Haben Sie mal wieder die Idee Sie müssten etwas für Ihre Work-Life-Balance zu tun? Sie wissen schon, nicht arbeiten und so. Dann könnte ein Besuch im Museum hilfreich sein. Doch Achtung, das kann im Wahnsinn enden.

Ja, ich gebe es zu. Ich bin Dithmarscher und ja, ich gehe gern in Museen. Klar, ein Gegensatz wie er nicht größer sein könnte. Vergleichbar allenfalls mit einer Kuh die von sich behauptet, sie würde in ihrer Freizeit gern Brahms hören. Soll es ja geben. So werden Kobe-Rinder, unbestätigten Quellen zufolge, in temperierten Ställen, mit klassischer Musik und wiederkehrenden Bauchmassagen aufgezogen. Auch gut. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zur Kultur.

Da stehe ich nun in der Schlange vor der Kasse des Hamburger Kunstmuseums um eine Karte für die Neo Rauch Ausstellung zu ergattern. Die Mitarbeiterin händigt mir mit der Karte das Wechselgeld aus und schickt den gut gemeinten Ratschlag hinterher: „Sie wissen doch, mit dieser Karte können Sie auch die übrigen Ausstellungen in unserem Haus anschauen!?“ Bis vor wenigen Sekunden war ich noch völlig gelassen. Vor mir lag eine übersichtliche Anzahl von Bildern. Gut zu schaffen und ein ausgiebiger Cafebesuch wäre ebenfalls locker drin gewesen. Ja, wäre. Wenn nicht der Satz dieser Mitarbeiterin „Sie können alles sehen“ wie eine marodierende Wildsau durch mein Gehirn rasen würde.

Rauch sehen 12€. Alles sehen ebenfalls 12€. Bei derartigem Einsparungspotenzial schlägt dem geneigten Unternehmensberater das Herz bis weit über den schlaffen Hals. Effizienzgewinn. Das Wort steht meterhoch im Raum, wie Hollywoods Buchstaben in den Hügeln von Los Angeles. Was ist zu tun? Ein Strategiepapier mit den wichtigsten Eckpunkten muss her. Neo Rauch muss schneller gehen. Nur jedes zweite Bild. Die von seinem Kumpel Hodler lasse ich am besten gleich ganz weg. Und der Russe, wie heißt der nochmal, Dneper oder Dejneka? Egal, den kenne ich ohnehin nicht. So komme ich durch und es bleibt genügend Zeit für die Spinnen von Louise Bourgeois. Alles für schlappe 12€. So kann`s gehen. Allerdings brauche ich jetzt erst mal einen Kaffee. Dieser Planungsstress macht mich völlig fertig.

Die Aufregung hätte ich vermeiden können, wenn mir Marie-Henri Beyle bekannt gewesen wäre. Aber ich bin Dithmarscher und wir kennen keine Franzosen. Wir haben immer nur gegen die Dänen gekämpft. Beyle, bekannter unter seinem Pseudonym Stendhal beschrieb ein Phänomen, dass Reisende befällt wenn sie Städte oder Orte mit hoher kultureller Dichte besuchen, wie z.B. Florenz, Rom, Athen oder Meldorf. Sie wissen vor lauter Angeboten nicht mehr was und wie sie diese Vielfalt wahrnehmen sollen. Von der Reizüberflutung förmlich auf den Boden gedrückt reagieren sie mit Denk- und Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Allmachtsphantasien, Bluthochdruck oder schlichter Ohnmacht. Das schiere Überangebot trieb sie in den Wahnsinn. Sie schnitten sich vielleicht keine Ohren ab oder kippten literweise Absinth in sich rein, aber auf den Steinen der Piazza della Signoria mal eben in Ohnmacht zu fallen, ist für den Kopf wahrscheinlich auch kein Zuckerschlecken.

Ich für meinen Teil habe das Cafe der Ohnmacht vorgezogen und getreu einer alten Dithmarscher Weisheit „Immer langsam, das Wasser kommt wieder“ Käsekuchen gegessen. War auch lecker.