Sie sind Schmuddelkinder, doch nichts wird im beruflichen Umfeld so sehr geliebt wie Gerüchte. Dass sie mitunter den Ruf einzelner Menschen stark beschädigen, wird, wenn nicht ohnehin angestrebt, billigend in Kauf genommen. Was würden Sie tun, wenn Sie das Ziel wären? Sofort reagieren? Gar nicht? Es spricht vieles dafür planvoll mit Gerüchten umzugehen.

Paul Watzlawik, der 2007 verstorbene Kommunikationswissenschaftler berichtete vor Jahren von einem Beratungsauftrag, den er für einen Ölmulti ausgeführt hatte. Innerhalb des Hauptquartiers gab es erhebliche Kommunikationsprobleme. So dauerte es bis zu 14 Tage, um das Protokoll einer Sitzung zwischen zwei Abteilungen abzustimmen, obwohl die beteiligten Mitarbeiter nur etwa fünfzig Meter voneinander entfernt auf einem Flur saßen. Watzlawik verbreitete daraufhin Informationen, indem er sie als Gerüchte streute. Sie verbreiteten sich innerhalb von 10 Minuten in beiden Abteilungen und erreichten 100% der anwesenden Mitarbeiter.

Gerüchte verstehen
Um Gerüchte zu “managen”, muss man ihr Wesen verstehen. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Gerüchten. Wahre und unwahre. Innerhalb dieser beiden Kategorien unterscheidet man die selbst initiierten und die von anderen ins Leben gerufenen Gerüchte. Gerüchte können ihrem Wesen nach bösartige oder auch gutartige Ziele verfolgen.

Gerüchte haben schnelle Beine. Sie sind ausgesprochen günstig, denn der zu betreibende Aufwand, um sie zu verbreiten, ist gering und kostet keinen Cent. In ihrer Geschwindigkeit und ihrem epidemischen Verlauf gleichen sie hochgradig ansteckenden Infektionskrankheiten. Sie gehören zu den effizientesten und effektivsten Kommunikationsmitteln die es gibt. Gerüchte sind per se ein mündliches Medium. Durch die Mund-zu-Mund Weitergabe werden sie je nach Bedarf z.B. verändert, angereichert oder auch ihrem ursprünglichen Sinn nach völlig entstellt.

Struktur
Ihrer Struktur nach bestehen Gerüchte aus einem Initiator, einem Betroffenen und dem Publikum. Der Auslöser oder Initiator bleibt in der Regel anonym, da kein Interesse daran besteht bekannt zu werden. Der Betroffene erfährt meist als Letzter davon. Er ist, sofern es um einen Reputationsverlust geht, verärgert und reagiert ungehalten, was ihn meist noch tiefer in die Bredouille bringt. Das Publikum greift das Gerücht auf, erzählt es genüßlich weiter. Die Gewinner und Verlierer stehen beim Start eines Gerüchtes noch nicht fest. Der Initiator erhofft sich einen Gewinn, wenn er oder sie ein Gerücht lanciert. Zum Beispiel die Rufschädigung einer bestimmten Person. Ob es dazu kommt, hängt stark von den Interessen des Publikums ab. Erscheint das Gerücht glaubwürdig, passt es in die bereits bestehende Stimmungslage der Gerüchteumgebung, rückt das Ziel Rufschädigung in erreichbare Nähe. Beträchtliche Wirkung entfaltet auch das Verhalten des Betroffenen. Agiert er aus “dem Bauch heraus”, zum Beispiel mit vehementen und schnellen Dementis, ist ebenfalls von einem weiteren erfolgreichen Schritt in Richtung Rufschädigung auszugehen.

Zyklus
Gerüchte haben einen Lebenszyklus. Es beginnt mit der Inkubationsphase. In ihr wird gemunkelt, gemutmaßt, befürchtet, erwartet und es bestehen Informationsdefizite. Aus diesem Bodensatz entsteht das Gerücht und beginnt mit der Aufmerksamkeitsphase. Jeder der es hört, reichert das Gerücht um weitere Details an und erzählt es weiter. So schnell ein Gerücht ist, so schnelllebig ist es auch. Nach mehr oder weniger kurzer Zeit erreicht es seinen Kulminationspunkt. Wird es hier nicht durch neue Sachverhalte “befeuert”, so wird es durch das Tagesgeschäft und eventuell andere, neue Gerüchte verdrängt. Die Aufmerksamkeitsphase geht noch unten und das Interesse an dem Gerücht versickert.

Umgang
Man kann Gerüchte nicht dingfest machen. Sie haben keinen Absender, vermischen Richtiges mit Falschem, arbeiten mit Halbwahrheiten, Mutmaßungen, Indiskretionen, Unterstellungen und Verdächtigungen. Gerüchte zielen nie auf eine sachliche Auseinandersetzung, sondern immer auf die Gefühlsebene. Auf dieser “argumentiert” das Gerücht. Um es verstehen zu können und sich damit die Möglichkeit des Einflusses auf die Gerüchtestruktur zu verschaffen, wird ein gefühlsmäßiges Verständnis von Struktur und Lebenszyklus des Gerüchtes benötigt.

Abwehr
Zu aller erst heißt es Ruhe bewahren. Keine übereilten Aktionen. Eine, z.B. schnelle und bloße Zurückweisung des Gerüchtes, etwa in Form eine Erklärung, während der ansteigenden Aufmerksamkeitsphase, füttert das Gerücht und macht es nur fetter und glaubwürdiger. Statt dessen beobachtet man kühl den Lebenszyklus des Gerüchtes und wartet den Kulminationspunkt ab. Währenddessen werden folgende Fragen beantwortet, die das weitere Vorgehen in der Handlungsphase bestimmen:

Ist es zutreffend oder falsch? – Wie hoch ist der vermeintliche Schaden? – Wer könnte dahinter stecken? – Verbreitet es sich extern und /oder intern? – Zieht es weite Kreise? – Wie lang wird es sich halten?

Sobald der Kulminationspunkt (der Punkt an dem alle darüber reden) erreicht ist und die Aufmerksamkeit nachlassen wird, bestehen die größten Chancen Einfluss zu nehmen.

Sie können das abfallende Interesse an dem Gerücht beobachten und es verhungern lassen, indem Sie nichts mehr dazu sagen. Gerüchte haben ein Verfallsdatum, sie folgen dem Gesetz des abnehmenden Ertrages.

Sie können dem Gerücht eine andere Bedeutung verschaffen. (“Es gibt Gerüchte die behaupten ich hätte gekündigt – das stimmt. Allerdings nur meinen Mietvertrag. Wir haben uns ein Haus hier gekauft.”)

Sie können die Öffentlichkeit mit neuem Gesprächsstoff versorgen. (“Bis 2017 werde ich hier im Haus dafür sorgen, dass…”)

Zusammengefasst:
Sie können davon ausgehen, dass eine schnelle und starke Gegenwehr das Gerücht eher verstärkt als abmildert. Daher ist der erfolgversprechendere Weg, Gerüchten etwas Raum zu lassen, bevor man darauf reagiert und zu geeigneter Zeit, wohl überlegt antwortet.