motivation

Kann man Menschen motivieren? Vielleicht, die Welt streitet allerdings noch darüber. Doch soviel kann ich jetzt schon zur Diskussion beitragen: alte, dünne Frauen sollten die Finger davon lassen.

Über Ostern hat es mich mal wieder in unsere Hauptstadt verschlagen. Berlin zeigte sich von seiner besten Seite. Kalt, Schnee und Ostwind. Eine Mischung, die in mir Fluchtreflexe auslöst, bei den Berlinern allerdings zu bemerkenswerten sprachlichen Anpassungen führt. So verabschiedete sich die Besucherin eines Cafés von ihren Freunden mit dem Satz: “ Na denn, fröhliche Weihnachten liebe Leute, ick mach mir jetzt mal vom Acker.” Die Berlinerinnen wissen die Welt zu nehmen.

Denn deren Schlagfertigkeit hatte ich schon vor Jahren kennen und schätzen gelernt. Bei meinem ersten Marathon in Berlin und im Leben überhaupt, begegnete ich einer von ihnen. Und zwar bei Kilometer 34. Unschwer ist daraus zu schließen, dass ich bereits 34 Kilometer gelaufen und noch dabei war, die Eindrücke des Laufes zu verarbeiten. So habe ich mit einiger Verwunderung zur Kenntnis genommen, dass Stehenbleiben mich keinen Meter näher zum Ziel bringt. Was beim Radfahren, nämlich sich einfach mal rollen lassen und nicht treten, doch noch zu einigen Metern Raumgewinn führt, beim Laufen so gar nicht funktioniert. Bleibt man stehen, dann steht man. Und meistens sieht man dabei auch noch ziemlich blöd aus. So fertig wie ein alter Putzlappen.

Und nun stand ich bei Kilometer 34. Beweglich wie ein Betonklotz fühlte ich mich, so lebendig wie ein Huhn nach dem Besuch eines Schlachthofes. Und vom Straßenrand feuerten mich die Berliner an. Es war toll. Ich habe zwar nicht ganz verstanden, wieso sie einen Toten aufforderten aufzustehen, aber sie taten es. Sie klatschten und riefen “Bravo, Klasse nur noch 8 Kilometer”. Das entsprach in meiner Situation in etwa der Entfernung Berlin – Moskau. Aber ich war gewillt, Moskau zu erreichen.

Nachdem ich kurz über die Benutzung des S-Bahn nachgedacht, es aber wieder verworfen hatte, setzte ich mich wieder in Trab. Wobei Trab nicht ganz das beschreibt, was ich da tat. Gehobenes Schleichen mit angedeuteten Laufbewegungen trifft es eher. Während ich mich also zu Kilometer 35 aufmachte, hörte ich in meinem Rücken Stimmen. Es mussten mehrere Leute sein. Sie lachten und erzählten sich etwas, was ich allerdings nicht verstehen konnte. Und sie kamen schnell näher. Umdrehen und schauen, was und wer da mit rasanter Geschwindigkeit auf mich zuraste, war in meinem Zustand das reinste Gift. Jede unnötige Bewegung musste ich vermeiden, wollte ich nicht sofort die Orientierung verlieren und sinnlos in die Menschenmenge torkeln.

Und dann spürte ich sie, die Hand, die für einen kurzen Moment auf meinem Rücken ruhte. Zeitgleich sagte die Person, die ganz offensichtlich zu dieser Hand gehörte: “Det schaffste schon Kleener”. Hand und Stimme gehörten einer ca. 1,65 cm großen, schlanken durchtrainierten 75jährigen Frau. Sie lief, mit der Geschwindigkeit einer Gazelle auf der Flucht, lachend an mir vorbei.

Ich liebe es, motiviert zu werden.