut finden auch super finden würde. Sie im Gespräch z.B. darin unterstützt, dass man Mitarbeiter zuvorkommend behandeln muss, sie aber auf keinen Fall unterfordern darf. Der Ihre Leidenschaft für Sport teilt, wie Sie gern ins Theater geht, der viele Sachen, Dinge und Haltungen gut findet, die Sie auch gut finden.

Einfach gestrickte Charaktere nennen so etwas „jemanden nach dem Munde reden“ doch das ist es keineswegs. Was Leute machen die die Spiegeltechnik beherrschen ist viel subtiler. Sie erforschen unsere Wünsche, Hoffnungen und Haltungen und lassen uns in dosierter Form daran teilhaben, in dem sie uns einen Spiegel vorhalten in dem wir uns selbst erkennen. So jemand wird Ihnen in keinem Falle plump nach dem Mund reden, sondern zur rechten Zeit, an passender Stelle darauf zu sprechen kommen was Sie gern haben. Wenn Sie z. B. Theater lieben wird er Sie wissen lassen, dass er ein großer Theaterfreund ist. Wie Sie ja auch. Wie schön und so passend. Eine weitere Gemeinsamkeit die verbindet. Nur werden Sie nicht merken wie sehr Ihnen die Aussage Ihres Gegenüber gefällt, weil Sie dem keine große Bedeutung bemessen. Zumal sie beide ja gerade über ganze andere Dinge geredet haben, als über Kultur oder Theater. Und gerade in dieser Subtilität liegt die Macht der Spiegelung.

Das Ergebnis einer guten Spiegelung ist das Sie die Person die Ihnen gegenüber sitzt und Sie „spiegelt“ immer mehr mögen. Weshalb wissen Sie nicht so genau, es ist nur so ein Gefühl im Bauch. Nichts greifbares. Doch dieses Gefühl sorgt mit dafür, das zum Beispiel bei zwei gleichlautenden Angeboten die Sie erhalten, derjenige den Auftrag/Job von Ihnen bekommt, der es am besten geschafft hat, Sie zu spiegeln. Ihnen das Gefühl gegeben hat, aus gleichem Holz geschnitzt zu sein. „Wir sind gleich“ lautet die Botschaft die Sie erhalten, wir haben gleiche Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen. „Schau mich an und du siehst dich.“

Gegen diese Form der Beeinflussung gibt es zwei Wege. Sie können sie zum Beispiel vorbehaltlos genießen. Sonnen Sie sich in dem Gefühl auf eine verwandte Seele gestoßen zu sein, die wie Sie, für jedes acht Gänge Menü bei Tim Raue Morde begehen würde. (Wer mich fangen will, muss bei mir das Thema Kochkunst auf höchsten Niveau anbringen. Anschließend nehme ich dem alles ab, koste es was es wolle). Okay, das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, denn die Sache hat einen Hacken, Sie werden in der Regel tun was Ihr Gegenüber wünscht und will.

Der andere Weg besteht darin sich Rechenschaft abzulegen über das was der Spiegel uns zeigt, wenn wir vor ihm stehen. Und zwar ohne Schönfärberei. Wenn Sie die Gebiete, die Sie an sich mögen, gefunden haben sollten Sie Ihr Gegenüber daraufhin beobachten ob Sie Teile oder Verhalten davon bei ihm wiederfinden. Entweder als gesprochenes Wort, als Handlung oder Geste. Falls ja, könnten Sie zum Beispiel beim nächsten Treffen Ihre vormals geäußerte Liebe zum Segeln vom Markt nehmen indem Sie behaupten, dass jetzt Schluss sein muss mit dem Bauen immer neuer Jachthäfen und Sie nicht mehr mitmachen bei diesen Umweltsünden. Zerstören Sie zielgerichtet Ihre eigene Legende indem Sie immer neue, sich widersprechende Aspekte einfügen. Ihr Gegenüber wird es schwer haben, herauszufinden was gilt, was richtig, was falsch ist. Und damit wird es schwer über Spiegelung Ihr Verhalten zu beeinflussen oder gar zu steuern.

PS.
Sie könnten natürlich auch jedes Gespräch mit einem formlosen small talk beginnen und die Sache gleich in die richtigen Bahnen lenken. „Hallo zusammen, mein Name ist Rolf Schröder, es freut mich Sie alle kennen zu lernen. Meine Eltern haben mir noch einen weiteren Vornamen gegeben, aber die meisten Menschen wissen nicht wie man Narziss schreibt, daher lasse ich das meist unerwähnt. Und was machen Sie so?

Viel Erfolg.