Psychotherapeuten, die ihr Handwerk beherrschen, sind oft auf Jahrhunderte ausgebucht. Schlecht für Menschen wie mich, die mal eben mit jemandem dringend über ein Problem reden müssen. Gott sei Dank gibt es Fischhändler.

Menschen, die Fachbücher mit in den Urlaub nehmen, sind Workaholics, heißen Horst, haben eine dicke Hornbrille, tragen karierte, kurzärmelige Hemden, beige Hosen und Turnschuhe von Deichmann. Während die Nachbarn am Strand “Arschloch hoch Amerika” abziehen und den xten Cocktail in und über sich kippen, nippt Horst levitiertes Wasser aus seiner Thermosflasche und teilt der Umgebung mit, was er denn so macht: “Ach danke, aber ich lese noch ein wenig.” Dann gönnt er sich einen Dinkelkeks. Nicht, weil er hungrig ist, sondern aus purer Lust am Vergnügen. Er weiß eben wie Genuss geht, der kleine Racker.

Nicht, dass ich mit Horst große Ähnlichkeit hätte, schließlich heiße ich Rolf und trage meine Deichmann Schuhe nur im Winter. Aber die Sache mit den Fachbüchern im Urlaub, na ja. Aber macht mich das denn nun zum Workaholic? Die sind doch, wenn ich der Norwegischen Wissenschaftlerin Cecilie Schou Andreassen und ihrer Studie glauben kann, Mutter Teresa (nett, freundlich, selbstlos), Woody Allen (nervös, impulsiv, ablehnend) und Columbus (neugierig, erfinderisch, beweglich) in einer Person. In Norwegen sollen es 8 % der Bevölkerung sein. Okay, da haben sie lange Winter. Und ein Vergnügungspark ist das Land ja auch nicht. Da ist viel arbeiten eine gute Alternative. Doch in der Studie fand sich kein Hinweis, dass Workaholics Fachbücher mit in den Urlaub nehmen.

Auf dem Wochenmarkt. Zwischen Butt und Zander kam unser Gespräch auf Urlaub. Also fragte ich meinen Fischhändler nach seiner Urlaubslektüre. “Ich lese nicht. Oder glaubst du, ich will mir am Strand die Augen kaputt machen. Dann finde ich meinen Cocktail nicht mehr.” Ha, dachte ich mir, er gehört also zur „Arschloch hoch Amerika“ Fraktion. Doch unser Gespräch war damit noch nicht beendet. “Sag mal”, dabei kam er bedenklich weit aus seinem Fischwagen nach vorne. Ganz so, als ginge es jetzt darum, die nächste Sauerei der NSA auszuplaudern, “du, bei deinem vielen Urlaub, liest du eigentlich viel?” Wie Urlaub, ging es mir durch den Kopf? Und wieso viel Urlaub? Ich arbeite wie ein Stier. Was denkt der denn. Ich liege den ganzen Tag auf der faulen Haut? Haben sie bei Asterix den Fischhändler nicht immer an den Baum gebunden? Oder war es der Sänger? Egal, ich könnte später ja noch seinen Fischkarren anzünden.

Auf meine Frage, “Wie meinst du das?” schien er gewartet zu haben. Denn seine Antwort kam, wie eine Wollhandkrabbe bei Feindberührung, schnell und ansatzlos. “Na ja, ständig stehst du braun gebrannt vor meinem Wagen und da dachte ich mir, du machst auch lieber Urlaub, als zu arbeiten und versaust dir die Zeit nicht mit lesen.“

Horst ist tot. Der Fischhändler wars.