schweinepriester

Ein Projekt folgt aufs andere, eine Reorganisation jagt die nächste. Alles muss sich immer grundlegend und vor allem schnell ändern. Wer das einige Jahrzehnte lustvoll mitmachen will, sollte einen Seitenblick auf den Schweinehandel riskieren. Da lauern ungeahnte Lösungswege.

Die Chefs sind neu und mit ihnen kommen neue Ideen. Meist ist völlig unklar oder auf den ersten, allerdings meist auch auf den zweiten Blick nicht ersichtlich, ob diese Ideen wirklich so neu und so bahnbrechend sind, wie sie einem verkauft werden. Nicht selten entpuppen sich manche neue Ideen als Selbstvermarktungswerkzeuge der „Neuen“, um zu zeigen, dass sie ganz anders sind und vor allem viel mehr vom Geschäft verstehen als die “Alten”. Und manchmal stimmt das natürlich auch.

Getreu der Chaos Theorie, nach der der Flügelschlag eines Schmetterlings im einen Teil der Welt einen Orkan in einem anderen hervor rufen kann, rufen die neuen Chefs nun die Mannschaften auf den Plan. Die wollen sich natürlich ihrerseits nicht lumpen lassen und sprudeln nur so vor neuen, bahnbrechenden Ideen. Die Liste der Projekte, die daraufhin entstehen und umgehend, schnell und mit vollem Einsatz aller, angegangen werden müssen, explodiert förmlich. Auch hier ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, ob es sich um eine sinnvolle Sache handelt oder schlicht und einfach um eine Arbeitsplatz sichernde Maßnahme der Initiierenden.

Wer nicht täglich 25 Stunden arbeiten und den Spaß am Job erhalten will, muss nun die Spreu vom Weizen trennen. Wo sollte man dabei sein, wovon die Finger lassen. Welches Projekt hat die Chance verwirklicht zu werden, welches ist von Anfang an zu einem Dasein als Rohrkrepierer verdammt?

“Man sollte immer über den Dingen stehen. Da ist auch nicht so ein Gedränge.”

Im Alter von 12 Jahren war ich Schweinepriester. Dieser Titel, den mir unser örtlicher Viehhändler verliehen hat, gefiel mir und er stand in Klang und Wichtigkeit den Honoratioren unseres Dorfes in nichts nach. Arzt, Lehrer, Anwalt, Unternehmer und Schweinepriester. Die Creme de la Creme, die Intelligenzia des dörflichen Lebens wenn man so will. Und so fand ich mich an zwei Nachmittagen im Monat, bewaffnet mit einem dicken roten Filzstift in der Hand an einem 10 Meter langen Gitterzaun wieder, der zwei Ferkelställe miteinander verband. Schnell wie gut geölte Torpedos schoss ein kleines rosiges Ferkel nach dem nächsten aus der niedrigen Stallluke, rannte durch den Gang und verschwand im anderen Stall. Ich sollte jedes Ferkel, das mir nicht bis zu den Waden reichte, mit einem roten Kreuz auf dem Rücken kennzeichnen. So weit der Plan.

Doch wie immer ist der Plan die Landkarte und nicht die Landschaft. Schweine sind schnell, schlau und einfallsreich. So verfielen einige auf den perfiden Plan, sich im Gang in Gruppen zu sammeln und dann als Zehnergruppe bei mir durchzubrechen. Andere liefen bis kurz vor meinen Filzstift, drehten um und wiederholten dieses Spiel bis zu fünf mal. Was nicht gerade meinem Überblick zu Gute kam. Doch die Spitzenferkel waren die Steher. Sie liefen ein bis zwei Meter, lehnten sich dann ans Gitter und schauten cool und teilnahmslos wie Models beim Fotoshooting. Bewegten sich aber keinen Zentimeter. Die Sache wurde zusehends ungemütlicher. Schweine wohin ich schaute. Jedes machte, was es für richtig hielt, keines hielt sich an die festgelegten Laufwege und meine Erfolgsquote für “gekreuzte Schweine” sank gegen Null.

Rolf, hörte ich die Stimme des Viehhändlers aus dem Stall dröhnen, willst du sie da draußen behalten bis sie groß sind?

Nachdem ich meine Strategie geändert und schlicht nur noch jedes dritte Schwein “gekreuzt” habe, lief die Sache rund. Gut, die Vorgaben, nur die kleinen zu markieren konnte ich nicht durchgängig einhalten, aber wo gehobelt wird fallen doch bekanntlich auch mal Späne, nicht wahr Chef?