freundlich

Einfach mal nett sein, sich für andere interessieren und sich ein wenig um sie zu kümmern, das ist es, was Gemeinschaften zusammenhält. Das kostet nichts, macht Spaß und sorgt zudem noch für einen guten Ruf. Allerdings sollte man das nicht am Straßenrand versuchen.

Es war ein richtig runder Tag. Der Workshop verlief gut, die Ergebnisse konnten sich sehen lassen und die Teilnehmer waren gut drauf. Wir tauschten noch ein paar freundliche Floskeln aus. So als Wegzehrung für den Nachhauseweg. So sagte ein Teilnehmer sichtlich aufgeräumt und herzlich dreinschauend zu mir: “Gute Arbeit Herr Schröder. Stellenweise waren sie sogar mitfühlend, das ist ja sonst gar nicht ihre Art.” Ich liebe diese ehrlichen Typen. Man muss sich nie fragen was sie denken, sie sagen es einfach. Allerdings kommt im Anschluß kein LKW und überfährt sie. Na ja, man kann nicht alles haben.

Derart mit Zuspruch versorgt, machte ich mich zufrieden auf den Nachhauseweg. Und dachte lange darüber nach, wie ich eigentlich irgendwann einmal zu einem guten Ruf kommen will. Das Thema hatte sich schlagartig verflüchtigt, als ich an der Eisdiele angekommen war. Jetzt erst mal einen Espresso. Bisschen sitzen, den Leuten zuschauen und den Feierabend genießen.

Erst fiel sie mir gar nicht auf, die alte Frau dicht am Straßenrand. Ihre Hände hatte sie auf einen Gehwagen gestützt. Die Frau stand mit dem Rücken zu mir und schaute auf die andere Seite der Straße. Ganz so, als beabsichtige sie, die Straße zu überqueren. Doch das tat sie nicht. Sie stand da und schaute. Und ich schaute ihr dabei zu. Niemand schien von dieser Frau Notiz zu nehmen. Da kann doch mal jemand hingehen und ihr helfen, dachte ich. Das tat aber keiner.

Gut, dann mach ich das eben. Nachdem ich kurz überlegt hatte, was ich mit meiner Tasche und dem Jackett mache, wir waren schließlich in einer italienischen Eisdiele und damit im Zentrum des organisierten Verbrechens, beschloss ich, ohne Rücksicht auf meine Wertsachen, zu handeln. Mit flotten Schritten ging ich zu der Frau, sagte halblaut, ich wollte sie schließlich nicht erschrecken, “Guten Abend, ich helfe ihnen” und fasste ihr an den Unterarm, um sie und ihren Gehwagen auf die andere Seite der Straße zu bringen.

“Oh, vielen Dank junger Mann, sagte sie lächelnd zu mir. Sie sind sehr freundlich. Aber ich will nicht nach drüben.”

Das werde ich mal den Anthropologen Shane Macfarlan, Robert Quinlan und Mark Remiker erzählen. Die haben nämlich behauptet, anderen zu helfen, ist gut für meinen Ruf. Sie haben aber nichts darüber gesagt, wie ich alte Frauen gegen ihren Willen über die Straße kriege.