zehnerhose

Rein, raus, so kaufen wir Männer Kleidung ein. Langes Gedöns wie hier mal schauen oder dort mal probieren ist für uns eine Qual. Hielten wir uns jedoch länger in den Geschäften auf, würden wir, sehr zur Freude des Einzelhandels, auch mehr kaufen. Daher haben die Ladenbesitzer jetzt starke Verbündete gefunden, um uns zum Bleiben zu überreden: unsere Frauen.

Eigentlich sind wir Männer doch ganz einfache, unkomplizierte Konsumenten. Wer uns an einem November Samstag in den Baumarkt bringt, kann sich sicher sein, dass wir bis Weihnachten dort mit Wonne bleiben würden ohne auch nur einen Gedanken an Nahrungsaufnahme zu verschwenden. Gänzlich anders ist das bei H&M. Okay, das ist leicht zu erklären. H&M hat keine Bohrmaschinen. Aber dafür eine unübersehbare Menge an Kleidung in unterschiedlicher Größe, Ausstattung, Schnitt und Farbe. Und wenn dann aus diesem Wust auch noch eine neue Hose ausgesucht werden soll, dann ist Holland in Not.

Dabei ist doch schon gut erforscht, dass eine zu große Vielfalt das Kaufverhalten negativ beeinflußt. Bekannt ist dieses Phänomen unter dem Begriff Marmeladen-Paradoxon. Die Wissenschaftler Sheena Iyengar und Mark Lepper haben in einer Studie belegt, dass eine besonders üppige Auswahl an Marmeladen bei den Kunden Angst hervorruft, die falsche mit zu nehmen, und es später zu bereuen. Sie kaufen dann lieber gar nichts.

Für uns Männer beginnt der Einkauf, z.B. einer neuen Hose, allerdings schon lange vor dem Betreten des Geschäftes mit einer strategischen Phase. So wie eine Partie Schach natürlich auch Monate vor dem eigentlichen Spiel ihren strategischen Anfang nimmt. Fragen müssen beantwortet, Pläne ausgearbeitet, Zeiten festgelegt werden. Material der neuen Hose? Das gleiche wie die alte. Größe und Form? Was da ist und nicht einengt. Farbe? Wie die alte. Preis? Egal.

Derart gewappnet spielen wir jetzt noch die Dauer der Ersatzbeschaffung durch. Rein ins Geschäft, 2 Minuten. Hose von der Stange nehmen und anprobieren, 3 Minuten. Bezahlen, 2 Minuten. Abschluss der Aktion nach 7 Minuten. 3 Minuten Pufferzeit, weil andere Kunden unsere sorgsam geplanten Abläufe durch Geldmangel an der Kasse, langwierige Benutzung der Kabinen oder durch andere, in ihrer Person liegenden Unzulänglichkeiten, durchkreuzen. 10 Minuten und wir sind wieder draußen. Bekannt ist dieses Verhalten in der einschlägigen Männerwelt auch unter dem Begriff “Zehner Hose.”

Mein Freund Klaus, in vielen Lebensbereichen mein Vorbild und ein wahrer Meister der Zehner Hose, ist in der Umkleide so schnell, dass er schon wieder bei seiner Frau im Laden steht, bevor die sich mit mit weiteren Modellen zu ihm auf den Weg in die Umkleide machen kann. Mit einem Lächeln sagt er dann: „Schatz, ich hab mich schon mal angezogen, wir können ja morgen noch mal herkommen und noch weitere probieren. Außerdem ist die Kabine schon wieder belegt.” Nun hat er mich neulich, wir saßen gemütlich während einer Geburtstagsfeier zusammen, darauf hingewiesen, dass unser Zehner Hosen Prinzip überarbeitet werden muss. Er ist da auf ein paar Ungereimtheiten, wissenschaftliche Lücken sozusagen, gestoßen. „Rolf“, begann er zögerlich, „meine Frau nimmt jetzt immer meine alte Hose mit, wenn sie von der Umkleide weg geht. Dann kann ich nicht mehr abhauen, sagt sie.”

Daran ist nur Paco Underhill, der Papst der Kosumentenforschung schuld. Er behauptet in seinem Buch „Die Psychologie des Konsums“, Kunden, die lange im Laden bleiben, geben bis zu 30% mehr aus. Aber einem deshalb gleich die Hose klauen, ich weiß nicht.