Fenster

Auswahl und Vielfalt sind etwas wundervolles. Wenn nicht am Ende immer eine Entscheidung und die lästige Frage lauern würde: “Und,was wollen Sie?” Die stellte auch der freundliche Fensterputzer, ohne zu ahnen in welche Gefahr ihn das brachte.

Ostern ist für uns Bremer, was Frühling für den Bären ist. Wir verlassen unsere Höhlen. Der Bär geht auf die Jagd, und wir auf die Osterwiese (Bremer Form des Jahrmarktes). Das Ergebnis ist identisch. Allerdings muss sich der Bär sein Viehzeug noch selbst erlegen, wir finden Kuh und Schwein schön portioniert auf dem Grill vor.

Während der Bär seine Höhle mehr oder weniger unaufgeräumt zurück lässt, reinigen wir unsere Behausung gründlich. Und weil nun mal Fenster einen Blick in die Seele des Hauses erlauben, reinigen wir sie zuerst und vor allem gründlich. Der Bär macht das nicht. Das liegt daran, dass er keine Fenster und keine Nachbarn hat. Der Bär ist Einzelgänger und scheißt darauf, was Fuchs und Hase über ihn denken. Wir hingegen sind soziale Wesen und sehr daran interessiert, dass unsere Nachbarn uns für ordentlich, sauber und rein halten.

Fenster haben die Angewohnheit, unsachgemäße Reinigung mit Streifen und Schlieren auf dem Glas zu quittieren. Außerdem ist die Arbeit schweißtreibend und kraftzehrend. Das ist auch der Grund, warum Bärenhöhlen keine Fenster haben. Der Bär mag Anstrengung nur, wenn sie ihm den Bauch füllt. Und hier habe ich vom Bären gelernt. Die Fenster lassen wir vom Fachmann reinigen.

Also Anruf beim Fensterputzer und die Sache wird durchgesprochen. Wo sind die Fenster? Außen und Innen? Mit Rahmenreinigung oder ohne? Wann? Wie lange wird es dauern usw.? Dass niemand an dem Tag im Hause ist und er den Schlüssel in einem Versteck vor dem Haus finden würde, wo ihn jeder einigermaßen begabte Einbrecher auch finden würde, beendete unser Gespräch.

Daniel Kahnemann, Wirtschaftsnobelpreisträger und jemand, der sich jahrzehntelang mit Entscheidungsfindung beschäftigt hat, fand heraus, dass Richter Bewährungsanträge auf Entlassung von Strafgefangenen weitaus häufiger zum Vorteil der Gefangenen beurteilten, wenn sie die Anträge nach dem Mittagessen bearbeiteten. Also, wenn die Richter satt waren.

Und am Tag der Fensterreinigung traf ich abends, müde und vor allem hungrig auf unseren Fensterputzer. “Herr Schröder, ich bin nicht ganz fertig geworden; um genau zu sein, der komplette zweite Stock muss noch gemacht werden. Wann wollen Sie, dass ich wieder komme? Am Dienstag oder am Donnerstag. Lieber um 13.00 oder um 16.00 Uhr? Ich kann aber auch am Freitag. Und was wollen Sie, Herr Schröder?“

Ich kann die Bewährungsrichter verstehen. Satt hält man einfach mehr aus. Das geht dem Bären auch so.