Nicht einmal das angebissene Pausenbrot darf in der Schublade bleiben, wenn es nach den Gurus der blanken Schreibtische geht. Anderenfalls droht geistige Verwahrlosung. Mangelnde Arbeitsleistung ist demnach die zwingende Folge. Als nächstes muss ich wohl auch den guten Bordeaux hinter dem Ordner „Dringend“ wegnehmen. Muss das sein?

Der Traumfänger vor dem Fenster, weg? Den haben zwei Dutzend Navajo Indianer doch in nächtelanger Handarbeit speziell für mich und meine innere Welt hergestellt. Die 32 Kakteen auf dem Fensterbrett, eine für jedes Arbeitsjahr, auch weg? Bloß weil die Fensterreiniger nicht mehr drankommen. Lächerlich. Der schöne Leitzordner, gekauft 1987 oder 88 mit den ausgedruckten Email der vergangenen zwei Jahre, weg? Das Motto meines beruflichen Lebens – Erstmal sitzen! – der Kern dessen was mich antreibt, schön gestaltet und gut sichtbar auf den Bildschirm geklebt, weg?  Dabei ist er nicht nur mir ein Lichtblick in der Dunkelheit des betrieblichen Alltags, sondern auch meinen KollegInnen. Und all das soll nun weg. Nichts soll ablenken, nichts die Konzentration stören.

Clean Desk Policy lautet das Zauberwort der Stunde. Was soviel bedeute wie, mach den Schreibtisch sauber bevor du gehst. In Zeiten variabler Anwesenheitszeiten teilen sich immer mehr MitarbeiterInnen einen oder mehrere Schreibtische. Wer will da schon am Morgen auf das smarte Familienbild des Kollegen schauen, wenn die eigene Frau gerade das Weite gesucht hat. Ganz zu schweigen vom Pausenbrot und Kaffeebecher. Wenn ich dem Kieler Arbeitspsychologen Udo Konradt glauben will, dann gibt es für einen cleanen Arbeitsplatz aber noch einen erheblich wichtigeren Punkt, nämlich die Arbeitsleistung. Wenn sich auf meinem Schreibtisch Papiere in Eifelturmhöhe stapeln, womöglich noch unterteilt nach dringlich, mittel- und langfristig zu bearbeiten, dann wird es richtig übel. Das lenkt mich ab sagt Konrad und beeinträchtigt meine Aufmerksamkeit. Weil ich darüber hinaus auch noch sehe was alles nicht bearbeitet ist, kriege ich zudem ein schlechtes Gewissen. Deshalb sollte ich alles was mich ablenkt vom Schreibtisch verbannen um mich zu konzentrieren und bessere Leistungen zu bringen.

Das ist nicht Jedermanns Sache. Einige haben in jahrelanger Kleinarbeit ware Wohlfühllandschaften um sich herum aufgebaut. Andere wiederum entwickeln zu jedem Stück Papier, jeder Unterlage ein persönliches Verhältnis, horten, hätscheln und tätscheln es wie ihr eigen Fleisch und Blut. Und dann gibt es auch noch die die ihre eigenen Möbel mitbringen. Das lieb gewonnene Sofa von Oma im dem jede Spiralfeder und sei sie noch so ausgeleiert eine Geschichte erzählt. Grob lassen wir, die wir uns manchmal liebevoller am Arbeitsplatz als Zuhause eingerichtet haben in vier Gruppen unterteilen. Die fünfte Gruppe entzieht sich noch einer abschließenden wissenschaftlichen Bewertung, weil sie sich beharrlich weigern ihr Passwort raus zu rücken. Der Prototyp der Clean Desk Bewegung ist der

1 Purist.
Auf dem Schreibtisch findet sich – nichts. Ihm oder auch ihr ist schon zuwider, dass eine Tatstatur und Maus darauf liegen muss. Sein härtester Gegner ist der

2 Archivar.
Alles hat seinen Platz, fein säuberlich in echten Ordnern abgeheftet und katalogisiert. Online Dateiensysteme sind des Teufels. Denn alle werden dem Archivar beim nächsten Serverabsturz dankbar sein, wenn er oder sie das Protokoll der letzten Besprechung aus seinem Leitz-Ordner zaubert. Sein Bruder im Geiste ist der

3 Hamster.
Alles wird aufgehoben, nichts kommt weg. Er sammelt ständig und benötigt 90% der gesamten Schrankkapazität der Abteilung. Dabei ist ihm Ordnung nicht ganz so wichtig. Hauptsache haben. Finden läßt sich später zwar nichts, doch das beeindruckt unseren Hamster nicht. Nun fehlt nur noch das letzte Familienmitglied, der

4 Dekorateur.
Auch die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ könnte den Arbeitsplatz nicht besser ausstaffieren. Farbig, freudig, lebensbejahend und inspirierend geht es zu. Blumen hier, farbige Körbe dort. Über allen ein kleiner Sinnspruch – Lobe den Tag, tanze deinen Namen, enjoy yourself.

Aber so richtig coole Hunde sind die

5 Clempels. (Clean + Hempels)
Bei denen im Büro sieht es aus wie im New Yorker MOMA. Das cleanste und strahlendste Nichts das je zu sehen war. Schaltet man aber ihren PC ein, dann sieht es dort aus wie bei Hempels unterm Sofa. Kraut und Rüben auf dem Desktop, von einem geordneten Dateiensystem ist weit und breit nichts zu sehen und über den Posteingangskorb würde jeder Messie in Verzücken geraten. Das alles ficht einen Clempel nicht an, es ist vielmehr Ausdruck seiner Kreativität.

So ist das nun mal mit all den guten Ratschlägen, Einteilungen und Bewertungen, es gibt keinen richtigen oder falschen Weg für gute Arbeitsleistungen, nur einen der funktioniert. Und vielleicht ist das Sofa von Oma keine ganz schlechte Idee.