Glückliche Ehepaare achten aufeinander, sorgen sich umeinander und warnen sich bei bevorstehenden Gefahren. Besonders wenn es sich um tierische Gefahren handelt.

Mitten in der Nacht aufwachen ist kein Vergnügen. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund dafür. Was soll man denn mitten in der Nacht schon anfangen? Staubsaugen, Waschmaschine anschmeissen oder die schon lange aufgeschobene Renovierung der Wohnung endlich beginnen? Das macht nur Sinn, wenn man die Anzahl der wachen Menschen in seiner Umgebung verzehnfachen will. Das will ich natürlich nicht. Ich mag schließlich meine Nachbarn.

Also bleibe ich im Bett. Neben mir liegt ruhig und entspannt meine Frau. Ich lausche ihren regelmäßigen Atemzügen und suche nach Wegen, wieder einzuschlafen. Von Tausend rückwärts zählen, an schöne Dinge denken, Schäfchen zählen, alles hilft nichts. Auch die Bauchlage, mein Gesicht ist tief in das Kopfkissen gedrückt und ich knapp vor dem Erstickungstod, hilft nicht. Meine Frau atmet derweil weiter ruhig und gleichmäßig vor sich hin. Ein klein wenig ignorant finde ich das jetzt schon von ihr. Während ich mich durch die Nacht quäle, ruht sie sich aus. Ich könnte jetzt hier einen Herzinfarkt kriegen, verbluten oder an plötzlichem Bettfieber sterben, sie würde weiter atmen. Egal, ich muss schlafen.

Nach gefühlten 8 Stunden Schlaflosigkeit entscheide ich mich, einen Schluck Wasser zu trinken. Vielleicht hilft Flüssigkeit. Mit Wein sollen ja viele Schlaflose beste Erfahrungen gemacht haben. Eine Flasche davon und die Sache mit der Schlaflosigkeit ist vermutlich geritzt. Gut, Kopfschmerzen sind wahrscheinlich. Aber die kommen erst morgen. Doch neben meinem Bett steht kein Wein, nur ein Glas Wasser.

Langsam und vorsichtig richte ich mich auf. Ich möchte schließlich meine Frau nicht wecken. Es ist doch nichts gewonnen, wenn sie auch wach liegt. Allerdings, wenn ich dann schlafen kann… egal. Während ich mich also ans Kopfende des Bettes setze und die Hand ausstrecke, um mir das Glas Wasser zu holen, ruft meine Frau plötzlich, wie aus dem Nichts, in einer Lautstärke wie sie sonst nur bei amerikanischen Drill-Serganten oder ums Revier kämpfenden Pavianen vorkommt:

Z I E G E N !

Wie jeder, der vor einer tödlichen Gefahr gewarnt wird, erstarre ich schlagartig. Reglos sitze ich am Kopfende und stiere benommen vor mich hin. Unfähig aufzuspringen, der Gefahr zu entfliehen oder einfach nur schnell unter der Bettdecke zu verschwinden, bleibe ich reglos sitzen. Ob das Herz noch schlägt, ich vielleicht schon gestorben bin, verlässliche Aussagen zu meinem Allgemeinzustand wage ich nicht zu machen.

Nach einigen Minuten des Abwartens beginne ich nach der Herde gewaltbereiter, vermutlich aus dem Hindukusch importierter Terrorziegen zu suchen, die es auf mich abgesehen haben. Aber nichts, nicht eine Ziege ist in unserem Schlafzimmer. Gut, vielleicht verstecken sie sich unter dem Bett, tragen Tarnanzüge oder sind auf Kommando der Führungsziege in den Schlafzimmerschrank gesprungen. Doch egal wie intensiv ich horche, es bleibt ruhig.

Jetzt schaue ich zu meiner Frau. Vielleicht steht sie kampfbereit wie Lara Croft im Bett und die Ziegen verlassen aus Angst vor ihr das Versteck nicht. Doch meine Frau ruht in stabiler Seitenlage neben mir. Atmet sanft und regelmäßig. Das ist schon okay. Schließlich hat sie ihren Teil der Aufgabe geleistet und mich vor der Gefahr gewarnt. Wie ich mit den Terrorziegen fertig werde, ist jetzt meine Sache.