Wer Probleme hat sich im Job durchzusetzen kann das in Seminaren üben oder gleich in`s richtige Leben springen. Bombenentschärfungen sind ein ideales Feld.

Keine Frage, wer Biss hat und in der Lage ist sich durchzusetzen, kommt oft weiter als andere. Wer wie ich in einer großen Familie lebt, kennt das aus eigener Anschauung. 6 Würstchen im Topf und 7 Personen am Tisch, da sollten mindestens ein Vegetarier oder ein Aggressionsgehemmter darunter sein. Ist das nicht der Fall, entscheiden Schnelligkeit, Körperkraft und der unbarmherzige Gebrauch des Essbestecks über Kartoffelsalat und Würstchen oder Kartoffelsalat ohne Würstchen. Besonders beliebt in solchen Runden sind auch die diskussionsfreudigen Teilnehmer. Während sie noch darüber philosophieren, ob und wie die gerechte Verteilung zu bewerkstelligen sei, sind die übrigen 6 schon entspannt zum Nachtisch übergegangen.

Doch die eigene Erfahrung hat einen entscheidenden Hacken. Sie gaukelt Sicherheit vor. Bisher glaubte ich nämlich mit meiner Durchsetzungsfähigkeit ist es ganz gut bestellt. So lasse ich z.B. Dränglern beim Bäcker nicht den Hauch einer Chance. Okay, gegen kleine zerrige Rentnerinnen habe ich noch kein vernünftiges Mittel gefunden. Schließlich kann ich sie nicht dauernd umschubsen. Das ist nicht sehr elegant und trifft meist auf wenig Zustimmung bei den Beteiligten. Aber ansonsten, weiß ich wie ich mich durchsetzen kann. Um auf dem Harburger Bahnhofsvorplatz gänzlich eines Besseren belehrt zu werden.

Der Zug nach Hamburg fährt in Bremen pünktlich ab. Nichts deutet auf Verspätungen, Probleme, Streiks oder ähnliche Hemmnisse hin. Während der Fahrt gehe ich noch einmal die Einzelheiten des bevorstehenden Termins durch und höre deshalb nur mit einem Ohr die Durchsage des Zugbegleiters. „Dieser Zug endet in Harburg und fährt nicht bis zum Hamburger Hauptbahnhof. Grund ist die Entschärfung einer Fliegerbombe.“ Ich erfahre auch noch, dass der gesamte Zugverkehr einschließlich aller S- und U-Bahnen eingestellt ist. Und zwar bis in den frühen Abend hinein. Gleichzeitig werden wir auf den Schienenersatzverkehr hingewiesen, der uns zum Hauptbahnhof bringen wird. Uns das sind, wie ich auf dem Harburger Bahnhofsvorplatz nach kurzer Übersicht schätze, 2000 Reisende.

Also schaue ich mich nach diesem Schienenersatzverkehr um. Das ist die freundliche Umschreibung für alte ausgediente Busse. Die es natürlich noch nicht gibt. Was es aber gibt sind Reisende. Und was auch gibt und die ganze Sache dann doch sehr informativ werden lässt, sind deren Gespräche. „Wieso warten die nicht mit der Fliegerbombe bis zur Nacht“ gibt eine im Gesicht bedenklich rot angelaufene Frau zum Besten. Ein junger Anzugträger wirft ein, „Wenn sie schon entschärfen müssen, dann sollen sie vorher hier Busse hinstellen“. Ich überlege noch kurz die Frage einzuwerfen, wer denn diese Bombe heute über Hamburg abgeworfen hat, beschließe dann aber doch, mich nicht an den Gesprächen zu beteiligen und gehe stattdessen auf die Suche nach einem Taxi.

Einige hundert Meter vom Bahnhofsvorplatz entfernt steht ein einzelnes Taxi. Mir ist schleierhaft weshalb es dort steht. Dass der Fahrer vielleicht geflüchtet ist oder schlimmer noch, erschlagen im Fußraum liegt, verwerfe ich sofort wieder als ich ihn quicklebendig hinter seinem Steuer erblickte. Mich vorsichtig umschauend, ob noch andere außer mir, dieses letzte freie Fahrzeug seiner Art in ganz Harburg erblickt haben, mache ich mich betont unauffällig auf den Weg in seine Richtung. Bloß kein Aufsehen erwecken. Keinesfalls rennen, dass ruft nur die Meute auf den Plan.

Noch drei Meter. Der Fahrer hat mich schon gesehen. Wir haben Blickkontakt. Ich sitze faktisch schon bei ihm drin. Doch dann fliegen zeitgleich alle Fahrzeugtüren, außer der des Fahrers auf und Sekunden später sitzen vier Leute im Taxi. Die vier sind so um die Zwanzig, schlank, durchtrainiert, kein Gramm Übergewicht. Wahrscheinlich Sondereinsatzkräfte des Bundesgrenzschutzes oder Beamte des israelischen Geheimdienstes Mossad. Geübt im lautlosen, unsichtbaren anschleichen und erobern von Taxen. Mit einem wohlwollenden Lächeln überlasse ich den Agenten das Taxi. Die haben wahrscheinlich einen wichtigen Einsatz, da will ich doch nicht im Wege stehen.

Dr. Jens Weidner, eine Koryphäe in Sachen Durchsetzungsfähigkeit rät in solchen Fällen zu einem kalkulierten Wutausbruch. Das finde ich eine sehr gute Idee. Ich denke da an eine 20 Kilo Autobombe mit Detonationsgarantie oder einen 20 Tonnen Hinkelstein, der wie zufällig von oben auf das Taxi fällt. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob die GSG 9 oder der Mossad nicht mit leichter Verärgerung reagieren würden. Daher erscheint mir die Rückkehr zum Schienenersatzverkehr irgendwie ratsamer. Ist doch sowieso Umweltfreundlicher. Aber sollte jemals ein Bus kommen, dann bin ich ganz, ganz vorne dabei. Mossad hin oder her.