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Wer sich bei der Arbeit zusehen und wer schnell miteinander ins Gespräch kommen kann, arbeitet besser. Büroetagen ohne störende Zwischenwände belegen diesen Trend. Dass diese neue Transparenzoffensive jetzt auch auf den Privatbereich übergreift, wirft Fragen auf.

Die Idee der schrankenlosen Kommunikation zwischen Mitarbeitern und dem daraus resultierenden Produktivitätsvorteil hat etwas Bestechendes. Mitarbeiter müssen ihren Arbeitsplatz nicht verlassen, um bei einem drängenden Problem den Rat einer Kollegin einzuholen. Sie rufen einfach rüber: “Eh, Klaus, Bremen hat schon wieder unentschieden gespielt, wann schmeißen die den Trainer endlich raus?” Und schon bekommen sie eine hilfreiche Antwort. Das hat sich bewährt, auch wenn einige Dinge noch gelöst werden müssen. Wie z.B. erklären Mitarbeiter ihren Chefs, dass Beine auf dem Schreibtisch, und das Falten eines Origami-Kranichs der Ausdruck intensiven Nachdenkens über ein berufliches Problem sind und wohl noch einige Tage bis Wochen in Anspruch nehmen werden. Jedoch keinesfalls mit Faulheit oder partieller Unlust zu verwechseln sind.

Und diese bewährte Transparenz aus dem Arbeitsleben hat jetzt Einzug ins Private gehalten. Um genauer zu sein, bei Hilfen unter Freunden. Vor kurzem erreichte mich der Hilferuf eines Freundes, ihm doch beim Umzug zu helfen. An und für sich helfe ich meinen Freunden gern. Allerdings verstehe ich nicht, weshalb sie dafür immer mich nehmen. Ich bin Berater von Beruf. Und praktisch seit Jahrzehnten darauf gedrillt, Lösungen für Probleme zu finden, die es vorher gar nicht gab. Das ist schwere, komplexe und all meine Energie fordernde Wissensarbeit, die selbstverständlich die völlige Abwesenheit von körperlicher Anstrengung voraussetzt. Das schließt das Tragen von Umzugskartons ebenso aus wie das Hinein-wuchten von zentnerschweren Waschmaschinen, in der Größe eines Blockheizkraftwerks in winzige Einbaunischen.

Es hätte mich gleich stutzig machen müssen. Aber wer denkt schon bei ausgehängten Türen an so etwas Bösartiges. In der neuen Wohnung waren alle Türen ausgehängt. Einschließlich Eingangs- und Kellertür. Daher waren alle Zimmer, jede Nische und Ecke sofort einsehbar. Absolut schlechte Voraussetzungen, um in Ruhe, das heißt ohne auch nur eine Kiste in die Hand zu nehmen, geschweige die Waschmaschine zu wuchten, den Umzug zu überstehen. Also wechselte ich, wie es sich auch schon bei den Partisanen bewährt hat, ständig meinen Standort. In die Küche, runter in den Keller, rauf ins Wohnzimmer, wieder zurück in die Küche. Immer in Bewegung bleiben. Das wirkt auf Außenstehende geschäftig, geradezu arbeitswütig und macht einen sehr guten Eindruck.

Allerdings macht es auch müde und unachtsam. Während ich so aus dem Küchenfenster und dem Ende des Umzuges entgegen sah, höre ich diese Stimme hinter mir. “Du Rolf, ich kann das gar nicht mit ansehen, wie du da so rumstehst. Hier ist ein Besen, der Flur muss noch gefegt werden.”

Ich helfe künftig bei Umzügen nur noch, wenn mir versichert wird, dass die Türen drin bleiben. Wie soll man sich denn sonst verstecken?

Ach ja, bevor ich es vergesse, die alte Sache, dass Menschen in Großraumbüros produktiver sind, hat sich auch erledigt. Forscher um den Wissenschaftler Ethan. S. Bernstein von der Harvard Business School haben belegt, dass Mitarbeiter bis zu 15% höhere Leistung erbringen, wenn sie mehr Privatsphäre haben, als dies in Großraumbüros möglich ist. Zudem verbrauchen sie lange nicht so viel Energie, um geschäftig zu wirken und damit einen guten Eindruck bei den Chefs zu erzeugen. Denn die kommen bekanntlich ja schnell mal mit dem Besen um die Ecke.