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Umzüge sind ja okay, wenn nur das lästige schleppen nicht wäre. Aber wozu hat man Freunde. Alle fassen mit an und schwupp die wupp sind wir fertig. Man muss nur die Ringelmann-Leute im Auge behalten.

Zu körperlicher Arbeit habe ich ein ebenso unverkrampftes Verhältnis wie die Antilope zum Löwen. Wann immer möglich gehe ich ihr mehr oder weniger gekonnt aus dem Weg. Doch was soll ich machen wenn ein Freund umzieht und um Hilfe bittet? Natürlich, ich könnte eine ledierte Schulter anführen, rausgehüpfte Bandscheiben oder ein Blutgerinsel das sich demnächst von der Arterienwand losreißt um sein unheilvolles Werk zu vollenden. Nein, es war mal wieder an der Zeit, mich von meiner freundlichen Seite zu zeigen.

Und so stand ich dann eines Morgens mit erstaunlich vielen anderen vor der Haustür. Bereit das Unausweichliche zu tun, zu arbeiten. Als wäre das nicht schon deprimierend genug, türmte sich neben uns ein Möbelwagen von gigantischen Ausmaßen auf. Seine schiere Größe ließ nicht auf einen Dreizimmer-Umzug schließen, sondern auf die Verlagerung eines ganzen Kontinents. Der sich, wie sich bald herausstellte, fein säuberlich in Umzugskartons verpackt war. Die alle darauf warteten vom fünften Stock runter getragen und in den LKW geladen zu werden.

Arbeit schön und gut, aber Hände und Füße müssen Ruhe haben. Diesem Motto folgend suchte ich mir einen Platz im Treppenhaus zwischen dem vierten und fünften Stockwerk. Ein neuralgischer Punkt. Sehr eng und unübersichtlich. Mit einem Karton vor dem Bauch, schwierig zu gehen. Hier würde ich mich die nächsten drei Stunden, oder eben so lange wie der Umzug dauern würde, aufhalten. Wie ein Lotse auf dem Nord-Ostsee-Kanal würde ich die Leute durch die enge Passage führen. “Ja, noch einen kleinen Schritt, dann kannst du die nächste Stufe nehmen oder auch “Vorsicht, nicht so weit links”. Ich war in meinem Element. Und ich schwitzte nicht. Zwei wunderbare Erfahrungen.

Wenn französischer Ingenieur Ringelmann mich so gesehen hätte, er hätte sich gefreut. Bin ich doch die Fleisch gewordenen Bestätigung seiner Erkenntnis, dass Menschen in einer Gruppe weniger Leistung erbringen als aufgrund der summierten Einzelleitungen zu erwarten war. Wenn`s keiner merkt, macht der eine oder andere einfach mal halblang. Dieser, nach ihm benannte Ringelmann-Effekt war meine Rettung vor den Kartons. Bis Rüdiger kam.

Rüdiger, zwanzig Jahre und die Statur von Arnold Schwarzenegger. “Rolf, paß mal auf, diese schwierige Stelle umgehen wir einfach. Ich werfe Dir die Kartons zu und du reichst sie dann weiter”. Was Rüdiger auch prompt in die Tat umsetzte. So fand ich mich für den Rest des Umzuges als Kartonfänger auf der Treppe wieder. Die abendliche Pizza ließ ich mir von Rüdiger anreichen. Meine Hände hatten beschlossen, sich nicht mehr zu bewegen.