Im Fahrstuhl immer mit dem Gesicht zur Tür und auf der Rolltreppe stets rechts stehen und links gehen. Das waren Gewissheiten die schon Bestand hatten, lange bevor Fahrstuhl und Rolltreppe überhaupt erfunden waren. Doch das ist jetzt vorbei. Zumindest auf der Rolltreppe. Jetzt müssen Millionen Menschen umdenken. Bis auf die Berliner.

Wer beruflich mit der Steuerung von Veränderungsprozessen zu tun hat, wird voller Vorfreude nach London blicken. Dort steht die TfL, sie betreibt die Londoner U-Bahnen, vor dem Problem Millionen Menschen davon zu überzeugen mit einer uralten Gewohnheit zu brechen. In der U-Bahnstation  Holborn sollen die jährlich 50 Millionen Fahrgäste auf den Rolltreppen nur noch stehen. Es gilt also ihnen das Verhalten rechts stehen, links gehen abzugewöhnen. Auslöser dieser Überlegung sind Untersuchungen die belegen, dass eine Steigerung der Transportkapazität von 27% möglich ist, wenn alle Nutzer stehen. Vor dem Hintergrund, dass London die am schnellsten wachsende Stadt Europas ist und das U-Bahnsystem schon heute an seine Grenzen stößt ist eine bessere Nutzung der Rolltreppen sehr sinnvoll.  Aber wie bringt man die Menschen dazu sich zu ändern?

Das übliche Verfahren dürfte sein, für eine begrenzte Zeit zusätzliches Personal an den Rolltreppen zu postieren um auf die neue Regelung aufmerksam zu machen und sie mit entsprechenden Hinweisen durchzusetzen. Kostest allerdings viel Geld und der Effekt schwindet sobald niemand mehr kontrolliert. Effizienter, kostengünstiger und nachhaltiger scheint der Nudging-Ansatz der Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und Cass Sunstein. Sie raten dazu den Menschen durch kleine Stupser (Nudge) in die gewünschte Richtung zu lenken. Ein Stups wäre zum Beispiel wenn die still stehenden Nutzer während der  Fahrt mit der Rolltreppe an einem Gewinnspiel teilnehmen könnten und ihnen der Gewinn am Ende der Fahrt auf ihrem Smart Phone gut geschrieben wird. Belohnung für gewünschtes Verhalten.

Eine etwas andere Form des Stupsens habe ich vor einiger Zeit in der Berliner U-Bahn kennen gelernt. Enorm effektiv und völlig kostenlos. Davon können die Londoner vielleicht noch lernen. Vor mir, etwa zehn Stufen entfernt auf der Rolltreppe, zwei Menschen. Einer Rechts, der andere Links, beide auf gleicher Stufe stehend. Sie lachten, waren fröhlich und ließen ganz offenbar den lieben Gott einen guten Mann sein. Davon konnte bei mir keine Rede sein. Ich hatte einen Termin und war sozusagen auf den letzten Drücker unterwegs. Also hechtete ich die Stufen hoch, fest darauf vertrauend das diese zwei vor mir, von der puren Energie meines Ansturms getrieben, zur Seite springen würden. Ich war sozusagen, wie auf der Autobahn, bereit unter Einsatz der Lichthupe links zu überholen. Und was machen diese beiden? Bleiben einfach wo sie sind. Statt zur Seite zu treten dreht sich einer der beiden um, sieht mich freundlich an und sagt: „Berlin Marathon ist schon vorbei.“

Munter ein paar Berliner unter die Londoner Bevölkerung gemischt und schon ist die Sache mit den neuen Regeln auf Rolltreppen geglückt. Und Berlin hat einen neuen Exportschlager.