Die Vorstellung, unverstellt durch das Berufsleben zu gehen, ist einfach zu verlockend, um sie ohne Gegenwehr aufzugeben. Doch ob wir wollen oder nicht, wir ändern uns, und die Jobs haben einen ganz erheblichen Anteil daran.

Man versammle vier Männer an einem lauen Spätsommerabend im Garten des neu bezogenen Reihenhauses zum gemeinsamen Boulespiel. Stelle Rotwein, ein paar Snacks auf den obligatorischen Gartentisch aus unbehandeltem Tropenholz und höre ihren Gesprächen zu. Spätestens nach zehn Minuten kennt man ihre Berufe.

„Was ist das denn hier im Haus? Die Übergänge zwischen den Zimmern sind furchtbar ausgeleuchtet. Geht gar nicht.“ Werner, Innenarchitekt und Lichtgestalter.

„Ich erkläre euch jetzt mal die Regeln des Boules, damit wir alle den gleichen Stand haben. Werner, könntest du bitte zuhören.“ Erich, Gymnasiallehrer.

„Wie war das eigentlich, als ihr hier eingezogen seid. Ist es euch leicht gefallen das Alte hinter euch zu lassen?“ Michael, Diplompsychologe.

„Los Leute, verlieren wir keine Zeit. Werner und Erich bilden ein Paar und Michael und ich. Essen können wir später.“ Manfred, Unternehmensberater.

Nun könnte man getrost fragen, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Hat der Job auf die Leute abgefärbt oder haben sie sich einen Job gesucht, der zu ihnen passt? Doch wer kommt schon auf die Welt und teilt seiner Umgebung freudig mit: „Ich werde Unternehmensberater“. Das ist doch wohl eher unwahrscheinlich, ganz zu schweigen von den Folgen, die eine solche Äußerung mit sich brächte. Sonderbehandlung durch einen eigens abgestellten Sozialarbeiter, der spezialisiert ist auf schwere Störungen und besonders randständiges Verhalten, wäre nur eine der möglichen Folgen.

Laut dem Organisationsforscher Michael Busch ist nicht entscheidend, wann oder weshalb wir uns einen Job aussuchen, sondern allein die Tatsache, dass wir ihn ausführen, sorgt für unsere Veränderung. Wir paßen uns an. Entweder durch Einstellungs,- oder Anpassungskonformität. Ersteres meint, wir stimmen mit den Normen und Meinungen des Jobs innerlich überein. Letzteres sagt aus, dass wir Normen und Meinungen zwar nicht teilen, sie aber akzeptieren.

Es ist nicht verwunderlich, dass Einstellungskonforme besser im Beruf zurecht kommen und letztlich erfolgreicher sind. Sie müssen keine Kröten schlucken, also nichts tun, was ihnen dauerhaft so richtig gegen den Strich geht. Wer sich hingegen dauernd anpassen muss, weil Normen und Meinungen nicht geteilt, sondern bloß mehr oder weniger akzeptiert werden, der riskiert eine Deformierung seiner Persönlichkeit. Kognitive Dissonanz, so der Fachbegriff, beschreibt diesen Widerspruch zwischen Einstellung und Handeln. Damit dieser Widerspruch möglichst klein bleibt, neigen die meisten von uns dazu, einfach die Einstellung zu ändern. Dann wird das Handeln leichter. „Wenn ich schon diesen Job mache, dann mache ich eben das Beste draus.“

Doch das hat auch seinen Preis.  Zum Beispiel müssen viele im Beruf stets freundlich sein. Auch wenn ihnen nicht danach ist. Das hat zur Folge, dass sich nach einiger Zeit die Gesten der Freundlichkeit von den wahren Gefühlen trennen. Es wird gelächelt, obwohl einem nicht nach lächeln zumute ist. Wem das gut gelingt, der wird damit Erfolg haben. Aufgrund dieser Fähigkeit vielleicht die Karriere ein wenig voran treiben. Dieses Verhalten wird zunehmend ein Teil der Persönlichkeit. Da es niemanden gibt, der eine berufliche und eine private Persönlichkeit besitzt, wird es mit nach Hause genommen. Und auch dort lächelt man, obwohl einem nicht danach ist. Gekonnt ist eben gekonnt. Ob im Büro oder auf dem Sofa, spielt keine Rolle.

Doch Rettung naht. Wer die Anpassung verweigert und sich nur nach seiner inneren Stimme richtet, dem alles andere egal ist, der kann sich treu bleiben. Wie immer bei attraktiven Lösungen hat auch das einen Haken. Der berufliche Erfolg bleibt meist aus. Wer sich nicht anpasst, wird schnell als sonderbar, irgendwie schräg aussortiert und an die Seite gestellt. Wer auf Dauer sagt „Ja mag sein, dass wir alle hier gern bis 23.00 Uhr arbeiten, aber ich will nach Hause“, der ist wie ein Splitter im Finger. Tut nicht richtig weh, nervt aber irgendwie. Wie die Soziologin Cornelia Koppetsch in ihrem Buch „Die Wiederkehr der Konformität“ schrieb: Unten in der Hierarchie gegen allzu große Identifikation mit der Arbeit“. Die Chance, den Berufsweg gut zu überstehen, ist für diesen Fall nicht die schlechteste.

Für die vier Boulespieler ist das alles kein Problem. Sie sind so wild und ungezähmt wie immer. Sollte hingegen jemand behaupten sie hätten sich angepaßt, na dem würden sie was erzählen… So von Gorleben, Hausbesetzung und Nicaragua oder so.