bolle

Es geht nichts über anregende Gespräche. Besonders, wenn sie dazu angetan sind, alte, völlig überholte Ansichten nicht nur in Frage zu stellen, sondern sie auch mit guten Argumenten zu widerlegen.

Neulich saß ich im Kreise meiner Liebsten. Die Stimmung war gelöst und wir unterhielten uns über Gott und die Welt. Ohne recht zu wissen wieso, landeten wir beim Thema Kindheit und Kosenamen. Also gab ich zum Besten, dass meine Mutter mich immer Bolle nannte. “Das ist ja süß, genau wie in dem Lied” warf meine Frau ein. Ja, das ist wie in dem Lied bestätigte ich. Vielleicht hat meiner Mutter das Lied besonders gut gefallen, sagte ich noch. Genau weiß ich das nicht. Aber mir hat es gefallen. Das meine Mutter vor das Bolle noch Rolle setzte, gab dem ganzen einen besonderen Pfiff. Rolle-Bolle klingt irgendwie nach gut geöltem Bollerwagen. Aber das verschwieg ich lieber. In der Ehe muss es schließlich noch ein paar Geheimnisse geben.

Im Überschwang meiner Gefühle stimmte ich also, froh gelaunt wie Gotthilf Fischer zur besten Sendezeit, das schöne Lied von Bolle dem alten Halunken an: Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel….Woraufhin meine Frau mir lange in die Augen schaute und dann sagte, “Nein, der ist nicht nach Pankow gereist, sondern nach Bangkok.”

Jetzt wurde unser Gespräch so richtig interessant. Ganz so als hätte Edward Snodown auch uns mit streng geheimen Wissen versorgt. Bisher dachte ich nämlich und so hatte ich es unseren Kindern auch immer vorgesungen, dass dieser Bolle in den damaligen Berliner Vorort Pankow gefahren war. Auf Sommerfrische und so. Und jetzt erfahre ich, nach Jahrzehnten, in denen ich mich zum Affen gemacht habe, dass der Kerl nach Bangkok geflogen ist.

Ich muss meine Frau wohl ein wenig ratlos angeshen haben, denn sogleich erklärte sie mir, weshalb Pankow nicht richtig sein kann. Schau mal, sagte sie, stell dir doch vor, da reist Bolle nach Bangkok, in diese riesige Stadt. Es wuselt nur so vor Menschen, kleinen Asiaten, wo auch immer das Auge hinschaut. Und Bolles Jüngster steigt aus dem Flieger. Der ist ja selbst auch klein. Vermutlich regnet es noch. Das ist ja in Asien auch nicht selten. Also, es regnet, während Bolle die Gangway runter geht, sein Jüngster an seiner Seite. Dann wird der kleine Kerl in die Menschenmenge gesogen und verschwindet. Und Bolle ist ganz panisch, kann ihn nicht finden. Ganz zu schweigen von den Gefühlen seines Jüngsten, der jetzt ohne seinen Vater durch diese fremde Millionenstadt irrt. Wie schrecklich. Da ist es doch verständlich, dass man eine solch ergreifende Geschichte in einem Lied verarbeitet. Und mal ehrlich, fügte sie hinzu, meinst du jemand verliert in Pankow seinen Jüngsten? Das ist doch nur ein kleiner Vorort von Berlin im dem jeder jeden kennt.

Mir hat das total eingeleuchtet. Allerdings konnte ich unsere Kinder noch nicht davon überzeugen. Die sind felsenfest der Meinung, Bolle ist nach Pankow gefahren. Doch das hat bestimmt mehr mit meinen blauen Augen, als mit der Stichhaltigkeit meiner Beweise zu tun. Wie Karel Kleisner von der Prager Karls-Universität in einer Studie nachgewiesen hat, haben blauäugige Männer meist ein längeres Kinn, einen schmalen Mund, relativ kleine Augen und weit auseinander stehende Augenbrauen. Sind also hässlich wie Bolle. Und denen glaubt man nicht. Das nächste Mal setze ich mir eine Sonnenbrille auf. Laut Kleisner wirken Braunäugige Vertrauen erweckender. Dann überzeuge ich auch unsere Kinder.