Neue Besen kehren gut, so sagt man. Gut und schön, dass aber unser neuer Chef jetzt wohl möglich den alten Schleimbeutel Müller zu seinem Stellvertreter macht, das geht zu weit. Aber offenbar ist mein Chef bei den Hanuman in die Lehre gegangen.

Alles war in Ordnung. Jeder wußte, was zu tun und was zu lassen war. Doch damit war es eines Tages schlagartig vorbei. Unser alter Chef hatte gekündigt und der Neue stand in der Tür. Dynamisch, freundlich und voller Optimismus begrüßte er uns auf einer eigens anberaumten Mitarbeiterversammlung mit den Worten: „Ich bewundere ihre Arbeit. Was Sie hier alles für das Unternehmen geleistet haben und noch immer leisten, verdient meinen größten Respekt“. Das war nach meinem Geschmack. Endlich begriff einer und sprach es dazu auch noch aus, was ich hier den ganzen Tag leistete und zwar schon jahrelang.

Diese Jahre waren weiß Gott kein Zuckerschlecken. So manche Kröte wollte verspeist und verdaut werden. Einige von so beträchtlicher Größe, dass ich mir nicht sicher war, ob es sich um asiatische Mörderkröten oder schlicht um zu Monstern mutierte einheimische handelte.  Auch Gemeinheiten waren nicht selten. So meinten Kollegen, ich solle vorsichtig sein, mancher wäre schon auf einer nur halb so breiten Schleimspur wie meiner, zu Tode gekommen. Als würde ich schleimen. Bei wem denn? Unserem Chef? Lächerlich.

Unser alter Chef liebte Espresso. Das ist doch völlig normal. Ich mag ihn schließlich auch. Also servierte ich ihm zwischen Frühbesprechung und Mittagspause den kleinen schwarzen Muntermacher. Das tat ihm sichtlich gut und seine Laune stieg beachtlich. Davon hatte doch die ganze Abteilung  etwas. Gut, es war nicht ganz einfach den Espresso an den Kollegen vorbei auf den Schreibtisch unseres Chefs zu bugsieren ohne dass sie es merkten. Ein Aktenordner leistet als Sichtschutz jedoch ausgesprochen gute Dienste.

Gelegentlich, es sollte ja nicht wie plumpe Anbiederung aussehen, bot ich zudem das eine oder andere Leckerli an. „Chef, draußen hab ich noch ein Croissant, was halten sie davon?“ Was soll ich sagen, mit den Jahren wurden wir, mein Chef, das Croissant und ich ein eingespieltes Team. Noch ein, zwei Jahre und der Stellvertreterposten würde mir gehören.

Doch dann kam er. Der Neue. Kein Espresso, kein Croissant. Kein gar nichts. Statt dessen wollte er uns alle, wie er sagte, gründlich und gut kennen lernen. Mein Kollege Müller war nach dieser Ansage wie ausgewechselt. Seine Augen leuchteten, als hätte er eine 5000 Watt Baustellenlampe hinter seine Netzhaut platziert. Mit dem Lichtschein hätte er die halbe Firma mitsamt des Lieferantenparkplatzes und des angrenzenden Wohnviertels locker ausleuchten können.

Müllers restlicher Körper vollführte zudem wahre Freudentänze und machte Bewegungen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass sie anatomisch möglich sind. Vor allem, und das hat mich nun wirklich umgehauen, kam Müller, der zuvor mit Mc Donalds einen Exklusivvertrag hatte und dort so gut wie wohnte, eines morgens mit Biozeugs in die Firma. Naturbelassener, ungesüßter Rhabarbersaft, in Vollmondnächten gebackene Dinkelbrötchen, mit dem Fahrrad aus den hinteren Pyrenäen gelieferter handgemolkener Ziegenkäse und vegane, in levitiertem Wasser vorgebrühten Maultaschen.

Noch darauf wartend, dass Bio Müllers Körper auf die  Breitseite ultragesunder Kost mit Herzversagen, Darmverschluß oder wenigstens Atemlähmung reagiere, rief unser Chef Müller und mich in sein Büro. „Bitte nehmen Sie Platz meine Herren. Etwas zu trinken? Alles bio, natürlich. Ich schätze gesunde Ernährung sehr.“ Kurz dachte ich darüber nach, mich von Müller in strategischen Vorgehen beraten zu lassen, beließ es aber bei dem Vorsatz, ihn bei erstbester Gelegenheit mit dem Firmenlaster zu überfahren und entschied mich für levitiertes Wasser. „Wie Sie bereits wissen“, fuhr er fort „ist die Stelle meines Stellvertreters unbesetzt. Und Sie beide wären natürlich für diese Aufgabe allererste Wahl. Wie ich hörte, hat mein Vorgänger große Stücke auf Sie gehalten. Ich habe mich daher lange mit der Angelegenheit beschäftigt und bin zu dem Entschluss gekommen, die Stelle zu streichen.“

Na denn Chef. Hier gibt`s wohl keinen Espresso, oder?

Bei den Hanuman-Languren, einer in Asien lebenden Affenart, geht es ein wenig rauher zur Sache, als bei anderen Arten. Also ähnlich wie bei uns. Wenn ein neuer Chef auftaucht, werden erst einmal alle Nachkommen des Vorgängers um die Ecke gebracht. Schließlich soll ja die eigene Sippe ans Ruder. Sie machen das jedoch nicht aus Lust und Dollerei, sondern weil ihnen die Zeit davon rennt. Denn nach gut eineinhalb Jahren steht der Nachfolger vor der Tür und jagt den Alten vom Hof. Müller und ich haben jetzt erst einmal ein Sabatical beantragt. Eineinhalb Jahre. Nach Asien.