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„Folge mir, ich habe alles im Griff“, sprach ein Lemming zum anderen, während sie fröhlich pfeifend über die Klippe sprangen. So viel Gemeinsamkeit und Zusammenhalt ist wunderbar, allerdings sind längst nicht alle kollektiven Entscheidungen immer die besten, weder in Konferenzräumen, noch auf dunklen Dorfschulwegen.

Um gute Ergebnisse zustande zu bringen, ist es ratsam, viele Leute um einen Tisch zu versammeln. Die werden dann aus den unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen das Optimum rausholen. Wenn wir den Sozialpsychologen Garold Stasser und William Titus glauben, ist das genauso falsch, wie die Todessehnsucht der Lemminge. Diese putzigen kleinen Nager sollen sich ja gern durch beherzte Sprünge von Klippen in den Tod stürzen. Und zwar unabhängig davon wie es um den Aktienstand, die Zahlungsfähigkeit der Griechen oder das Kanzlergehalt gerade steht. Sie sollen es einfach aus Freude am Erlebnis machen. Ist natürlich Quatsch, die sind ja nicht blöd. Bloß weil es in einem Disney Film so gezeigt wurde, wird es nicht wahrer.

Wie Stasser und Titus schon vor 25 Jahren herausgefunden haben, treffen Gruppen keine besseren Entscheidungen, als einzelne Menschen. Schlicht deshalb nicht, weil die Gruppe gern Mehrheitsmeinungen aufnimmt. Sie nannten dieses Phänomen Common Knowledge Effect“ (Wirkung des gemeinsamen Wissens). Alles, was nicht der vorherrschenden Gruppenmeinung entspricht, wird ignoriert. Wer das ändern will, muss gezielt dazu auffordern, abweichende Meinungen zu äußern und auch noch dafür sorgen, dass diese in der Diskussion nicht untergehen. Allerdings ist das ganz schön schwierig. Denn wer widerspricht schon gern seinem Chef oder seiner Chefin? Nur der, dem sowieso schon alles egal ist, der mit seinem Leben abgeschlossen hat und auf dieser Welt keine Perspektive mehr sieht. Leute, die eine Wand im Rücken und einen Abgrund vor sich haben. Lemminge oder Dithmarscher Grundschüler zum Beispiel.

Zu meiner Grundschule, in der ich prägende Jahre verbrachte, führten zwei Wege. Ein kurzer und ein langer. Der kurze führte durch einen 50 Meter langen, gut einen Meter breiten Weg. Genannt „Schlauch“. Begrenzt wurde er auf der einen Seite von einem hohen Bretterzaun und auf der anderen von einem zweistöckigen Gebäude ohne Fenster. Der lange Schulweg mied diesen Schlauch und führte auf anderem Wege in die Schule. War aber eben länger und erforderte früheres Aufstehen. Daher kam er nicht in Frage.

Während meiner Schulzeit – ich war sehr beliebt – hatte ich viele Freunde. Insbesondere an eine Gruppe von fünf Jungens denke ich gern zurück. Sie kümmerten sich in jeder nur erdenklichen freien Minute liebevoll um mich. Und es tat mir gut. War ich doch von der Natur mit einigen Mutationen, heute würde man wohl eher sagen, mit einigen Herausforderungen gesegnet. So war ich ungewöhnlich klein. Es war mir z.B. möglich, einen Fuchsbau zu betreten ohne den Kopf einzuziehen.

Darüber hinaus hatte ich mitten im Gesicht jede Menge Sommersprossen, die trotz des flächendeckenden Einsatzes von Bleichungsmitteln weithin leuchteten wie Sterne auf dem Bremer Weihnachtsmarkt. Das Mittel war nicht verschrieben von Michael Jacksons Hausarzt, sondern unter der Produktbezeichnung „Schwanenweiß“ in der dorfeigenen Apotheke erstanden. Verfeinert wurde mein vortreffliches Aussehen von einer Pfeifstimme, die mir den Spitznamen Barney Geröllheimer einbrachte. Nach dem kleinen Quengler aus dem Film Familie Feurstein. Die Krone allerdings, das was meinen ganz besonderen Charme ausmachte, waren meine Ohren. Sie standen vom Kopf ab wie Radarantennen auf dem Natoübungsplatz und waren von einer Größe, die jeden Elefanten vor Neid erblassen lassen würden.

Wie gesagt, die fünf Jungs kümmerten sich liebevoll, besonders gern morgens auf dem Schulweg, um mich. So stand einer von ihnen am Anfang des Schlauches, ein anderer an dessen Ende. Die übrigen drei warteten in der Mitte auf mich. Sie waren nette Kerle. Durch die Bank deutlich größer als ich, deutlich schwerer und von kräftiger Statur. Da spielte sicherlich ihr landwirtschaftlicher Hintergrund eine erhebliche Rolle. Das tägliche Ausmisten der Ställe erfordert natürlich eine gewisse Kraft. Während der Erste am Schlauch mich freundlich mit den Worten „Na, Barney, da kommst du ja. Wir haben schon auf dich gewartet“ begrüßte, riefen die drei in der Mitte mir überschwenglich zu: „He Barney, heute mal wieder zu tief in den Scheißeimer geguckt?“ Es war eine freundliche Anspielung auf meine Sommersprossen. Dann gaben sie mir noch einen Rat: „Barney, geh heute besser nicht auf den Deich, soll windig werden“. Sie machten sich offenbar große Sorgen, dass ich wegen meiner Ohren den Bodenkontakt verlieren und ins Meer fliegen würde.

Während ich Ihnen mein Bargeld, meine Süßigkeiten und das Pausenbrot aushändigte, versuchte ich kurz über diese Maßnahmen zu diskutieren. So wand ich ein, dass sie es heute doch mal sein lassen könnten und ich mein Geld gern behalten würde oder wir einfach Halbe Halbe machen könnten. Dann hätten wir doch eine Win-Win Situation. „Bist du blöd Barney?“, habe ich nicht als wirkliche Zustimmung gedeutet. Besonders mein Hinweis, gemeinsam mit dem Rektor ein Moderationsgespräch zu führen, wurde in der Gruppe nicht wirklich zustimmend aufgenommen. Ich hatte sogar kurz den Eindruck, ihnen mißfiel mein Vorschlag, das Problem über diesen Weg anzugehen.

Wenn ich damals schon von Stasser und Titus Erfahrungen gewußt hätte, ich hätte es uns allen viel leichter machen können. Gruppen lassen sich eben nur selten von ihrer Mehrheitsmeinung abbringen. Deshalb einfach Geld und Pausenbrot in den Schlauch werfen, warten bis die Meute gefressen hat und durchgehen. Dazu kam es leider nicht mehr. Ich erhielt die Erlaubnis, mit dem Rad in die Schule zu fahren. Und durch den Schlauch durften wir nicht mit dem Rad fahren. Schade eigentlich. Wo ich doch so gerne diskutiere.