Lügen haben kurze Beine. Wenn das stimmt, müßte die Produktion von Trittleitern explosionsartig ansteigen. Denn wir alle lügen. Mehr oder weniger. Damit es nicht ganz so hart klingt haben wir für die Lüge andere Begriffe. Wir gehen zum Beispiel kreativ mit den Fakten um, oder verfolgen alternative Wahrheiten. Auch immer gern genommen ist das flunkern. Es klingt irgendwie niedlicher als lügen. Gleich wie wir es auch nennen, am Ende des Tages bleibt es dabei, wir lügen. Ist das schlimm?

Ja, es ist schlimm. Wo Lügen existieren kann Vertrauen nicht gedeihen. Und ohne Vertrauen gibt es keinen offenen und ehrlichen Umgang zwischen Menschen. Das allein müsste doch ausreichen um uns alle davon zu überzeugen, das lügen zu lassen. Doch das tun wir nicht. Jedenfalls die meisten von uns. Wir lügen weiter weil wir davon profitieren und weil auch die von uns Belogenen etwas davon haben.

Wie wär`s? Probe aus Exempel? Der Nachbar lädt Sie ein. Gemütliches Beisammensein mit Häppchen und kleiner Gesangseinlage des Nachbarn. Er nimmt seit kurzem Gesangsunterricht mittels einer App auf seinem Smartphone. Zu Gehör gebracht wird  „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews. Im Original vom Zahnarztsohn und König von Mallorca schon schwer erträglich, hört es sich in der Interpretation vom Nachbarn an, als würde der Hund von Baskerville ohne Betäubung gehäutet. Und was sagen Sie, nachdem Sie sich die Hände blutig geklatscht haben um bloß nichts sagen zu müssen?

Sagen Sie „Wunderbar, tolle Stimme und so voll im Ton. Wirklich gut getroffen.“ Oder halten Sie es mit der Wahrheit? „Wenn ich als Elektriker so arbeiten würde wie du singst, würde die Zahl der Stromtoten in die Hundertausende gehen.“ Vielleicht wählen Sie den Mittelweg. „Erstaunlich, was man in kurzer Zeit aus so einer App rausholen kann. Gratulation mein Lieber.“

Es müßte doch Ihrem Nachbarn klar sein, dass er schlecht singt, oder? Das kann schon sein, doch viel größer als der Wunsch nach einer ehrlichen Einschätzung ist ihm vielleicht die Anerkennung für das was er gern sein würde, ein guter Sänger nämlich. Henry Oberlander, ein außergewöhnlich erfolgreicher Krimineller in den 1930er Jahren brachte dies so auf den Punkt: „Verstehen Sie, jeder ist bereit, Ihnen etwas zu geben, damit er bekommt, wonach ihn dürstet.“ Daher lautet der Deal zwischen Lügner und Belogenem: „Ich sage dir nicht wie schlecht du singst und du behandelst mich weiter als deinen guten Nachbarn.“ Lügen funktionieren deshalb so gut, weil sie uns nutzen. Und zwar beide Seiten. 

Gleichgültig wie harmlos oder nicht Lügen sind, wir werden nicht verhindern, dass wir ihnen ausgesetzt sind. Weil lügen Vorteile bieten gibt es sie und wird es sie weiter geben. Um davor geschützt zu sein sollten wir erkennen, wann, wie und von wem wir belogen werden. Dazu gibt es einige Hinweise der Autorin Pamela Meyer. Von ihr stammt das Buch „Liespotting.“

  • Wer lügt zappelt herum. Das stimmt nicht. Gute Lügner halten ihren Oberkörper immer still.
  • Lügner distanzieren sich unbewußt vom Gegenstand ihrer Lüge.
  • Lügner halten einen Tick zu lange Blickkontakt während sie die Unwahrheit sagen.
  • Lügner lächeln stark mit dem Mund. Ehrliches Lächeln spielt sich jedoch um die Augen ab.
  • Worte und Gesten passen nicht zusammen. Während „Ja“ gesagt wird, schütteln Lügner unwissentlich den Kopf.
  • Lügner stellen häufig ihre Füße in Richtung Ausgang.
  • Sie haben häufig Gegenstände als Barrieren zwischen sich und dem Belogenen.

Alle diese Verhaltensweisen, Hinweise und Signale sind für sich genommen kein Beleg für Lügen. Es sind Warnsignale die uns die Möglichkeit geben, Vorsicht walten zu lassen. Gewürzt mit ein paar bohrenden, harten Fragen die die Plausibilität einer Lüge in Frage stellen, gelangen wir meist an den Kern und damit näher an die Wahrheit.