Alle Menschen genießen in Deutschland Schutz vor Diskriminierung. Auch die Alten. Das sagt die Leiterin der Antidiskreminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders. Doch was soll daraus werden, wenn schon der Gemüsehändler auf dem Markt sich nicht daran hält?

Das Jahr 2012 ist das Jahr gegen die Alterdiskriminierung. Dass damit nicht alle Probleme beseitigt werden zeigt schon dieser Vorfall. Hier wird ein Klinikmanager deshalb vor die Tür gesetzt, weil er den Aufsichtsgremien mit 62 Jahren zu alt erschien, um die Klinik in eine blühende Zukunft zu führen. Andererseits gibt es Ideen, Menschen gerade deshalb in den Mittelpunkt von zukunftsweisenden Projekten zu stellen, weil sie ein gewisses Alter erreicht haben.

So möchte der EU-Kommissar Antonio Tajani den Urlaub von Rentnern subventionieren, damit sie die schwächelnde Auslastung von Griechischen und Spanischen Hotels ein wenig abmildern. Vielleicht könnte er sie ja auch überzeugen, auf dem Weg nach Rhodos oder Mallorca noch kurz ein paar Monate in die dünner besiedelten Gegenden Deutschlands zu ziehen, um leer stehenden Wohnraum zu beleben. „Wir rocken die Lausitz“, wäre doch ein passendes Motto. Ach ja, wenn doch nur mein Gemüsehändler ein bisschen vom innovativen Geist dieses Antonio Tajani hätte, dann wäre das mit der Altersdiskriminierung auch in Bremen schon längst Schnee von gestern.

Wochenendeinkäufe mögen für andere der reinste Horror sein. Für mich sind sie ein Quell der Freude und willkommener Anlass völlig neue, bahnbrechende Ideen zu verfolgen. Niemals und unter gar keinen Umständen verlasse ich das Haus zum Wochenendeinkauf ohne vorher ein ausgeklügeltes Supply Chain Management installiert zu haben. Das diffizile Zusammenspiel zwischen Bäcker, Supermarkt, Gemüsehändler und anderen Lieferanten des täglichen Bedarfs will gut geplant und durchdacht sein. Erst zum Bäcker oder vorher zum Supermarkt? Später los, um der mitteilungsbereiten Nachbarin aus dem Weg zu gehen oder doch gezielt ihren Weg kreuzen um detailreich zu erfahren wer gestorben, geboren oder Sex mit Unbekannten hatte?

Und wie immer bei Projekten, kommen trotz ausgeklügelter Planungen und dem Einsatz umfangreicher Managementsoftware die einen oder anderen Unregelmäßigkeiten vor. So bleiben schon einmal Tüten mit Obst beim Gemüsehändler liegen, weil sich Prioritäten in der Logistikkette graduell verschoben haben. Allerdings hat sich meinem Gemüsehändler die Komplexität des Ganzen  wohl noch nicht vollständig erschlossen. Anders ist seine Aussage, „Du hast dein Obst und Gemüse bei mir vergessen“  nicht zu verstehen. Und dann fährt er auch noch ungerührt fort, ganz so als wäre es die normalste Sache der Welt: „Aber wenn du willst, können wir es dir auch vorbeibringen. Das machen wir bei Älteren immer so.“

Während Dr. Jekyll noch mit Mr. Hyde um die maßgeblichen Persönlichkeitsanteile kämpft, hat mein Dithmarscher Troll längst die Oberhand gewonnen. „Seh`n wir etwa aus als würde wir unsere Tüten vergessen? Und seh`n wir etwa so aus als wären wir diese Älteren? Auf keinen Fall, du Lusche. Das alles ist Ausdruck einer sorgfältigen Planung, die du kleine Gemüsemade bloß nicht durchschaust.“

Freundlich nehme ich meine Tüten und verabschiede mich mit der Frage: „Klasse, das ist eine gute Idee. Was kostet das denn extra?

Im Jahr 2012 ist eines ganz wichtig, der täglichen Diskriminierung muss man beherzt und aufrecht entgegentreten. Wegducken hilft nicht. Wehret den Anfängen, sonst ändert sich nichts hierzulande.