experte

Gut, dass es für alles einen Experten gibt, dachten sich die Neandertaler und schickten ihn zwecks Wohnungsuche in die Bärenhöhle. Diese Arbeitsteilung hatte viele Vorteile und einen kleinen Nachteil. Sie macht dumm.

Das Leben ist kompliziert. Das war es zwar schon immer, aber wir konnten nichts daran ändern und mussten uns um jedes Problem selbst kümmern. Meistens machte uns das schlauer. Doch dann kamen Dinge wie Bedienungsanleitungen von Videorecordern in längst ausgestorbenen oder nie existierenden Sprachen. Oder Computer, die abstürzten, obwohl sie noch oben auf dem Schreibtisch standen. Und in ihrem Gefolge kamen Menschen, die sich damit auskannten. Vielleicht es aber einfach nur behaupteten.

Die Experten waren geboren. Wir hatten zwar weiterhin eine Menge Probleme, doch dafür hatten wir ja nun diese fitten Leute. Die würden das schon richten. Und wir konnten guten Gewissens mit dem Denken aufhören. Sie glauben das nicht? In einem Experiment haben Wissenschaftler Gehirne von Testteilnehmern in einem Kernspintomographen gescannt, während diese einem Experten zuhörten. Die Areale im Gehirn der Testteilnehmer, die für deren freie Entscheidungen verantwortlich ist, war so aktiv wie ein Braunbär im Winterschlaf. Da passierte nichts. Die Teilnehmer haben sich die Expertenmeinung angehört und getan, was dieser empfahl.

Nachdem ich das erfahren hatte, beschloss ich, auch zum Experten zu werden. Scheinbar liegt auf diesem Feld die Zukunft und man kann damit reich und berühmt werden. Und was lag näher, als es auf einem Gebiet zu tun, bei dem, wenn Schäden entstehen, sie nicht bei mir entstehen. Aktives Riskiomanagement, habe ich bei den Investmentberatern gelernt. Mein Expertengebiet sollte auf dem Feld der medizinischen Behandlung eines unserer Familienmitglieder liegen. Genauer, in der Verabreichung von Spritzen.

Also machte ich mich auf zur Apotheke und verkündete freudig meinen Wunsch. „Vierzig Einwegspritzen plus Kanülen.“ Allein die Wortwahl, nicht von Nadeln, sondern von Kanülen zu sprechen, sollte doch schon Hinweis genug sein, mich als profunden Kenner meines Faches, als Experten auf dem Gebiet der Spritzerei auszuweisen. Statt mir den nötigen Respekt zukommen zu lassen, musterte mich die Apothekerin mit dem Blick einer erfahrenen Bäuerin, die sich gerade überlegt, wie sie das vor ihr stehende Huhn tötet und auseinander nimmt. „Welche Stärke, welches Medikament, i.V. oder i.M, ölig oder wässerig und welche Menge über welchen Zeitraum?“ Die Worte verließen ihren Mund wie Sylvesterraketen die leeren Sektflaschen. Schnell und zischend.

Ich meine, geht man so mit einem profunden Experten wie mir um? Löchert man ihn mit Fragen? Ölig oder wässerig? Ja was weiß denn ich? Bin ich Jesus, kann ich über`s Wasser gehen? Steht auf meiner Stirn geschrieben, sie sprechen mit dem Orakel von Delphi, nur zu, haben sie keine Scheu, fragen sie, was immer ihnen in den Sinn kommt.

Okay, würden mehr von uns die tatsächlichen oder vermeintlichen Experten löchern, würde es vielleicht bessere Lösungen geben. Vielleicht. Aber ganz sicher gäbe es weniger Dummheit und mehr bewegliche Hirnareale. Für den Anfang doch auch ganz gut.