wortbombe

Was als Ausdruck absoluter sprachlicher Unterbelichtung begann, ist nun auf dem besten Weg zum kommunikativen Spezialwerkzeug für die Verkürzung von Besprechungen zu werden. Die Wortbombe.

Enten haben es im Wasser leichter als Kühe. Das liegt nicht am Gewicht der Rindviecher, sondern an den Füßen der zukünftigen Weihnachtsbraten. Mit den Schwimmhäuten paddeln sie einfach schneller als jede Kuh und können auch noch flotter die Richtung wechseln. Da hat die Natur es mit den Enten richtig gut gemeint.

Was die Enten den Kühen, haben wir dem Rest der Menschheit voraus. Bei uns Dithmarschern hat sich nämlich über Jahrmillionen der hängende Unterkiefer durchgesetzt. Gut zu erkennen, an unserem stets offenem Mund. Was ursprünglich als Druckausgleich und Schutz unserer Lungen gegen die stets vorherrschenden Starkwinde vor den Deichen gedacht war, entpuppt sich als ideale Grundlage für die Nutzung von Wortbomben und macht uns Norddeutsche zu wahren Meistern, wenn es darum geht, in der Kommunikation die Oberhand zu behalten.

Es gibt doch immer wieder Situationen, in denen unsereins nicht mehr genau weiß, was Tango ist, auf gut Deutsch, wenn wir der Diskussion nicht mehr richtig folgen können oder bisweilen auch nicht wollen. Der Übergang ist meist fließend. Dabei ist uns gleichgültig, ob wir dem Geschwätz der puckeligen Verwandschaft oder dem des Vorgesetzten ausgesetzt sind. Es muss nur aufhören, darum geht es.

Während die gebildeten Hannoveraner, Epizentrum der reinen deutschen Sprache, ein elegantes “Wie bitte?” sanft in den Raum legen, wenn sie einem Gespräch nicht mehr folgen können, schleudern wir das, unserem hängenden Unterkiefer sehr viel mehr entsprechende “Hä?” in den Raum. Kurz, knackig und laut explodiert dieses “Hä” wie ein Monster-China-Böller an Sylvester in Meiers Briefkasten. Und dann ist erstmal Ruhe im Karton. Zumindest solange, bis sich alle davon erholt haben.

Und jetzt habe ich erfahren, dass wir Dithmarscher gar nicht die Urheber dieser besonders heimtückischen Wortbombe “Hä” sind, sondern dass es sie auf der ganzen Welt gibt. Genaugenommen überall, außer in Hannover scheint mir. Ich berufe mich hier auf den Wissenschaftler Mark Dingemanse vom Max-Plank-Institut für Psycholinguistik im niederländischen Nimwegen. Die Engländer nennen es “Hu?”, Niederländer “He?” Spanier “E?” und die Mandarin-Chinesen “A?”. Und jetzt könnte man meinen, dass sich so etwas schnell lernen ließe. Weit gefehlt, Kleinkinder brauchen volle fünf Jahre, um es zu voller Perfektion in der treffenden Anwendung des “Hä?” zu bringen. Die Hannoveraner können es zeitlebens nicht, deshalb nutzen sie auch weiterhin das “Wie bitte?”.

Wer demnächst vor hat Opas Festansprache im trauten Familienkreis, beginnend mit der Schlacht um Remagen und endend mit den Vorzügen langer Waldspaziergänge zu stoppen, der werfe ihm beherzt die Wortbombe “Hä?” vor die Füße. Bei Bedarf auch zwei bis drei Mal. Dann gibts meist schneller was zu essen. In Abteilungsleiterbesprechungen soll es auch hervorragend wirken.