Wer beruflich weiter kommen will als zum nächsten Kopierer denkt nicht nur in Erfolgskategorien, sondern nutzt auch eine zutiefst positive Sprache. Unangenehme Dinge lassen sich leicht besprechen, verlieren jeden Schrecken, klingen so heiter und gelassen wie ein junger Frühlingsmorgen. Wenn Ihnen jedoch schon die eigenen Kinder drauf kommen, dann sollten  Sie mit dem Einsatz im Betrieb noch ein wenig warten und erst einmal üben.

Vorbei die Zeiten in denen wir Probleme haben. Jetzt gibt es nur noch Herausforderungen. Ein Problem klingt nämlich irgendwie so als hätten wir keine Lösung, wüssten nicht wie es weiter gehen soll. Schrecklich. Nun stellen Sie sich einmal vor, Sie betreten nach getaner Arbeit, müde aber doch guter Dinge Ihre Wohnung. Schlüssel und Rucksack werfen Sie auf die selbst gebatikte Vintagekommode und wie jeden Abend trällern Sie die Erkennungsmelodie trauter Eintracht: „Schaaaatz, ich bin daaaha.“ Während Sie noch gar nicht ganz in den Birkenstock drin sind um sich gut gelaunt auf den Weg in die Küche zu machen, da schauen Sie unvermittelt in die blutunterlaufenen Augen vierer hungriger Löwen. Ohne sich erinnern zu können die unternehmungslustigen kleinen Racker eingeladen zu haben, blockieren diese Ihren Flur. Kurz räsonieren Sie noch über die schrecklichen Zustände in der Wildtierhaltung als Sie intuitiv begreifen, dass ein entspannter Abend vor dem MacBook noch ein wenig warten muss. Sie denken: „Scheiße, ich habe…

…ja was? Ein Problem? Gottbewahre. Nein, haben Sie nicht. So denken nämlich nur Verlierer. Gewinner sehen darin eine Herausforderung. Etwas das bewältigt werden will, das geradezu nach einer heroischen Tat schreit, nach anpacken und erledigen. Wie für Sie gemacht. Hier, in Ihrem Flur, wartet eine einzigartige Challenge auf Sie. Während Ihre Gattin mitsamt Kindern, Großmutter und Meerschweinchen vom sicheren Badezimmer aus die Lage mit: „Was machen die bescheuerten Löwen hier? Das ist doch der totale Irrsinn!“ noch in alter überkommender Art bewertet, werden Sie, geschult wie Sie sind, antworten: „Schatz, wir haben hier ein Thema in einem herausfordernden Umfeld über das wir nachdenken sollten. Da bin ich ganz bei Dir. So wie es jetzt aussieht müssen wir heute Abend noch einiges afterworken.“

Jaha, so geht das. Wikipedia nennt diesen beschönigenden Sprachgebrauch Euphemismus, ich nenne ihn vorteilhaft. Und zwar für alle Beteiligten. Das es andere Meinungen dazu gibt ist schade, doch nicht zu ändern. In unserer Familie praktiziere ich schon lange diese hoffnungsvolle und wohlwollende Sprache. Wenn unsere erwachsenen Kinder ihren Besuch bei uns mal wieder zu lange ausdehnen, bringe ich das Gespräch beizeiten auf die Zukunft. „Und Marie, was hast du gleich so vor?“ Für unseren Sohn, noch vom alten Schlag und den modernen Kommunikationsformen nicht so zugetan, hat diese Frage eine ähnliche Wirkung wie der Startschuss auf einen 100-Meter-Läufer. „Achtung Marie, unser Vater feilt gerade wieder an seiner Nebelwerfer-Taktik.  Eben hat er dir nämlich gesagt, dass wir jetzt gehen können.

Kinder. Was soll man sagen. Ich bin in den Keller gegangen. Üben.