Die Arbeitswelt ändert sich. Büros waren gestern, geregelte Arbeitszeiten vorgestern.  Dank Internet ist die neue Freiheit und Grenzenlosigkeit jetzt eingetreten. Arbeiten wo, wann und wie wir Lust haben. An den schönsten Orten der Welt wie Honolulu, Maui oder Bali. Ich war in Boltenhagen, dem vielleicht heißesten Hotspot für digitales Arbeiten.

Vier Tage waren geplant. Eine Mischung aus Arbeit und Freizeit. In schöner Umgebung. Meer und Strand sollten in erreichbarer Nähe sein. Ebenso wie gute Restaurants und schnelles Internet. Erste Überlegungen, eben nach Denpasar auf Bali zu fliegen, habe ich wegen kurzfristiger Engpässe auf dem Markt für Privatjets zurück gestellt. Meine Wahl fiel nach einiger Recherche auf Boltenhagen, das Denpasar Mecklenburg Vorpommerns. Strahlend blauer Himmel, eine beständig leichte Brise aus den frischen Weiten Ostsibiriens und Temperaturen nahe Null. Kilometerlange Strände, darauf Millionen kleiner, rutschiger Steine, die enorm das Gleichgewichtsorgan trainieren und somit für geistige Frische sorgen. Eine wundervolle Wahl.

Der Tisch stand am Fenster. Das MacBook oben drauf. Nein kein Windows Laptop. Niemals, aber wirklich niemals, selbst bei Androhung gefesselt in einem abgedunkelten Raum, tagelang, ohne Unterbrechung und bei voller Lautstärke Helene Fischer hören zu müssen, würden wir Digital Nomads, so nennen wir uns in Anlehnung an den alten und ehrenwerten Beruf der Wanderhure, ein Windows Laptop benutzen. Eher würde ein Geier Vegetarier oder Karl Lagerfeld sich den Zopf abschneiden lassen. Es gibt Dinge, die sind für uns Nomads einfach undenkbar. Doch das ist eine andere Geschichte.

Manche Dinge im Leben fallen erst so richtig auf, wenn sie fehlen. Zum Beispiel die rechte Hand. Sie ist ja immer da. Meist in Verbindung mit ihrer Schwester, der linken Hand. Ein cooles Paar. Eingespielt und erprobt. Eine Hand wäscht die andere. Tolle Sache. Dann wacht man eines morgens auf und sie ist weg. Die rechte Hand meine ich. Nicht mehr da. Wenn der Signalbalken fürs Internet im MacBook in einem matten Grau vor sich hin vegetiert, dann ist ein solcher Fall eingetreten. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht um eine Hand handelt die fehlt, sondern komplett um alles. Arme, Beine, Innere Organe, alles ist weg. Einzig das Gehirn ist voll da. Im Panikmodus funkt es permanent Mayday und dreht sich verzweifelt im Analysemodus. Wo ist das Internet? Geklaut? Wer hat es gesehen? Ist es spazieren, hat es sich verletzt und musste in die Klinik? Ist es ertrunken? Von Piraten entführt?

Ich habe mich natürlich sofort an der Suche beteiligt. MacBook unterm Arm, rauf auf die Strasse, den Bildschirm beständig im Blick, lief ich die Uferpromenade entlang. Dann an den Strand, zur Kurhalle, in die Kirche, hinter den Altar. Nichts. Ermüdet fiel ich auf die Bank der Bushaltestelle. Was sollte ich tun? Auf dem Bildschirm tauchte währenddessen eine Frage auf: Die Seite wurde aktualisiert, soll sie neu geladen werden? Ich hatte es gefunden. Das Internet in Boltenhagen war an der Bushaltestelle. Wahrscheinlich auf dem Weg nach Denpasar.

Die Bushaltestelle bot mir während der nächsten vier Tage wunderbaren Meerblick und stabilen Empfang. Ich kann Boltenhagen allen Digital Nomads nur wärmstens empfehlen. Apropos, die anderen beiden Netzzugänge sind bei Aldi und an der Ausfallstraße nach Klütz.