Wenn es um Gehaltserhöhungen oder Beförderungen geht, ist richtiges Timing das A und O. Denn nur wer zur rechten Zeit ganz vorne steht, wird gesehen und ist “dran”. Doch das will gekonnt sein. In Supermärkten und von den Engländern können wir viel darüber lernen.

In unserem kleinen Supermarkt gibt es drei Kassen. Davon ist immer eine offen. Die beiden anderen werden je nach Kundenansturm zusätzlich geöffnet. Ob nun die Marktleitung ein Seminar besucht oder einfach aus dem Bauch heraus diese Vorgabe an die Mitarbeiter herausgegeben hat, kann ich nicht mit abschließender Sicherheit sagen, aber Fakt ist, wenn zwischen fünf und sieben Kunden vor der Kasse in der Schlange stehen, greift die Kassiererin zum Mikro und macht ihre Ansage: “Zweite Kasse bitte.” Keine zwei Minuten später taucht eine Mitarbeiterin auf und besetzt die zweite Kasse.

Das ist ganz wunderbar, verkürzt es doch die Wartezeit für uns Kunden deutlich. Doch es hat auch seinen Preis. Denn wie bei einem Medikament, gibt es neben einer positiven Wirkung auch immer eine, meist fiese, Nebenwirkung. Sobald die Kassiererin ihre Ansage “Zweite Kasse bitte” macht, kommt schlagartig Leben in die Schlange. Ganz so, als würde eine gut gebaute Beutelratte in Bissweite langsam vor dem Maul einer Tigerpython vorbei schlendern.

Jetzt gilt es in Sekundenbruchteilen eine erhebliche Anzahl existentieller Fragen zu beantworten. Welche Kasse wird eröffnet? Die am Fenster oder die an der Gemüseabteilung? Wer in der Schlange sind meine natürlichen Feinde? Also die, die ihre Teile blitzschnell in zwei Hände nehmen können und die, die den Inhalt ihres Einkaufskorbs noch nicht aufs Band gelegt haben. Sind militante Rentner mit Stock in der Nähe? Lohnt sich der Ausruf  „Feuer“, falls alle Stricke reißen?

Meine Großhirnrinde arbeitet unter Hochdruck. Alle Variablen, Prämissen und Eventualitäten müssen zu einem schlüssigen Bild zusammen gefügt werden. Schließlich geht es um nichts weniger, als den totalen Sieg. Erster an der neu geöffneten Kasse. Es war zwar etwas schwierig, alle Artikel in meine Hände zu bekommen, aber wozu haben Mäntel Taschen. Milch, Butter und Karotten in die Außentaschen, Joghurt Spaghetti und Radieschen in die Innentasche. Der Ziegenkäse blieb auf dem Band. Falls es notwendig werden sollte, einen geordneten Rückzug anzutreten, würde er als Markierung für meinen Platz in der Schlange dienen.

Die Dame hinter mir war erstaunlich gelassen. Sie schien mehr zu wissen als ich. War sie vielleicht mit der Kassiererin befreundet, gar ihre Mutter? Kannte sie die geheimen Regeln des Schlangeln, also der Fertigkeit, sich in einer Kassenschlange immer den besten Platz zu erobern? „Sagen Sie“, begann ich vorsichtig zu fragen, „was glauben Sie, welche Kasse werden die öffnen? Die Fensterkasse oder die Gemüsekasse?“ Ganz sicher die am Fenster antwortete sie. Ruckartig schaute ich zur Fensterkasse. Niemand da. Die anderen Kunden schienen noch zu warten. Das sollte mir nicht passieren. Also sprintete ich rüber, ließ den Ziegenkäse zurück (wer gewinnen will, muss Verluste in Kauf nehmen) und eroberte die Spitze. Ich hatte gewonnen. Ich war der Erste.

Ich hörte die glockenhellen Worte der Kassiererin durch die Luft schweben, während ich den Inhalt meiner Manteltaschen aufs Band leerte: “Ich öffne jetzt die Gemüsekasse.” Dort stand an erster Stelle die Dame, die mir den Fenstertipp gab. Vermutlich eine Engländerin.

Engländer sind nämlich Weltmeister im Schlangeln. Sie befolgen strikte Regeln, die sie nie brechen. Wer z.B. die Schlange wechselt, reiht sich genau an der Stelle ein, die er in seiner vorherigen Schlange einnahm. Der Abstand zum Vordermann sollte, wie der Guardian schrieb, so groß sein wie der Abstand, den man bei einem Tänzchen mit Tante Hildegard einhält. Ist er zu groß, kritisiert der Engländer das nicht. Er wird lediglich sagen: “Are you in the queue?” Klingt höflich, heißt aber nichts anderes als: „Idiot, hast du keine Ahnung, wie man sich richtig anstellt.” Und gelegentlich geben sie einem Unwissenden wie mir auch Tipps, wie man schneller nach vorne kommt:“Ich würde ans Fenster gehen.”