Augenblick

Wer höflich sein will schaut anderen in die Augen. Gewürzt mit einem kleinen Lächeln ist das schon die halbe Miete für eine gute Beziehung. Mag ja sein, dass diese Annahme in geschlossenen Räumen gilt, draußen scheint sie ihren Zenit überschritten zu haben.

Augen sind ja bekanntlich die Fenster der Seele. Wenn wir wissen wollen, mit wem wir es zu tun haben, einfach tief in die Augen schauen und schon ist es klar, wes Geistes Kind vor uns steht. Das war früher genauso wichtig wie heute. So konnten zum Beispiel unsere Vorfahren ihre Lebensdauer erheblich verlängern, wenn sie in der Dunkelheit das Augenpaar eines Grizzlys von dem des freundlichen Stammeskollegen unterscheiden konnten.

Das Spiel mit den Augen soll aber auch noch auf anderen Gebieten gute Dienste geleistet haben. So ist es lang geübte Praxis in schwierigen Verhandlungen dem Gegenüber in die Augen zu schauen. Dass soll den Grad der Verbundenheit steigern und helfen, gute Ergebnisse zu erzielen. Wer einmal mit seinem pubertierenden Kind darüber verhandelt hat, dass es Punkt 22.00, ohne erhöhten Blutalkohol- und Canabis-Werte zuhause sein soll, musste bitterlich erfahren, dass Augenkontakt auf den Grad der Verbundenheit, heißt den Grad der genauen Befolgung der elterlichen Vorgaben, nur minimalen Einfluß hat. Und ist damit dem intensiven Starren auf den Kontoauszug nicht unähnlich. Denn auch stundenlanger Blickkontakt mit dem Auszug führt nicht zur Reduzierung der Überziehung.

Ich hätte das alles wissen können und mir so manche zwischenmenschliche Kollision ersparen können, wenn ich nur die Forschungen des Wissenschaftlers Frances Chen gekannt hätte. Der hat nämlich heraus gefunden, dass intensiver Blickkontakt die Menschen nicht freundlicher stimmt, sondern sie renitent macht. Da ich das nicht wusste, lief ich, mit mittlerweile völlig veraltetem Wissen, durch die Welt. Lächeln öffnet Türen, stimmt Menschen freundlicher und ist der ideale Schmierstoff, um sich das Leben leichter und angenehmer zu machen.

Und so grüße ich bei meinen Wegen durch unsren Stadtteil jeden den ich treffe, lächle auch die an, die ich nicht kenne und bin an einer Einweisung in die geschlossene Abteilung der hiesigen Psychiatrischen Klinik noch jedesmal entkommen. Und ganz besonders angetan war ich von einem mittelalten Mann, der seinen Hund im Park spazieren führte. Er strich seinem Hund alle paar Meter liebevoll übers Fell, sagte ihm ein paar Worte, die ich leider nicht verstand, weil ich zu weit weg war. Aber dem Hund müssen sie gefallen haben, denn er wedelte mit dem Schwanz, als wollte er damit ein Grillfeuer in möglichst kurzer Zeit zum Glühen bringen.

Als das Mann-Hunde-Gespann und ich auf gleicher Höhe waren, setzte ich mein allerschönstes Lächeln ein, schaute ihm in die Augen und macht ein kurze, mit dem Kopf angedeutete Nickbewegung, was heißen sollte, “Hallo ich mag sie, sie gehen toll mit ihrem Hund um, sie scheinen ein guter Mensch zu sein”. Aber irgend etwas in meiner nonverbalen Kommunikation muss falsch gelaufen sein. Vielleicht war die Reihenfolge falsch. Ich hätte erst nicken und dann lächeln müssen.

“Senta, was war das denn für ein Arschloch, der hat gelächelt als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Leute gibts.”

Ich habe Frances Chen meine Telefonnummer gegeben. Er soll mich demnächst anrufen, wenn er neue Studien aufgelegt hat. Ganz besonders solche, in denen es sich um Halter handelt, die ihre Hunde Senta nennen.