Beleidigung

Die richtig tollen Sachen sind entweder verboten oder gemein. Beleidigungen fallen in diese Kategorie. Dabei ist eine schöne Beleidigung, wird sie perfekt ausgeführt, ein kleines Kunstwerk und Balsam für die Seele dessen, der sie verteilt.

Es gibt verschiedene Arten, seinem Ärger auf andere Menschen Luft zu machen. Schreien, Brüllen, Toben ist eher etwas für grobmotorische, extrovertierte Charaktere, während leises, in sich hinein Weinen, Schluchzen und Schniefen dem leisen, introvertierten Typus eigen ist. Auch im Umgang mit der Ärger auslösenden Person gehen sie getrennte Wege.

Während die Leisen alles still mit sich abmachen, gehen die Grobmotoriker, besonders wenn sie im Auto sitzen, gern zur direkten Ansprache über. Scheibe runter, Ellenbogen raus und frei nach dem Motto: Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Autos ist die Beschimpfung. Im Zuge der Vereinfachung nutzen sie von den 300 000 in Deutschland vorhandenen Nachnamen auch nur einige wenige. Kostet zu viel Zeit den anderen zu fragen: “Ich möchte sie beleidigen. Wie heißen sie?” Statt dessen heißen von jetzt an alle Arschloch, Schlampe, Blödes Schwein, Idiot oder Dumme Kuh. Hat allerdings seinen Preis. Das „Arschloch“ gibt es beim Oberlandesgericht Düsseldorf für 3000 €. Das „Blöde Schwein“ logiert in der gleiche Preisstufe wie die Körperöffnung.

Ein schöne, treffende und ihre Wirkung nicht verfehlende Beleidigung ist das Gegenteil einer groben Beschimpfung. Hier wird nicht mit dem Hackebeil hantiert, sondern mit dem leichten und schnellen Florett. Eine vollendete Schmähung kommt leise daher, hat Witz, eine Prise ironischer Höflichkeit und die äußere Form bleibt dem Anschein nach gewahrt. Und wer käme als Lehrmeister besser in Frage als die Engländer. Sie kennen 22 Arten “Excuse me” und allein durch ihre unterschiedliche Betonung sind acht davon ausgemachte Beleidigungen.

Lloyd George, ein früherer englischer Parlamentarier erwehrte sich einer Beleidigung einer anderen Abgeordneten, die ihn anfeindete: “Wenn Sie mein Mann wären, würde ich Ihnen Gift geben.” George erwiderte gelassen: “Madam, Sie können sicher sein, wenn Sie meine Frau wären – ich würde es nehmen.” Allerdings sind auch Nicht-Engländer in der Lage, das Florett zu führen. Hans Dietrich Genscher, der deutsche Politiker wurde auf einer Wahlkampfveranstaltung von einem Zuhörer als “Arschloch” beschimpft. Worauf Genscher antwortete: “Das ist aber nett, dass Sie sich uns vorstellen.” Auf der Personalversammlung einer Klinik hielt der Geschäftsführer einer Klinik einen Vortrag über den Wert der Mitarbeiter und dass doch bei ihnen “der Mensch im Mittelpunkt steht”. Worauf aus dem Zuhörerkreis der Zwischenruf kam: “Das haben die Kannibalen auch gesagt!” Die Erwiderung des Geschäftsführers ging im Gelächter der Zuhörer unter.

In Ermangelung eines Engländers in meinem Umfeld gehe ich jetzt in die Lehre bei meiner Frau. Während eines Überholvorgangs auf der Autobahn, versuchte ich einen holländischen Laster mit 100 km/h zu überholen. Es begann ein spannendes Kopf an Kopf Rennen zwischen mir und ihm. Streckenweise sah es so aus, als würde es im Remis enden. Doch nach 10 Kilometern hatte ich dann aber den Wettkampf für mich entschieden. Nachdem ich wieder eingeschert war, jagte ein Audi, Marke Abteilungsleiter mit Potenzial nach oben, an mir vorbei und der Fahrer tippe vermehrt an die Schläfe seines purpurroten Kopfes. Er schrie etwas in meine Richtung, was sich auf seinen Lippen als “Arschloch” zu erkennen war. Diese Grobmotoriker, sie lernen es nie.

Meine Frau, ganz Florettmeisterin, sagt in gleicher Situation: “Wenn du noch langsamer fährst, fahren wir rückwärts.” Das ist doch mal eine schöne Beleidigung.