Gut aussehende Menschen haben Erfolg, werden hofiert und bringen es weit im Leben. Allein das wäre Grund genug, endlich die Seiten zu wechseln und der Häßlichkeit ade zu sagen. Doch nun kommt ein weiterer hinzu. Gut Aussehende sind bis zum Bersten tolerant. Besonders Ungleichheit finden sie völlig okay.

Bis zum Alter von fünf Jahren ist die Sache mit dem Selbstwertgefühl eingetütet. Wer bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht davon überzeugt ist, intelligent, amüsant, attraktiv und rundweg super zu sein, wird sich auf ein Leben unter der Grasnarbe einstellen müssen.

Mit fünf Jahren war ich in Dithmarschen. Nach New York der angesagteste Flecken überhaupt. Alfred E. Neuman wie aus dem Gesicht geschnitten, trug ich, als fürsorgliche Reaktion meiner Eltern auf eine doppelseitige Lungenentzündung ein Wollhemd aus selbstgestrickter Schafwolle. Reinweiß wie alter Papyrus, rau wie 100er Schleifpapier und löcherig wie ein Kettenhemd aus der Kleiderkammer von König Artus. Dazu angeraute Unterhosen, deren Beinschlüsse durch Weckring ähnliche Gummibänder versehentliches Auslaufen geschickt unterbanden. Vervollständigt wurde das Ganze durch kurze Hosen meines Bruders, die bei mir zu Caprihosen mutierten und schönen braun-grünen Pullovern, die dafür sorgten, dass mich selbst die Rehe im Wald übersahen. Selbstwertmäßig lebte ich auf Augenhöhe mit unserer dreibeinigen Katze. Meine treueste Begleiterin in diesen Tagen.

Da ich, wie vor dem Hintergrund dieser Kindheit nicht anders zu vermuten,  nicht weiß wie gut aussehende und selbstbewußte Menschen die Welt sehen, hat mich die Forschungsarbeit von Margaret Neale und Peter Belmvon von der Stanford-Universität sehr interessiert. Sie wollten wissen, was gut aussehende Menschen von Ungleichheit hielten. Zum Beispiel, was sie von ungleicher Bezahlung der Frauen halten. Ob sie es okay finden, dass ein paar Wenige soviel besitzen wie der ganze Rest. Oder ob sie es für eine natürliche und richtige Sache halten, dass einige Menschen eben weniger Chancen haben als andere.

In der Auswirkung bestätigte sich die Vermutung. Gut aussehende Menschen finden Ungleichheit in Ordnung und weniger schlimm als Menschen, die nicht so gut aussehen.

Da hätten Neale und Belmvon gleich zu mir kommen und sich die Studie sparen können. Ich hätte ihnen auch noch ein bisher von ihnen nicht erkanntes Phänomen mitgeteilt. Es hilft nicht nur so tun, als wäre man schön. Um das zu beweisen, habe ich mich vor unsere Kinder gestellt und sie gefragt: “ Wie kommt ihr eigentlich damit zurecht, dass ihr nicht so gut ausseht wie ich. Belastet euch das sehr?”

Meinem Nachbarn Günter musste ich Tage später noch erklären, was der Anlass für das lang anhaltende und laute Lachen in unserem Haus war.