freunde

Wirklich tiefe Freundschaften gibt es wenige und neue zu schließen wird mit zunehmenden Alter auch nicht unbedingt einfacher. Aber richtig schwierig wird es, wenn es sich bei dem neuen Freund um ein Steak handelt.

Eigentlich sollte mal jemand nach Kentucky fahren oder wo sonst dieser Jonathan Safran Foers sich aufhält und ihm mal klar machen, was er mit seinem Buch “Tiere essen” angerichtet hat. Denn ich habs gelesen und mein Leben ist seither nicht mehr, was es mal war.

Früher ging ich zielgerichtet zum Schlachter auf unserem Wochenmarkt und holte mir was die Auslage so her gab. Steaks, Koteletts, Bratwurst etcetera. Mein Leben war unkompliziert und zudem äußerst schmackhaft. Und heute? Heute mache ich einen weiten Bogen um die Schlachterbude mit dem lachenden rosa Schwein im Namenszug. Ganz wie die Laborratte, die begriffen hat, dass aus dem Rohr über dem Fressnapf ein eiskalter Luftstrom kommt und es daher ratsam ist, die Schnauze nicht darunter zu halten und lieber etwas anderes zu fressen. Wenn denn was da ist. Anderenfalls setzt man sich als erprobte Laborratte solange in die Ecke und wartet bis die Forscher mit dem Ergebnis zufrieden sind oder versucht es erneut.

Und so drehe ich nun, als übergroße Laborratte in der NSF-Zeit (NachSafranFoer-Zeit) meine Runden über unseren Wochenmarkt. Kaufe hier ein wenig Gemüse, dort ein paar Oliven, wechsele einige Worte mit der Frau vom Apfelstand und freue mich über die liebevoll gegrillte Portion Tofu in meiner grasgrünen Einkaufstasche. Gelegentlich, im Vorübergehen, eher zufällig, also ganz ohne Absicht erhascht mein Auge noch einen Blick auf das ein oder andere Steak. Sie liegen in der Auslage mit einer Selbstverständlichkeit, einer solchen Ruhe und Gelassenheit wie sie sonst nur in den Entspannungsräumen einer Wellness-Oase anzutreffen ist. Sie sind die Ruhe in Person.

Da stehe ich nun auf dem Wochenmarkt, mit den Gedanken bei Rind und Schwein. Erst höre ich sie nur spärlich, dann immer deutlicher. Die Stimme, die mich nun ins Hier und Jetzt meiner NSF-Zeit zurück holt, gehört der netten Verkäuferin des Schlachters vor dessen Wagen ich mich wiederfinde: “Hallo Herr Schröder, was kann ich für Sie tun?” Als hätte ich meine Antwort schon vor hunderten von Jahren eingeübt und sie mir seither immer wieder vorgesagt, kommt sie mit der Geschmeidigkeit weicher Butter über meine Lippen: “Ein Steak bitte.” “Ja gern” sagt sie mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zu mir “und ich dachte, sie wollen erst noch Freundschaft schließen mit dem Stück Fleisch.”

Wahrscheinlich kennt die Verkäuferin Beverly Fehr von der kanadischen Universität Winnipeg. Die hat 1990 die Grundlagen guter Freundschaft erforscht. Demnach muss man sich regelmäßig und häufig sehen, muss wechselseitig viel von sich preisgeben und man sollte kein introvertierter, schweigsamer Nerd sein. Durchschnittlich haben wir ein bis zwei beste und vier bis fünf gute Freunde, wie bei einer Umfrage der Uni Chemnitz herausgekommen ist. Und wer jugendlich ist, so sagt der Medienpädagogische Forschungsverband Südwest, hat im Schnitt 270 Facebook Freunde.

Das Steak und ich haben also beste Voraussetzungen, um Freunde fürs Leben zu werden. So oft wie ich es gesehen habe und an ihm vorbei gegangen bin, wird das `ne ganz, ganz dicke Sache mit uns beiden. So mit Kräuterbutter und Baguette.