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“Ach, so eine kleine Notlüge hat doch noch niemandem geschadet.” Von wegen, wer nicht aufpasst, bringt schnell mal ein ganzes Volk in Verruf.

Fes, die alte marrokanische Königsstadt beherbergt eine der schönsten Altstädte des ganzen Landes. Sie ist nicht nur die größte, sondern auch die geschäftigste aller Medinen Marrokos. Wer hier als Händler überleben will, muss einfallsreich und aktiv auf Kundenfang gehen. Und zuweilen auch unkonventionelle Wege beschreiten.

Während meine Frau in den Tiefen der Medina, auf der Suche nach Arganöl verschwunden ist, lehne ich im Schatten an einer Hauswand. Und übe die gleiche Anziehungskraft auf die netten Händler aus, wie eine saftige Gazelle auf eine Herde ausgehungerter Löwen. Nach dem Brotverkäufer und dem Tuchhändler erscheint nun der Teppichhändler vor mir. Es beginnt ein Verkaufsgespräch, natürlich in perfektem Englisch, von dem sich deutsche Verkäufer mehr als nur eine Scheibe abschneiden könnten.

Händler: Hallo, woher kommen Sie?
Ich: Aus England. (Notlüge, mit der Hoffnung verbunden, davon zu kommen. Engländer kaufen keine Teppiche, nur Bier.)
Er: Sie sind kein Franzose?
Ich: Nein.
Er: Stellen sie sich vor. Gestern kam ein Franzose vorbei, um einen Teppich zu kaufen. Ich habe ihm nicht nur mein bestes Stück angeboten, sondern ihm auch noch einen Preis gemacht, der sich wirklich sehen lassen kann. Der Franzose wollte kurz einen Kaffee trinken gehen und dann zurück kommen. Er ist aber nicht wieder gekommen. Können sie das verstehen?
Ich: Ja kann ich.
Er: Tatsächlich?
Ich: Die Franzosen haben eine eigenwillige Angewohnheit im Geschäftsleben. Sie gehen einfach weg und sterben. Und können dann natürlich auch getroffene Verabredungen nicht einhalten.
Er: Lacht laut. Ach ihr verdammten Engländer. Ihr habt einen wunderbaren Humor. Aber wo wir jetzt gerade darüber reden, (wir erreichen einen neuen Punkt von Vertrautheit und duzen uns), willst du nicht den Teppich des Franzosen kaufen?
Ich: Nein.
Er: Warum nicht?
Ich: Den kann ich nicht trinken. Und was wir nicht trinken können, kaufen wir Engländer nicht.

Darauf hin verlässt mich mein neuer Freund unter lautem Gelächter und verschwindet in den Tiefen der Medina.

Nun wollen wir Menschen ja ehrlich sein und fühlen uns schlecht, wenn wir lügen. Ganz abgesehen von den Nebenwirkungen wie kurze Beine und lange Nasen. Und wenn sie ganz unabsichtlich, meist ohne unser Zutun, doch passiert ist, so eine klitzekleine Lüge, sollten wir uns outen? Ich bin ein verdammter Lügenbold, etwa so in der Art?

Eyal Peer von der Carnegie Mellon Universität hat diese Frage in einer Studie untersucht. Mit dem Ergebnis, dass sich nur die komplette Beichte lohnt. Teilgeständnisse lassen die ganze Sache noch mieser erscheinen und man fühlt sich am Ende noch viel schlechter , als hätte man gar nichts gesagt.

Okay. Dann bleibe ich lieber Engländer.