unternehmer

Wenn ich gewusst hätte wozu meine kriminelle Energie aus Jugendtagen einmal gut sein würde, ich hätte auf Gewissensbisse verzichtet. Und der Schallplattenverkäufer wäre vielleicht noch mein Freund geworden.

Kleinstädte gelten nicht gerade als Stätten der Verruchtheit und des Abseitigen. Doch das mag vielleicht für den Hunsrück gelten, für Dithmarschen gilt das nicht. Die dortigen Kleinstädte waren für ihre Verderbtheit weit über die Grenzen Europas hinaus berühmt und berüchtigt. Meldorf zum Beispiel, der Ort in dem ich meine Jugend verbrachte, galt lange Zeit als das Chicago des Nordens. Zwar hielt sich die Schwarzbrennerei in Grenzen, was auch dem Umstand geschuldet war, dass es keine nennenswerte Prohibition gab und Kanada weit weg war, dafür trieben umso stärker und grausamer Jugendbanden ihr Unwesen. Und natürlich war auch ich Teil davon.

Es war die Zeit der Schallplatten, genauer der Langspielplatten. Es war natürlich die Zeit der Stones, der Who, aber definitiv nicht die Zeit der Beatles. Nur wer warm duschte, hörte Beatles. Nun ja, wir hatten noch keine Dusche, dafür aber Badeofen, Zinkwanne und Eimer. Die Dinge kamen jeden Freitag zum Einsatz. Waschtag für alle. Wer wollte, konnte. Ich wollte nicht. Ich hörte schließlich auch keine Beatles, wie konnte ich mich da waschen. Schließlich klangen die Who auch viel verruchter, wenn ich stank wie ein Iltis. Den olfaktorisch passenden Mantel, heute ginge der anstandslos als auf Links gedrehter Flokati durch, trug ich ohnehin Jahreszeiten unabhängig. Im Sommer war das eine Herausforderung.

Es gab allerdings noch ein Problem. Die Herren Who und Stones wollten Geld für ihre LPs. Geld, das ich nicht hatte. Also, was macht ein echtes Gangmitglied, es organisiert. Dazu begab ich mich in den einzigen Schallplattenladen unseres Ortes. Es war Juli, so um die 28 Grad und, wie immer um diese Jahreszeit, trug ich meinen Flokati und sorgte, mit vor dem Oberkörper verschränkten Armen dafür, dass er geschlossen war. Dadurch schwitzte ich zwar wie ein Schwein, aber es sah cool aus.

Im Laden, der Besitzer grüßte freundlich, schlenderte ich teilnahmslos zwischen den Regalen mit den LPs hin und her. Und nutzte die erstbeste Gelegenheit, um mir zwei LPs zu organisieren. Eine landete unter der Linken, die andere unter der rechten Achsel. Mein Flokati sorgte für die nötige Deckung. Dann ging es, mit angepressten Armen möglichst gelangweilt ausschauend, zur Tür. Denn die Zeit drängte. Wer jemals versucht hat, eine in Folie eingeschweißte LP in einer glitschigen Achselhöhle zu halten, weiß wovon ich rede.

“Ach Rolf, du bist doch Heinrichs Sohn, oder? Bevor du gehst, leg doch die beiden LPs wieder zurück, sonst verlierst du sie unterwegs noch.” Was für ein Nest. In Chicago hätte der Ladeninhaber wenigstens auf mich geschossen.

Wissenschaftler um den Psychologen Martin Obschonka von der Uni in Jena haben heraus gefunden, dass Menschen, die später in ihrem Leben ein Unternehmen gründen in ihrer Jugend deutlich mehr Regel verletzendes Verhalten, wie saufen, klauen und betrügen usw. an den Tag legen, wie Nicht-Unternehmer. Hätte ich das gewusst, dass damals im Plattenladen kein Diebstahlsversuch vonstatten ging, sondern ich mich aufs Unternehmertum vorbereitete, ich hätte mich noch mehr ins Zeug gelegt.