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Der Trend ist eindeutig. Einzelbüros waren gestern. Die Zukunft gehört den Bürolandschaften. Sie fördern die Kreativität und schnelle Kommunikation. Machen Spaß und erlauben unkomplizierte Begegnungen. Jetzt wird dieses Erfolgsmodell outgesourct. In die Welt außerhalb der Unternehmensgebäude. Auf die Rolltreppen.

Mitarbeiter, die gemeinsam etwas Großartiges auf die Beine stellen wollen, brauchen den Kontakt zu ihren Kollegen. Nicht nur per Smart Phone, Tablet oder WhatsApp, sondern vor allem direkt. Von Angesicht zu Angesicht. Und was eignet sich dazu besser, als eine Bürolandschaft. Jeder sieht jeden, kann ohne störende Schranken mit allen reden. Architekten haben das schon lange begriffen. Nun sind die Unternehmen auf den Zug gesprungen.

Es gibt zwar noch Diskussionen über den besten Weg, aber das sind Petitessen, die sich schnell legen werden. Ob letztlich “clean desk”, (Schreibtische, die an Sauberkeit jedem Reinraumlabor zur Ehre gereichen würden) oder “byoc – bring your own chaos” (Arbeitsplätze, farbenfroh wie Korallenriffe, aufgeräumt wie Müllhalden und so individuell wie ihre Nutzer) sich durchsetzen, wird sich zeigen.

Doch schon jetzt ist der Erfolg dieses Konzeptes sichtbar. Die schrankenlosen Landschaften stärken bei den Mitarbeitern den Zusammenhalt. Und das macht sich bezahlt. Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology konnten nachweisen, dass mehr als 80% aller kreativen Ideen nicht in irgendeinem Einzelbüro entstehen, sondern in ungeplanten Treffen und Gesprächen der Mitarbeiter. Das ist doch auch total nachvollziehbar. Da steht man am firmeneigenen Tischkicker, knallt der Kollegin einen Ball nach dem anderen ins Tor und die haut plötzlich, weil sie von ihrer drohenden Niederlage ablenken will, raus: “Ach übrigens, ich hab eine Lösung für das Hadwiger-Nelson-Problem mit der chromatischen Zahl G.”

Ich stell mir das jetzt mal so vor. Das gefällt den Mitarbeitern. Rumstehen, reden und Ideen haben. Und weil es ihnen so gefällt, wollen sie das überall so machen. Auf dem Parkplatz, in der Tiefgarage, bei Penny und im Berliner Bahnhof auf der Rolltreppe. Denn dort bin ich ihnen begegnet.

Wenn es schon kein Naturgesetz ist oder wenigstens ein weltweit gültige Vereinbarung, dann ist es wenigstens gute Sitte. Links gehen, rechts stehen. Die einzige Regel, die auf Rolltreppen einzuhalten ist. Die insbesondere dann ihre volle Einhaltung fordert, wenn ich meinen Zug erreichen muss.

Es waren noch fünf Minuten, die mir blieben, um ihn zu erreichen. Und wie das zu allem Überfluss dann immer der Fall ist, die Bahn war pünktlich, der Zug stand bereits auf dem Bahnsteig. Ich konnte ihn sehen, während ich durch den Bahnhof in Richtung Rolltreppe rannte.

Die ersten Meter waren wie sie sein sollten. Die Leute standen rechts, links war alles frei. Doch dann standen sie da. Drei Kerle. Alle so Mitte zwanzig, weite Jeans, Baseballkappen. Typ Skater. Einer rechts, einer links und der dritte oberhalb in der Mitte. Die stabilste Dachkonstruktion ist das Dreieck, hat mir mal ein Dachdecker gesagt. Ich habe das nie überprüft, aber hier auf der Rolltreppe stimmte das. Die drei bewegten sich keinen Zentimeter. Obwohl ich keuchend wie ein Ackergaul hinter ihnen stand, bewegte sich dieses gleichschenklige Dreieck keinen Millimeter. Sie lösten gerade das Hadwiger-Nelson-Problem, da war ich mir ganz sicher.

2 Minuten, dann würde der Zug endgültig ohne mich abfahren. Ich konnte nicht mehr warten. Also versuchte ich das Hadwig-Nelson-Dreieck in Schwingungen zu versetzen. “Entschuldigung, könnte ich kurz vorbei?” Keine Reaktion. Also noch einmal. Lauter, direkter übellauniger. “Ich muss vorbei!” Es klappte. Der auf der linken Seite stehende drehte sich zu mir um, lächelte und sagte: “ Aber klar doch. Aber sie müssen sich nicht so beeilen. Die DDR hat zu und es gibt jetzt genügend Bananen.
Wenn ich eins an den Berliner liebe, ist es ihre Schlagfertigkeit. Auch wenn sie dabei auf der falschen Seite stehen.

Nur so am Rande. Die Soziologen Bozoyan, Wolbring und Langner haben in München einen Selbstversuch gemacht und sich 254 Mal nebeninander auf die Rolltreppen gestellt. Das Ergebnis: Frauen wurden schneller angeblafft als Männer. Schick gekleidet Frauen hingegen, ließ man meist in Ruhe. Also Jungs, wenn schon links stehen, dann im schicken Kleid. Sonst rechts rüber!