7stock

Wir müssen Menschen nicht erst in eine Löwengrube werfen um zu sehen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen, ein Fahrstuhl reicht völlig aus.

Wir halten im siebten Stock. Wir, das sind zwei Männer und eine Frau im Fahrstuhl eines Berliner Hotels. Bestückt mit Koffern und Taschen teilen wir uns die Grundfläche des von der Firma Schindler (ich vermute das Unternehmen hat seine Wurzeln in der produktionsgerechten Unterbringung von Legehennen) erbauten Fahrstuhls von 2 mal 1,50 Meter. Ohne große Absprachen haben wir den Raum unter uns so aufgeteilt, dass wir möglichst weit voneinander entfernt stehen.

Allerdings legt das Wort Weite Assoziationen von Unendlichkeit, grenzenlosen Wüsten und nie enden wollenden Horizonten nahe. Das ist hier nur bedingt gemeint. Es geht vielmehr um die Verhinderung von direktem Körperkontakt und allen seinen damit in Zusammenhang stehenden Nebenwirkungen, wie direkter Fremdschweißaufnahme oder unkontrollierter Wirtstierwanderungen.

Wie gesagt, wir halten im siebten Stock, doch anscheinend will niemand einsteigen. Ein Blindgänger, wie das unter uns Hotelprofis genannt wird. Allerdings haben Blindgänger mitunter die äußerst unangenehme Angewohnheit zu explodieren. So auch in diesem Fall. Ohne die Person schon zu sehen, hören wir doch ihre Rufe “Warten Sie auf mich, ich muss dringend nach unten“. Insgeheim habe ich natürlich die Hoffnung mit mir befinden sich nur Profis im Fahrstuhl. Denn die würden sofort den Knopf zum Türen schließen betätigen, um möglichst ohne weiteren Ballast nach unten zu kommen. Doch ich habe es mit äußerst freundlichen Laien zu tun. Meinen Mitfahrer höre ich sagen: “Klar, kein Problem, wir warten auf Sie” und drückt den Tür-offen-halten-Knopf.

Und dann kommt er, zwei Reisekoffer von der Sorte “ich mache eine Expedition und brauche dafür mein ganzes Labor” hinter sich her ziehend und die unvermeidliche Laptoptasche. Der Größe nach zu urteilen befinden sich darin Beamer, Drucker und Kleinstkraftwerk zur Stromerzeugung. Er betritt den Fahrstuhl, nein fährt in ihn rein wie ein LKW, der die letzte Sekunde der Just-in-Time Lieferung vor Augen hat.

Mein Freund Klaus hat mir verboten, und ich finde es auch richtig, Menschen, die mit ihrem Körpergewicht leicht zwei Flugzeugsitze belegen können, dick zu nennen. Sie sind wohlgeformt, sagt Klaus. Okay, da kommt also dieser wohlgeformte LKW in die Halle gebrummt und kommt kurz vor meiner Nase zum Stehen. “Das ist aber nett, dass sie auf mich gewartet haben.”

Seine heitere Art und das freundliche Lachen lassen ihn mich sofort sympathisch finden. Und diese Sympathie beruht ganz offensichtlich auf Gegenseitigkeit. “Na, was machen sie denn so?“, beginnt er das Gespräch. „Sind Sie auch auch Vertreter? In welcher Branche? Baustoffe, wenn ichs recht überlege, sie sind`n Baustofftyp, oder?“ Während ich noch überlege, was einen Baustofftypen so ausmacht, gehts schon weiter. “Tut mir leid, wenn ich ihnen so nahe komme, aber diese Fahrstühle werden, je älter ich werde, immer kleiner.” Dabei richtet er den Blick auf seinen Bauch, der in Größe der Golden Gate Brigde in Nichts nachsteht und uns beide wärmend verbindet.

Nachdem wir das Erdgeschoß erreicht haben, dreht sich mein freundlicher Mitfahrer noch einmal mal zu mir um: “Was machen sie nun eigentlich, Baustoffe oder was?” Ich bin Unternehmensberater. “Ach du Scheiße, das tut mir leid für sie. Sie sind aber trotzdem ein netter Kerl.”

Edward T. Hall hat in seinem Distanzzonenmodell gesagt, dass wir nur engste Freunde näher als 60 Zentimeter an uns ran lassen. Das stimmt nicht mein lieber Edward, nette Vertreter in Fahrstühlen kommen auch mal auf 10 Zentimeter und weniger ran und überleben das.

Öffentliche Zone: 3,60 Meter
Soziale Zone: 1,20 – 3,60 Meter
Persönliche Zone: 0.6 – 1,20 Meter
Intime Zone: Unter 60 Zentimeter