Das wirklich wilde und nicht einschätzbare im Leben ist auf dem Rückzug. Nach den Dinosauriern macht sich nun auch das Unerwartete aus dem Staub. Zurück bleibt ein Brei aus Bekanntem und ewig Vertrautem. Doch nicht überall. An einigen Orten gibt es sie noch, die gute alte Überraschung.

Es gibt genügend neunmalkluge Neurowissenschaftler die doch allen Ernstes behaupten, dass wir im Leben immer mit unvorhersehbaren Situationen, Abläufen oder Begegnungen rechnen müssen. Und das es gut wäre, wenn wir auf solche Momente vorbereitet wären. Um dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. Diese Leute gehen sogar so weit zu behaupten, dass Überraschungen gut fürs Gehirn sind. Sie halten es fit. Das hört sich alles sehr gut an. Stellt den geneigten Unternehmensberater aber vor erhebliche Probleme.

Vor einigen Tagen verlasse ich voller Tatendrang, bei strahlend kaltem Winterwetter unser Haus und denke noch so bei mir: „Das wird ein richtig guter Tag“. Wie sehr man sich täuschen kann. Also gehe ich wie  gewohnt die Außentreppe zum Keller hinunter. Immer links. Hat sich bewährt.  Wie ich auch morgens immer online Spiegel, FAZ und Zeit überfliege. Hat sich auch bewährt. Das Leben braucht Struktur. In den Keller gehe ich an diesem Morgen um mein Fahrrad zu holen. Denken ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Alles geschieht mehr oder weniger automatisch. Ich liebe es, wenn Abläufe so mühelos vor sich hinflutschen.

Im Keller angekommen, war er da, der Moment der Überraschung. Der Moment von dem die Neurowissenschaftler allen Ernstes behaupten, er bringt mich weiter und ist gut für mich. Was bitte schön soll an einem platten Vorderreifen, zudem noch unangekündigt und mit dem Termindruck eines abfahrenden Zuges in wenigen Minuten vor Augen, gut sein? Zumal ich seit Jahren ein Fabrikat benutze, das das schöne Wort „Unplattbar“ im Namen führt. Name und Zustand sind ein krasses Gegensatzpaar, die sich absolut ausschließen. Ich schaute drein wie ein Schimpanse, dem gerade eine Plastikbanane hingeworfen wurde. Überraschung.

Da lobe ich mir die neuen Medien. Google und Co. haben begriffen, ganz im Gegensatz zu den Neurowissenschaftlern, dass ich Überraschungen nicht mag und sie nicht gut für mich sind. Wenn ich bei Google etwas suche, erhalte ich auf meinen Geschmack und Vorliebe zugeschnittene Werbung. Facebook schlägt mir Freunde vor, die ich kennen lernen sollte und wenn ich bei Amazon etwas kaufe, dann finde ich immer einen freundlichen Hinweis darauf, was mir noch gefallen könnte. Das Web denkt für mich.

Ich bleibe in meiner überschaubaren Welt. Keine Experimente. Einmal Radfahrer immer Radfahrer. Mein Freund Klaus behauptet zwar, dass ich demnächst in meiner eigenen Websuppe ersaufen werde. Allerdings wird mir das nicht viel ausmachen wie er sagt, weil ich, bevor es mir bewusst wird, schon verblödet sein werde. Klaus ist praktischer Neurowissenschaftler.

Doch es gibt sie noch, die Trainingsfelder für Überraschungsgegner wie mich. Die Deutsche Bahn. Auf einer Fahrt in den Süden Deutschlands hielt der Zug irgendwo hinter Kassel. Erstaunlicherweise stiegen viele Mitreisende aus. Allerdings ließen sie Gepäck und Klamotten im Zug zurück. Eine unübersichtliche Situation, in der der Unternehmensberater naturgemäß eine gehörige Portion Unwohlsein verspürt.

Also ging ich auch raus, man weiß ja nie, Bomben und so. Keine Bombe, die Bahn schenke mir 28 lange Minuten Lebenszeit auf einem Bahnhof ohne Namen. Keine Verspätung, keine technische Störung. Nein, es war alles in Ordnung. Ein fahrplanmäßiger Halt. Überraschung.

Seither liebe ich Überraschungen. Sie machen nicht nur mein Gehirn fit, sondern steigern zudem das Orientierungswissen. Anders als das Verfügungswissen, hilft es uns neue Erfahrungen gewinnbringend zu nutzen. Und ich, ich konnte nun dank der Bahn auf einem fremden Bahnhof, in einer mir unbekannten Stadt einen freundlichen Milchkaffee in der Bahnhofshalle genießen.

Wird Zeit Google und Co. mit Überraschungen vertraut zu machen. Sonst bleibt das Denken auf der Strecke und mein Freund Klaus hat am Ende doch noch recht, mit der Dummheit und so.