Wenn wir Einstellungen und Haltungen bei Menschen beeinflussen wollen, dann können wir versuchen sie mit Zahlen, Fakten oder Einschätzungen zu überzeugen. Das ist nicht immer erfolgreich.  Besser, weil wirksamer, scheint es hingegen zu sein, Menschen Geschichten zu erzählen die ihre Gefühle ansprechen. Diese Kunst, auch Storytelling genannt, beherrscht niemand so gut wie mein Nachbar Schulze. Besonders seine Tiergeschichten begeistern.

„Wir müssen 12 Stellen einsparen weil wir kein Geld mehr haben. Das machen wir wie folgt“. Das ist zwar keine sehr charmante Art der Ansprache, aber eine sehr direkte. Manchmal gipfelt sie auch in der Aussage: „Das ist Alternativlos“. Ob dieses Vorgehen allerdings zielführend ist und die Menschen erreicht, darf getrost bezweifelt werden. Wer Menschen auf einen neuen Weg mitnehmen will und sie für diesen Weg gewinnen will, der sollte ein Seminar bei meinem Nachbarn Schulze besuchen. Ein Meister der emotionalen Bindung und ein Crack darin, Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen.

Neulich sprach mich eine Nachbarin an. „Herr Schröder, sie kennen doch Herrn Schulze gut. Hat der eine Schlange?“ Als ich verneinte und sie fragte wie sie darauf käme, erzählte sie von einem Gespräch zwischen ihr und Schulze. „Wir haben doch einen kleinen Hund und der bellt ein bisschen zu viel. Das findet Herrn Schulze mitunter ein wenig lästig. Und als ich ihn neulich auf der Straße traf, sagte er zu mir, dass er jetzt ein neues Hobby habe. Er züchte Schlangen und habe sich als erste eine Boa constrictor gekauft. Ihn faszinieren diese Tiere. Sie haben so ein schönes Fell und bewegen sich so geschmeidig wenn sie auf Beutefang gehen. Sie töten ihre Beute durch Ersticken und verschlingen sie komplett. Dabei können sie ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichts verdauen, meinte er. Dann fragte er wie groß eigentlich unser Hund sei und bemerkte einschränkend, dass es ja egal sei, weil wir ihn ja nicht mehr in den Garten lassen. Er meinte nur, falls ihm seine völlig ungefährliche Schlange einmal entlaufe und sich zum Sonnen in unseren Garten legt.“

Nächste Woche hat sich bei uns der Mitarbeiter einer Reinigungsfirma angesagt. Wir erhalten völlig unverbindlich eine Probesäuberung unserer Polster. Bei Gefallen würde er wiederkommen. Ich werde Schulze um eine Geschichte bitten, die die Beziehung zwischen mir und dem Polstereiniger auf eine vertrauensvolle und zukunftsweisende Ebene hebt.