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Wer versucht, mit Höflichkeit einen Bahnhof zu durchqueren, könnte ebenso gut in einen Löwenkäfig steigen, um die Tiere von den Vorteilen einer vegetarischen Lebensweise zu überzeugen. Hier hilft nur der aufrechte Gang.

Das Leben in unserer Republik ist aufs Trefflichste geregelt. Für alles gibt es Gesetzte, Vorschriften, Bestimmungen, DIN- und ISO Normen. Auf Straßen gilt rechts vor links, in Parks Fahrradverbote und auf den Rollfeldern unserer Flughäfen ist der sonntägliche Verdauungsspaziergang mit Kind, Hund und Oma auch nicht gern gesehen.

Vermutlich ist diese permanente Bevormundung, die dauernde Gängelung des Einzelnen der eigentliche Grund, weshalb Bahnhöfe überhaupt erst erfunden wurden. Die Bürger brauchen Freiräume. Orte an denen sich jeder geben kann wie er oder sie will. Wo nur das Hier und Jetzt zählt. Der Bahnhof als letzte verbliebene Oase in einer Wüste unmenschlicher gesellschaftlicher Regulierungswut.

Damit hier gar nicht erst ein falscher Zungenschlag Einzug hält. Ich sympathisiere mit Freiräumen, finde sie geradezu überlebenswichtig. Aber nicht, wenn ich einen Zug erreichen muss und schon spät dran bin. Da hört für mich die Freiheit auf. Und zwar die Freiheit aller Anderen. Ich erwarte, dass es dann abläuft wie in Moskau, wenn das Politbüro in seinen schwarzen Wolga Limousinen in Richtung Kreml rast. Keine roten Ampeln, kein Gegenverkehr, keine Fußgänger, keine Radfahrer oder andere Weichteilhindernisse. Durch und gut.

Bisher konnte ich die übrigen Bahnbenutzer noch nicht von den Vorteilen meiner Ansicht überzeugen. Da mir körperliche Gewalt als Mittel der Wahl fremd ist und der Großteil der männlichen Bahnbenutzer durchaus in der Lage zu sein scheint, einen Baumstamm mit der bloßen Hand zu zerteilen, ging ich die Sache auf einer höheren Ebene an. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. So muss es sein.

In einem Ratgeber hatte ich von der Drachenmethode gelesen. Darin stand, ich solle mir vorstellen, ich wäre ein am Himmel fliegender Drache. Hoch und stolz fliege ich durch die Lüfte. Weiter hieß es, ich solle meinen Körper straffen, aufrecht halten, die Brust rausstrecken und den Kopf hoch erheben. Ich bin ja ein stolzer Drache. Und so solle ich überfüllte Plätze wie z.B. Bahnhofshallen, Flughäfen oder Kaufhäuser durchschreiten können, ohne von Mitreisenden oder anderen Besuchern aufgehalten zu werden.

Das fand ich gut. Es hat mich überzeugt. Ich also rein in den Bremer Bahnhof, Kopf hoch, Brust raus. Ich sah faktisch nur noch das Dach des Bahnhofs und ahnte bestenfalls wo es lang ging. Aber so stand es im Ratgeber und so muss es dann sein. Und, was soll ich sagen, es funktionierte. Ich kam voran wie noch nie. Niemand stand im Weg, keiner behinderte mich. Ich fühlte mich wie in der Werbung der Volks- und Raiffeisenbanken “Wir machen den Weg frei”. Demnächst durchschreite ich das schwarze Meer trockenen Fußes und überquere den Grand Canyon ohne Seil.

Ich sah noch den Hinweis, Gleis 11 rechts hoch, bevor ich den harten Schlag am Knöchel spürte, das Gleichgewicht verlor und den Satz hörte: “Ey, Penner, haste keine Augen im Kopp. Mach meinen Koffer nich kaputt. Der is ganz neu, Mann.”

In dem Ratgeber stand nichts davon, wie ich mit kleinen Koffern, in diesem Fall war es ein mit Kordel umwickelter Bananenkarton, die Mitreisende zielsicher inmitten des Ganges platziert haben, umgehen soll. Vielleicht sollte ich mir die Technik der
Shvetambaras zu eigen machen. Diese Mönche haben einen Besen in der Hand, um den Weg vor ihnen von Tieren zu reinigen, damit sie sie nicht versehentlich tot treten. Das müsste doch auch mit Koffern gehen.

Und was sagen der Wissenschaftler Andy Yap von der Columbia Business School in New York und seine Kollegen dazu? Die haben herausgefunden, dass selbstbewußte Haltung, also aufrechte Körperhaltung, Kopf hoch usw. das Selbstwertgefühl steigern. Und das führt dann, den Wissenschaftlern zufolge, zu einer größeren Risikobereitschaft, zu mehr Mut und mehr Stressresistenz (aber nicht weniger Koffern, mein lieber Andy). Ist gut, um durch Bahnhöfe zu kommen, hat aber einen entscheidenden Nachteil. Diese vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Leute sind egoistischer und deutlich unehrlicher als andere Zeitgenossen. Auch das haben die Wissenschaftler heraus gefunden. Ja Andy, was soll ich sagen, man kann nicht alles haben.