Tempolimit

Die Fähigkeit etwas in der Zukunft liegendes richtig einschätzen zu können ist im Unternehmen und für das eigene Fortkommen enorm wichtig. Allerdings nicht nur dort. Und für einige wird es sogar zu einer Angelegenheit von Leben und Tod.


Nach spätestens zwei Jahren, einige gute Leute schaffen es auch in einem, weiß jeder wie es im Laden so läuft. Damit ist nicht gemeint zu wissen, wo die Chefin ihr Büro hat oder wer die Reisekostenanträge genehmigt. Auch nicht wer alles gefragt werden will weil er zu allem was zu sagen hat. Nein gemeint sind hier die wirklich wichtigen Sachen. Nämlich wie man den täglichen Wahnsinn im Laden überlebt und dabei noch Karriere macht.

Während meiner Angestelltentätigkeit bei einem deutschen Autokonzern bestand ein Teil meiner Arbeit darin, Vorlagen für die Geschäftsführung zu erarbeiten. Mein Chef pflegte mir das, mit leicht wechselnder Wortwahl, aber in der Tendenz wie folgt zu übergeben: “Schröder, sie sind unser bester Pferd im Stall. Andere könnte ich gar nicht fragen, die habens doch nicht drauf. Nein Schröder, das können nur sie. Und ihre letzte Vorlage, die zur….na sie wissen schon, die war einsame Spitze. Ich habe selten etwas so Gutes gelesen.”

Okay, er hat einen Dummen, (die Kollegen haben es irgendwie geschafft bei dieser Art der Arbeitsverteilung zu verschwinden) gesucht und in mir gefunden. So produzierte ich eine Vorlage nach der nächsten ohne zu erfahren was damit geschah oder ob sie einen Nutzen hatten usw. Eines Tages, ich hatte eine Menge anderer Sachen um die Ohren, vergaß ich eine fertig zu stellen. Nichts geschah. Und wie jedes lernende Wesen brannte sich diese Erfahrung in mein Hirn. Fortan, ließ ich in unregelmäßigen Abständen Vorlagen”ausfallen”. Dann ging mein Chef zur Kur. “Mein lieber Schröder, ich fahre jetzt für zwei Woche zur Kur. Sie wissen schon abnehmen und so. Den Body ein bisschen auf Vordermann bringen. Und Schröder, bringen sie mir die Vorlage am Montag Morgen vorbei.”

Nun war gerade mal wieder ein “Ausfall” dran. Montag Mittag klingelte das Telefon, mein Chef war dran: “Schröder, das mein lieber fehlte und hätte mich stutzig machen sollen, wo ist die Vorlage? Das sie die Dinger in den letzten Monaten nach Lust und Laune geliefert haben, geschenkt, aber dieses verdammte Ding brauch ich Schröder. Unbedingt. Mein Gott, können sie denn nicht wichtiges von unwichtigem unterscheiden? Dass hätten sie doch wissen müssen.”

Irgendwie fühlte ich mich an die Untersuchungen des französichen Wissenschaftlers Pierre Legagneux von der Université du Quebecc erinnert. Er hat das Fluchtverhalten von Tauben im Straßenverkehr untersucht. Zum Beispiel in Tempo 30 Zonen. Die Tauben können die Geschwindigkeit der herannahenden Autos einschätzen. Daher können sie auch besonders lange auf der Fahrbahn sitzen bleiben, bevor sie, in letzter Sekunde, vor einem Auto fliehen. Denn Tauben sind schlau. Sie haben gelernt, dass Autos in diesen Zonen immer mit einer bestimmten Geschwindigkeit fahren und daran haben sie ihr Fluchtverhalten orientiert. Blöd ist nur, dass es Verkehrsteilnehmer gibt, die mit überhöhter Geschwindigkeit in der 30ziger Zone fahren. Und damit haben Tauben so ihre, meist tödlichen, Probleme.

Auf nichts im Leben ist Verlass. Weder auf Chefs noch auf Autofahrer. Das ist hart.