spiegel

In den Spiegel schauen ist nur für Kleinkinder völlig harmlos. Alle anderen laufen Gefahr dort jemanden zu sehen, mit dem sie nichts, aber auch gar nichts gemeinsam haben. Dennoch, es gibt gute Gründe tiefer in den Spiegel zu sehen als Ihnen vielleicht lieb ist.

Was haben Architekten nicht schon alles versucht um Arbeitsumgebungen angenehmer zu gestalten. Weg mit den kleinen Einzelbüros, in denen Mitarbeiter und Stechpalme beim Verdorren wetteiferten. Schluss mit den langen tristen Fluren, auf denen die gleiche heitere Ausgelassenheit herrschte wie auf dem Wiener Zentralfriedhof. Nein, das alles musste weg. Das Neue, frische sollte Einzug halten.

Große, lichtdurchflutete Räume wurden geschaffen. Ohne trennende Wände, für eine grenzenlose Kommunikation. Farben kamen an Decken und Wänden, die es in ihrer Pracht mit jeder Karibikinsel aufnehmen konnten. Tischfußball und Pooltische sorgen für Erheiterung und Kreativität. Und natürlich Lounge Ecken. Dass sich der Employee so richtig entspannt und wohlfühlt.

Und doch haben die Architekten eine wichtige Sache übersehen. Spiegel. In den modernen Bürowelten fehlen an allen Ecken und Enden Spiegel. Und zwar keine kleinen, Tomaten großen, Schminkspiegel, sondern richtige Kaventsmänner. So richtig dicke Dinger vom Boden bis zur Decke. Und von Wand zu Wand.

Etwa in der Art wie sie in Ballettstudios vorkommen. Natürlich ohne die Stange davor. Das würde den gemeinen PC-Worker vielleicht doch an den Rand seiner Möglichkeiten bringen. Wobei, bei Licht betrachtet, der Chef mit einem flotten Tutu aus blauem Tüll dem spielerischen Element im modernen Büro enorm auf die Sprünge helfen würde.

Doch zurück zum Spiegel. Die Wissenschaftler Galan Bodenhausen und Neil Macrae untersuchten das Verhalten von Mitarbeitern in deren Büros große Spiegel installiert waren. Siehe da, sie strengten sich mehr an als Mitarbeiter die in keine Spiegel schauten. Und was noch mehr verblüfft, „Spiegelarbeiter“ waren toleranter, zogen weniger über ihre Kollegen her und verwendeten weit weniger stereotype Zuschreibungen wenn es um Religion, Rasse oder Sexualität ging.

Nun bleibt nur noch zu klären, wie die Mitarbeiter morgens auf die Personen reagieren, die ihnen im Spiegel begegnen und sich als sie ausgeben. Mein Rat, einfach ignorieren oder auf den Kollegen verwiesen. “Das kleine dicke, faltige Frettchen, dass bin nicht ich, das ist Müller vom Controlling.