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Kosenamen waren bisher etwas für den intimen privaten Bereich, für die geschützten eigenen vier Wände. Dass es damit nun vorbei ist, erfuhr ich während einer Bahnfahrt.

Jeder sechste Deutsche gibt seiner Partnerin bzw. seinem Partner einen Kosenamen. Der absolute Liebling der letzten Jahre ist, laut einer Befragung der Uni Augsburg, mit großem Abstand “Schatz”. Gern genommen wird auch Liebling, Sonnenschein oder Engel, die auf den Plätzen zwei bis vier folgen. Edmund Stoibers “Muschi”, so nennt er in den trauten vier Wänden seine Frau Karin, taucht nicht unter den ersten Zehn auf.

Während es im privaten eher liebvoll zugeht, ging es bisher im beruflichen Bereich handfester zur Sache. “Stinkfuß” für den Kollegen mit einer angeborenen Abneigung gegen jedwede Artikel der Körperhygenie oder das “Sparbrötchen” für die Abteilunsleiterin des Controllings. Immer wieder im Gebrauch ist auch “Karlo Kleinkarier” für einen visionären Chef, dem keine Idee zu groß und wichtig ist, um sie nicht mit Pauken und Trompeten zu beerdigen. Doch offenbar hat sich hier ein Wandel vollzogen. Der Trend geht im Job, wie im Privaten, zu liebevollen Kosenamen.

Der Beweis meiner Behauptung saß mir im Zug von Hamburg nach Bremen gegenüber. Drei Leute, so um die Mitte Zwanzig. Eine Frau, zwei Männer. Der Kleidung nach zu urteilen, Mitglieder von Deichkind. Schräges Käppi, labberiges T-Shirt, tief sitzende Shorts. Sie unterhielten sich über ein Projekt, das sie gerade planten. Es hatte etwas mit Musik zu tun. So genau konnte ich es nicht verstehen.

Die Leute haben ja die Angewohnheit, ihre Stimme zu senken, wenn sie glauben Fremde hören ihnen zu. Offenbar haben sie keine Ahnung, wie anstrengend es unter solchen Bedingungen für mich ist, alles mitzuhören. Ein bisschen Mitdenken Leute, auch wenn ihr jung seit, das ist doch nicht zuviel verlangt, oder? Oder glaubt ihr, mir fällt es leicht, die ganze Fahrt über gebückt im Gang zwischen den Sitzreihen zu hängen, um alles mitzukriegen?

Okay, das mußte gesagt werden. Doch nun zu dem, was kurz vor Rotenburg, einer Metropole im Niedersächsischen, passierte. Dort es kam zu folgendem Dialog (Namen sind frei erfunden):
Karl: Das ist echt geil, Mann.
Helmut: Ja, total.
Maike an Karl: Und was machst du da genau?
Karl (proppere 120 kg verteilt auf 1,85 Länge): Ich programmiere und steuere die Implementierung.
Maike: Das ist doch bestimmt viel Arbeit.
Karl: Es gibt Tage, da komme ich gar nicht raus aus der Firma.
Maike: Cool, dann bist du ja ein richtiges Grubenpony.
Karl: Was?
Wiebke: Na ja, so ein Pferd das unter Tage lebt und arbeitet. Die hatten die früher immer in Bergwerken. Dünn und ein bisschen ausgemergelt, das Fell räudig und fast blind. Total liebe Tiere.

Grubenpony hab ich nicht in der Liste der meist geliebten Kosenamen gefunden. Aber ich bin mir sicher, das Pony hat das Zeug für die neue Nummer Eins.

Wer genaueres zu den Kosenamen wissen will, findet hier die Kosenamenstudie 2012 des Münchener Personal Novel Verlages.