Es gibt solche und es gibt solche und dann gibt es noch die anderen, pflegte meine Oma immer zu sagen. Solche, die mit vielen Worten nichts und solche, die mit wenigen viel sagen. Und dann gibt es noch die anderen, die mit zwei Worten alles sagen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wenn es sich nicht gerade um die bucklige Verwandschaft handelt, die aus irgendwelchen evolutionären Gründen jedes Jahr um die Weihnachtszeit ins Haus schneit, dann genießen wir die Gemeinschaft mit anderen in vollen Zügen. Wir erzählen uns Geschichten, stopfen uns mit Plätzchen voll (eine erprobte Variante, Tante Hiltrud zum Schweigen zu bringen) und freuen uns wie Hühner, die gerade die Ausrottung des Fuchses abgeschlossen haben.

Dann geht das mit den Geschichten los. Sie beginnen meist mit: Erzähl mal, wie gehts dir so, was machst du so oder auch: Weißt du noch…, hast du gehört…, kennst du… oder auch, das muss ich euch unbedingt erzählen. Einige dieser Geschichten sind so lang, dass der Rest der Sippe entweder eingeschlafen, sich am Balken des Dachstuhls erhängt oder den übergewichtigen Hund so lange durch den Park gejagt hat, bis er an Herzversagen gestorben ist.  Andere Erzähler fassen sich deutlich kürzer. Sie können sogar komplexe Sachverhalte unterhaltsam und kurzweilig rüber bringen. Natürlich beherrscht niemand diese Kunst so gut wie Edmund Stoiber. Er beschrieb die Vorzüge der geplanten Magnetschwebebahn, die den Münchener Hauptbahnhof mit dem Flughafen verbinden sollte so: “Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München … mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug.” Aber wer hat schon das Glück, einen Edmund in der Familie zu haben.

Und dann gibt es noch die anderen. Sie kommen vorzugsweise aus Norddeutschland, einem Landstrich in dem außer Wasser und Wind alles knapp ist. Entsprechend haben sich die Menschen dort dieser Knappheit angepasst. Wenn sie zum Beispiel zu einer Hochzeit, einem Geburtstag oder so, eingeladen werden, essen sie so viel, dass man sie mit der Sackkarre nach Hause fahren muss. Da es völlig ungewiss ist, wann es die nächste warme Mahlzeit gibt, ist dieses Verhalten durchaus verständlich. Ähnlich ist es mit Worten. Der Norddeutsche, insbesondere in seiner ursprünglichen nativen und unverfälschten Ausprägung als Dithmarscher weiß, wie wichtig Worte für uns Menschen sind. Daher gehen sie damit äußerst sorgsam und sparsam um. Andere Gattungen, wie z.B. die Wortverschwender aus dem Rheinland würden sagen, der Dithmarscher als solcher geizt mit Worten.

William Shakespeares Wortschatz bestand aus 66000 Worten. Das ist viel. Auch im Vergleich mit der rheinländischen Plaudertasche Konrad Adenauer. Dessen Wortschatz bestand aus 800 Worten. Wenn sich zwei kommunikative Dithmarscher begegnen und sie wissen wollen, was bei dem anderen aktuell so los ist, was ihn bewegt, ob es Probleme mit den Kühen gibt oder so, dann geht das folgendermaßen:

“Und?”
worauf der andere antwortet:
“Jo”.

Nicht 66000, nicht 800, nein, zwei Worte, und die Geschichte ist erzählt. Nun stelle man sich vor, Shakespeare wäre Dithmarscher gewesen. Gar nicht auszudenken, was wir alles an Zeit und Geld einsparen würden. Romeo und Julia, zum Beispiel, ließe sich an einem Abend locker 32 mal aufführen.

Romeo: Und?
Julia: Jo.