IQ

Das Wichtige vom Unwichtigen trennen zu können ist ein Zeichen von hoher Intelligenz. Manch einer würde morden, für diese Fähigkeit. Ist aber nicht nötig. Leute mit einer solchen Begabung fahren auf der Straße rum. Von ihnen können wir lernen.

Es ist ein sonniger Vormittag in Berlin. Die Cafes sind mit hart arbeitenden Menschen gefüllt und auf den Straßen geht es zu wie zur Zeit der Lachswanderung in Alaska. Millionen sind unterwegs. Und ich mitten unter ihnen. Allerdings schwimme ich nicht, sondern gehe zu Fuß. Meinen Gedanken nachhängend gehe ich, wenn alle gehen, bleibe stehen, wenn alle stehen bleiben. Ich gebe sozusagen freiwillig den Löffel ab. Soll`n doch die anderen entscheiden wie es weiter geht. Eine unglaublich entspannende Art der Fortbewegung.

Wie gesagt, es läuft alles wie am Schnürchen. Die Masse und ich, wir machen Strecke wie es so schön heißt. Gut, ich weiß nicht mehr so genau wo ich bin, aber das wird sich noch klären. Hauptsache vorwärts. Gerade beginne ich mich mit einem beruflichen Problem zu beschäftigen und intensiv nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Ich sehe förmlich die Ergebnisse vor mir, da reißt mich eine tiefe, laute Stimme aus meinen Überlegungen. Sie kommt von halb rechts hinter mir. “Na wat willste Chef, soll ick dir tot fahren oder ne Ladung Gehirn spendieren. Is Rot, wa.“

LKW Fahrer, besonders die Berliner, sind wirklich intelligente Menschen. Immer bereit zu helfen. Allerdings entscheide ich mich erst einmal nicht auf eines seiner Angebote einzugehen, sondern stattdessen die Kreuzung zu verlassen. Auf der außer mir und dem freundliche Dreißigtonner mit Fertigzement, niemand steht.

Michael Melnick von der University Rochester hat herausgefunden, dass intelligente Menschen potentiell unwichtige Dinge die im Hintergrund passieren, schlechter wahrnehmen können als ihre weniger intelligenten Zeitgenossen. Sie filtern sie nämlich einfach aus um sich auf die wichtigen Sachen, die im Vordergrund des Gesichtsfeldes liegen, zu konzentrieren. Intelligenz zeigt sich also nicht nur in einer schnellen Auffassungsgabe, sondern auch in der Fähigkeit, Unwichtiges in einem sehr frühen Stadium der Verarbeitung zu Gunsten des Wichtigen zu unterdrücken.

Gott sei dank bin ich an einen schlauen Kerl geraten. Nicht auszudenken wenn er mich in die Kategorie Hintergrundrauschen einsortiert hätte.